SPD-Urgestein Hermann Bergmann geht in seine letzten Monate als Ratsherr

Alles nur für Visselhövede

Hermann Bergmann, Visselhöveder SPD-Urgestein, behält zwar sein Parteibuch, wird aber im September nicht mehr für den Stadtrat kandidieren.
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Hermann Bergmann, Visselhöveder SPD-Urgestein, behält zwar sein Parteibuch, wird aber im September nicht mehr für den Stadtrat kandidieren.

Visselhövede – „Gut für unser Land.“ „Der neue Weg.“ „Die Zukunft beginnen.“ Hermann Bergmann hält sein Parteibuch in der Hand und wird nachdenklich, als er durch die Slogans auf den Beitragsquittungen blättert. „Klar sind das Aussagen, die ich immer noch unterstütze, aber wir haben uns schon ganz schön geändert. Eine klassische Arbeiterpartei sind wir jedenfalls nicht mehr.“ Dennoch sei eine sozialdemokratische Politik zu Zeiten von immer mehr gesellschaftlichem Egoismus sehr wichtig. In Berlin. In Hannover und auch in Visselhövede.

Aber die Kommunalpolitik in seiner Geburtsstadt an der Vissel wird ab Herbst ohne den 74-Jährigen stattfinden, denn es brechen seine letzten zehn Monate als Ratsherr an. „Ich habe zwar immer noch Freude daran, die Geschicke der Stadt mitgestalten zu dürfen, aber jetzt sollten mal Jüngere ans Ruder und ich will nicht noch mit 80 im Rat sitzen“, sagt der frühere Polizeibeamte, der bei einem Verkehrsunfall im August 1970 seinen rechten Arm verloren hatte und von da an bis zu seinem Ruhestand vor 17 Jahren in der Verwaltung der Landespolizei eingesetzt worden war. Ein weiterer Grund sei der Tod seiner Frau Helga vor fast drei Jahren, von da an er eine Menge mit sich selbst zu tun habe, was auch Kraft koste.

Die ersten Schritte in die Kommunalpolitik hatte Bergmann im Oktober 1970 gewagt, als er von „einem Kumpel animiert worden war, doch mal zu einer Tagung mitzugehen. Dass es die SPD geworden ist, liege darin begründet, dass es im Freundes- und Bekanntenkreis seiner Eltern fast nur Anhänger der Genossen gegeben habe, „auch wenn mein Vater eher politisch neutral war“. So sei er als Jugendlicher doch eher der SPD zugetan gewesen. Es folgte die Aufnahme in den Visselhöveder Ortsverein, dessen Entwicklung er maßgeblich als Kassierer, Vorsitzender und Besitzer gestaltet hat. Als Nachrücker hatte er zunächst die Luft des Ratssaals in den Jahren 1989 bis 1991 geschnuppert, bevor er dann ohne Unterbrechung von 1996 bis heute das Gremium komplettierte. „In den 25 Jahren habe ich nicht nur tiefe Einblicke bekommen, was, wie, wo und wer für ein Fortkommen einer Gemeinde wichtig ist, sondern auch noch den Stadtdirektor Erhard Grunhold und die hauptberuflichen Bürgermeister Jens Kullik von der CDU, Franka Strehse von uns und den parteilosen Ralf Goebel miterlebt.“

Für Bergmann ist der Posten des Bürgermeisters in den Kommunen schon ein wichtiges und entscheidendes Amt, „für das ein Parteibuch nicht unbedingt notwendig ist.“ Der Verwaltungschef müsse nur auf die Leute eingehen und überhaupt sei die Kommunalpolitik ja die Grundform der Demokratie, weil „jeder jeden kennt und man die Dinge, über die man entscheidet auch sehen und anfassen kann“. Darum hofft Bergmann, der seit 2006 auch stellvertretender Bürgermeister ist, darauf, dass sich viele Leute zur Wahl am 12. September aufstellen lassen. „Zu sagen: Das lass mal die anderen machen und später dann meckern, das zählt nicht.“

Denn mit an der Zukunft der Stadt und ihren Dörfern zu arbeiten „macht auch richtig Spaß“. Auch wenn im Rat tatsächlich mal gestritten werde wie zuletzt vor der Abstimmung zum Bau des Primar Campus sei es wichtig, dass es die Beteiligten nicht persönlich nehmen. „Und das ist uns bisher auch immer gelungen“, sagt der zweifache Deutsche Meister im Sportkegeln der Behinderten. So sei es eine schöne Regelmäßigkeit, mit einigen Ratskollegen nach Sitzungen noch beim Griechen einzukehren.

Die Kasernenkonversion und vor allem die Aufnahme in das Städtebauförderprogramm seien zwei große Höhepunkte in seiner 25-jährigen Ratsarbeit gewesen. „Da sind die Verwaltung und auch wir Politiker hartnäckig geblieben, bis dann nach x-Jahren endlich der Bewilligungsbescheid eingetrudelt war. Das war für private und auch für öffentliche Maßnahmen enorm wichtig und hat die Stadt ein großes Stück nach vorne gebracht“.

Das wünscht sich Bergmann, der ab Herbst viel mehr lesen und Radfahren will und der immer noch Willy Brandt wegen seiner Ost-Politik als politisches Vorbild hat, auch von seiner Partei: „Wir müssen unser Profil schärfen und uns klar zu den anderen Parteien abgrenzen“, fordert der Visselhöveder, der einer Doppelspitze als Parteiführung wie aktuell mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans „nichts abgewinnen“ kann. „Wir müssen nicht alles nachmachen oder kopieren, was die Grünen uns vormachen“, betont Bergmann, der gerne den Niedersächsischen Innenminister und Parteifreund Boris Pistorius als SPD-Vorsitzenden gesehen hätte.

Die letzten Monate in der Politik will Bergmann noch voll und ganz genießen und das tun, was er seit Jahrzehnten gemacht habe: „Alles nur für Visselhövede.“  jw

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