Bilinguale Betreuung in der Wittorfer Kindertagesstätte läuft seit vier Jahren mit wachsendem Erfolg

Alles wie immer – nur auf Englisch

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Ute Schorpp-Bolz (l.) und Mona Senkbeil ziehen nach vier Jahren ein positives Fazit der zweisprachigen Betreuung.

Wittorf - Von Jens Wieters. Die Welt rückt immer näher zusammen, Fremdsprachen werden darum wichtiger. Kinder können nicht früh genug damit beginnen, eine zweite Sprache zu lernen. Im Wittorfer Kindergarten Zwergenstube läuft der Alltag bereits seit vier Jahren zweisprachig ab. Mit Erfolg. Wir haben mit der Kindergartenleiterin Ute Schorpp-Bolz und der Erzieherin Mona Senkbeil über große und kleine Erfolge gesprochen.

Frau Schorpp-Bolz, haben Sie sich schon einmal dabei ertappt, Zuhause auf Englisch zu fluchen?

Ute Schorpp-Bolz: Oh, my goodness. No! Never! Aber ich ertappe mich tatsächlich oft dabei, dass ich an Situationen aus dem Kindergartenalltag denke, und diese dann gedanklich auf Englisch kommentiere. Wir versuchen ja auch, mit unserem Native Speaker Englisch zu sprechen, um unseren Kindern ein Vorbild zu sein.

Aber jetzt mal Spaß beiseite, wie läuft der bilinguale Kindergarten Zwergenstube?

Schorpp-Bolz: In unserem Kindergarten arbeiten wir nach dem Immersions-Konzept. Das muss man sich ungefähr so vorstellen wie in einer Familie, in der die Kinder zweisprachig aufwachsen. Bei uns spricht die Erzieherin Mona Senkbeil Deutsch und Cinja Gerke Englisch. Sie begleitet die Kinder über den Vormittag bei allem, was auch andere Erzieherinnen tun. Also mit den Kindern spielen, basteln, Sport machen, das Frühstück begleiten, den Morgenkreis durchführen und vieles mehr. Nur eben auf Englisch. Die Kinder erleben so eine andere Sprache verbunden mit Handlungen im Alltag. Viele Rituale, die uns im Kindergartenvormittag Orientierung geben, finden auf Englisch statt. Von „Good morning“ bis „clean up“, „come into the circle” und „put on your jacket“.

Müssen die Kinder auf Englisch antworten?

Schorpp-Bolz: Wir erwarten nicht, dass die Kinder auf Englisch antworten, aber dass sie Fragen nach einer gewissen Zeit verstehen. Es gibt täglich Situationen, die mir –selbst nach vier Jahren – noch den Atem rauben. So wurden wir durch ein Weinen im Flur aufmerksam. Zeitgleich erreichte ich mit Cinja Gerke den Fünfjährigen. Er schaute erst mich an und dann Cinja und sagte: „My nose… at the door.“

Ab welchem Alter können oder dürfen die Kinder mitmachen?

Schorpp-Bolz: Mit dem Immersions-Konzept arbeiten wir bisher nur in der Kindergartengruppe, also mit den Kindern von drei bis sechs Jahren. In der Krippengruppe wird bisher nur der Morgenkreis zweisprachig durchgeführt. Seit Januar arbeitet dort auch eine Fachkraft. Luise Runge ist Erzieherin, hat in Kanada gelebt und ihr Studium auf Englisch absolviert. Zurzeit wird gerade geklärt, in wieweit es sinnvoll ist, die englische Sprache auch bei den jüngeren Kindern einzuführen. Wichtig bei einer Konzeptänderung ist auch immer, dass sich alle Beteiligten bei möglichen Veränderungen am Ende weiter wohl fühlen.

Wie viele Stunden in der Woche werden die Kinder englischsprachig betreut?

Schorpp-Bolz: Cinja Gerke begleitet an vier Vormittagen die Bärenkinder durch den Kindergartenvormittag. Luise Runge ist an fünf Vormittagen da.

Existieren vergleichbare Einrichtungen in der Region?

Mona Senkbeil: Unser bilingualer Kindergarten ist einzigartig im Landkreis Rotenburg. Wenn man recherchiert, findet man die nächste zweisprachige Kindertagesstätte in Uetze und Achim. Schön wäre es natürlich, wenn es mehrere Einrichtungen mit diesem Profil geben würde und noch viele Kinder davon profitieren können. Mit den beiden bilingualen Kindergärten treffen wir uns regelmäßig und tauschen uns aus. So lernen wir und sie immer wieder Neues dazu.

Ist die Teilnahme in der Kita verpflichtend?

Schorpp-Bolz: Ja, auf jeden Fall. Das wäre konzeptionell auch gar nicht anders möglich. Zum Glück ist es so, dass alle Eltern die frühe Mehrsprachigkeit gut finden. Einige Kinder werden auch gerade wegen des einzigartigen Angebots zu uns gebracht.

Die Eltern lernen quasi mit?

Senkbeil: Ja, nicht nur die Kinder profitieren davon, auch die Eltern werden in unser bilinguales Konzept mit einbezogen. Wir versuchen, so viel wie möglich in der englischen Sprache sichtbar zu machen. So ist unser Kalender mit allen wichtigen Informationen auf Englisch geschrieben. Auch werden unsere Elternbriefe teilweise in englischer Sprache verfasst. Im vergangenen Jahr haben die Kinder ein Theaterstück eingeübt, in dem einige Kinder auf Englisch gesprochen haben. Vor kurzem haben wir uns die Aufnahme davon mit den Kindern angeschaut. Sie waren sehr begeistert davon, sich selbst zu sehen und zu hören, wie sie englisch sprechen.

Gibt es positive Rückmeldungen von den Eltern?

Schorpp-Bolz: Wir hatten mal Karten erstellt, welche Wörter die Kinder schon auf Englisch kennen. Und diese dann im Kindergarten zu den Gegenständen sortiert. Mittags standen die Eltern davor und freuten sich. Eine Mutter kam zu mir ins Büro und sagte: ,Mensch Ute, wer hätte das gedacht, das ich bei euch im Kindergarten noch was lernen kann.‘ Was gibt es für ein schöneres Kompliment? Eine andere Mutter berichtete von einer Situation am Abendbrottisch. Sie fragte ihre vierjährige Tochter was sie essen und trinken möchte und die antwortete: „An Apple and sparkling Water“. Der zehnjährige Bruder guckte verdutzt und fragte: ,Was hat sie gesagt?‘ Gerade Eltern, die auch ältere Kinder haben, bemerken den Unterschied und staunen darüber, wie viel die Kinder im Vorschulalter nebenbei lernen können.

Hört man denn schon erste Erfolge?

Schorpp-Bolz: Die übertreffen all unsere Erwartungen. Wenn wir die Kinder an die Grundschule abgeben, können sie auf Englisch zählen. Sie kennen einige Tiere und Körperteile. Auch die Farben können sie benennen. Unsere Kinder verstehen viele Anweisungen, so dass auch Unterricht auf Englisch stattfinden kann.

Gibt es eine besondere Vorbereitung für die Schule?

Schorpp-Bolz: Vor den Sommerferien machen wir mit den künftigen Schulkindern eine Art Spracherfassung. Da arbeitet Cinja Gerke mit einem Bilderbuch, dass übrigens auch weltweit zur Spracherfassung eingesetzt wird. Dort gibt es Fotos, zu denen sie auf Englisch Fragen stellt. Die meisten Kinder antworten auf Deutsch, was auch richtig toll ist, weil es zeigt, dass die Kinder die Frage verstanden haben. Aber es gibt auch tatsächlich einige, die auf Englisch antworten. Und das sind oft Kinder, für die Englisch die dritte Sprache ist. Also Kinder, die einen zweisprachigen Hintergrund haben. Was beweist, dass es den Menschen leichter fällt eine andere Sprache zu lernen, wenn frühzeitig der Zugang fürs Fremdsprachenlernen gelegt ist.

Fließen eigentlich Fördergelder, um die Englischlehrerin zu bezahlen oder müssen die Eltern einen Extrabeitrag leisten?

Schorpp-Bolz: Das erste Jahr wurde Gerkes Einsatz bei uns über Fördergelder aus dem Bildungspaket bezahlt. Danach hatten wir das große Glück, dass bei uns eine Stelle frei wurde, die wir dann mit ihr besetzt haben. In der Krippengruppe war bei uns Anfang des Jahres auch eine Stelle frei. Die haben wir dann bewusst mit Luise Runge besetzt – einer Erzieherin mit einem fantastischen Englisch und jahrelanger Auslanderfahrung. Die Eltern zahlen für den Input ihrer Kinder keine höhere Kindergartengebühr. Das war uns von vornherein auch sehr wichtig. Denn wir wollten nie eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Ein großer Traum von mir wäre es, noch mehr Kinder in das Easy-LearningProgramm zu bekommen.

Seit wann gibt es dieses Angebot und wie ist die Idee gereift?

Schorpp-Bolz: Seit fast vier Jahren sind wir ein bilingualer Kindergarten. Die Idee dazu wurde von den Eltern an uns herangetragen. 2008 haben wir eine Befragung durchgeführt. Dort wurde mehrfach der Wunsch nach Englisch geäußert. Damals steckten wir gerade in einem Umwandlungs- und Qualitätsprozess unserer pädagogischen Arbeit und konnten uns das überhaupt nicht vorstellen. Nach zwei Jahren führten wir wieder eine Befragung durch und wieder gab es denselben Wunsch. Eine Kollegin stieß dann auf die Immersions-Methode, über die nachhaltige und wissenschaftliche Ergebnisse vorliegen. Diese Methode hat uns überzeugt und das Projekt Englisch im Kindergarten kam ins Rollen.

Wie steht die Grundschule zu dem Projekt?

Schorpp-Bolz: Das Feedback der Grundschule Wittorf war von Anfang an toll. Vor drei Jahren wurde das Englisch erst mal als AG weitergeführt. Dort wurde auf Englisch gesungen, gebastelt und ein Theaterstück eingeübt. Seit zwei Jahren wird dort Sport und Kunst komplett auf Englisch unterrichtet. Dieser Verbund mit der Grundschule ist übrigens einzigartig und wird auch von Institutionen aus Nachbar-Landkreisen sehr wohlwollend betrachtet. Vom Verein für frühe Mehrsprachigkeit Kindergarten und Schule haben wir sehr positive Rückmeldungen über unsere Kooperation bekommen.

Ist das Angebot auch nachhaltig oder müssen Eltern fürchten, dass es nicht mehr vorgehalten werden kann, wenn Cinja Gerke vielleicht mal ausscheidet?

Schorpp-Bolz: Mal abgesehen davon, dass es für unser Team ein persönlicher und menschlicher Verlust wäre, wenn Cinja Gerke nicht mehr bei uns wäre, ist jeder Mensch (leider) ersetzbar. Aber es wird schwierig werden, jemanden mit den Kompetenzen zu finden. Sie schafft es, selbst in schwierigen Situationen, in der englischen Sprache zu bleiben. Ich habe manchmal das Gefühl, dass sie ihre Fähigkeit Deutsch zu sprechen, an der Kindergartentür abgibt.

Können Sie die zweisprachige Betreuung ihren Kollegen der anderen Kindertagesstätten uneingeschränkt empfehlen oder braucht es bestimmte Voraussetzungen?

Schorpp-Bolz: Ich kann dieses Konzept sehr empfehlen. It’s an easy way to learn. Meiner Meinung nach kann es auch in jeder Kindertagesstätte installiert werden. Aber es braucht trotzdem bestimmte Voraussetzungen. Das Wichtigste ist einfach, dass es vom Team gewollt ist und nicht aufgedrückt wird. Wir können uns doch alle vorstellen, wie wir arbeiten, wenn wir etwas machen müssen, worin wir keinen Sinn sehen. Dann arbeiten wir ohne Lust und Freude. Jeder Kindergarten hat seine eigenen Schwerpunkte, die sich oft an den Fähigkeiten der Mitarbeiter orientieren. Und man braucht eine Cinja, die idealerweise Erzieherin ist. Die lange in einem englischsprachigen Land gelebt und eine hohe Bereitschaft hat, sich in der englischen Sprache weiterzubilden. So besucht Cinja einmal die Woche eine Art Sprechrunde, in der die Teilnehmer sich über aktuelle Themen austauschen. Natürlich auf Englisch!

Haben die Kinder eigentlich von Beginn an mitgemacht?

Schorpp-Bolz: Der Anfang war nicht leicht. Cinja Gerke hat Englisch gesprochen und kein Kind konnte sie verstehen. Sie hat dann ganz viel mit Mimik und Gestik gearbeitet. Aber anstatt sich auf sie einzulassen, haben die Kinder versucht, ihr Deutsch beizubringen. Die Bemühungen waren total niedlich. ,Sag mal Affe!‘. Cinja: ,Monkey‘, ,Nein, du sollst Affe sagen!‘, ,Yes, monkey‘, ,Ach Cinja, du verstehst das nicht. Du sollst Affe auf Deutsch und nicht Monkey auf Englisch sagen.‘ Aber nach ungefähr drei Wochen haben wir beobachtet, dass die Kinder wiederkehrende Aussagen gut umsetzen konnten. Und heute ist es einfach, weil die neuen Kinder ja auf Kinder treffen, die Cinja Gerke schon gut verstehen.

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