Gerald Lutz und Christian Twiefel im Interview

Visselhöveder Experten sprechen über Diesel-Technik

Die Hoyer-Führungskräfte Christian Twiefel (l.) und Gerald Lutz an der Abfüllanlage für das Additiv AdBlue, das die Stickoxide im Dieselabgas um ein Vielfaches reduziert. - Foto: Wieters

Visselhövede - Von Jens Wieters. Die Diskussion über Diesel-Technik in Autos und Lkw ist in vollem Gange. Hat die Technologie angesichts ihres schlechten Rufs nach dem Manipulations-Skandal bezüglich der Abgaswerte überhaupt noch eine Zukunft? 

Und was ist mit dem Wundermittel AdBlue, das die Diesel-Abgase sauberer machen soll? Wir sprachen mit Gerald Lutz, Geschäftsführer des Visselhöveder Finke Mineralölwerks, und Christian Twiefel, Produktbereichsleiter in der Unternehmensgruppe Hoyer, über AdBlue, das dafür sorgt, dass Diesel-Motoren Stickoxid-Grenzwerte der Euro-6-Norm auch in der Praxis einhalten.


Was ist eigentlich AdBlue, und wozu wird es bei Dieselfahrzeugen benötigt?

Gerald Lutz: AdBlue ist eine eingetragene Marke des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie (VDA), die technische Bezeichnung lautet eigentlich AUS 32 (Aqueous Urea Solution), aber mittlerweile hat sich der Markenname AdBlue etabliert. Es handelt sich dabei um eine Harnstofflösung, die bei modernen Selbstzünder-Motoren eingesetzt wird, um den Ausstoß von Stickoxiden zu reduzieren.

Was bedeutet das in Zahlen?

Christian Twiefel: Die Abgasnorm Euro 6 gilt seit 2014 für alle neu auf den Markt kommenden Autos und seit 2015 für alle Neuwagen. Sie schreibt vor, dass Dieselfahrzeuge statt 180 nur noch 80 Milligramm Stickoxide pro Kilometer ausstoßen dürfen. Dieser Grenzwert kann mit AdBlue aber sogar noch deutlich unterschritten werden.

Wie genau geht das technisch vor sich?

Lutz: Die meisten Motorenhersteller für Lastwagen, Autos, landwirtschaftliche Aggregate, Maschinen der Bauindustrie und der Schifffahrt haben sich für sogenannte SCR-Katalysator als Nachbehandlungslösung entschieden, um den Ausstoß von Stickoxiden und Partikeln dieser Fahrzeuge zu senken und die gesetzlichen Bestimmungen zum Emissionsschutz zu erfüllen. Und genau da kommt AdBlue zum Einsatz.

Wie schafft es der einfache Harnstoff, die Umwelt zu schonen?

Twiefel: AdBlue hat nichts mit der eigentlichen Verbrennung und damit mit dem Motor zu tun. Es wird lediglich dosiert dem Abgasstrom zugemischt. Aber das Ganze ist ein höchst komplexer chemischer Prozess. Ich versuche mal, es ganz einfach darzustellen: Wenn der Harnstoff in den Abgasstrom im Auspuff gelangt, erwärmt er sich und spaltet sich in Ammoniak und Kohlendioxid. Die Stickoxide aus der Abgasleitung reagieren im Katalysator chemisch mit dem Ammoniak. Dabei werden die umweltschädlichen Stickoxid-Moleküle im Abgasstrom in ungefährlichen Stickstoff und Wasser umgewandelt. Durch die SCR-Technologie werden die Stickoxid-Emissionen um bis zu 90 Prozent reduziert. AdBlue macht die Diesellautos viel sauberer.

Wer stellt AdBlue her?

Lutz: Die Visselhöveder Hoyer-Unternehmensgruppe produziert AdBlue eigenständig im eigenen Finke Mineralölwerk in der Produktionsanlage in Bremen. Hierzu wurden wir vom Verband der Deutschen Automobilindustrie mit Bestnoten zertifiziert, und wir sind zudem von der Dekra nach der ISO 9001:2015 zertifiziert, das ist weltweit ein Novum. Unsere Distribution erfolgt über 45 moderne Edelstahltankwagen mit einem in Europa einzigartigen Logistikkonzept mit derzeit über 20 Tanklagerplätzen in Deutschland. Zudem haben wir diverse moderne Abfüllanlagen und verbauen AdBlue-Tankanlagen.

Eigentlich würde ja auch Ammoniak reichen, um die Dieselverbrennung sauberer zu machen, oder?

Twiefel: Eigentlich wird für den Prozess im SCR tatsächlich nur Ammoniak benötigt. Das stinkt aber nicht nur, sondern es wäre auch gefährlich. Darum kommt AdBlue zum Einsatz. Dessen Hauptbestandteile sind zu 32,5 Prozent Harnstoff, der auch Urea genannt wird. Der Rest ist spezielles demineralisiertes Wasser zu 67,5 Prozent. Das Wasser wird bei der Produktion erwärmt, anschließend wird der Harnstoff eingemischt. Erst bei Bedarf, also im Katalysator, wird durch die Erwärmung des Harnstoffs Ammoniak freigesetzt. Jede Produktcharge wird im betriebseigenen Labor analysiert und erst nach Freigabe in spezielle Gebinde abgefüllt.

Wie viele Autos fahren mit mittlerweile mit AdBlue?

Lutz: Bis zum Jahr 2018 schätzt der VDA die Anzahl der Fahrzeuge mit SCR-Technologie allein in Deutschland auf rund fünf Millionen, in Europa werden bis zum Jahr 2020 rund 20 Millionen Autos sein, die mit der SCR-Technologie ausgestattet sind.

Gibt es Unterschiede beim Verbrauch zwischen einem Lkw und einem Auto?

Twiefel: Ja, die Bedarfsmenge an AdBlue bei einem Lastwagen beträgt etwa vier bis sechs Prozent des Dieselverbrauchs: Ein Lkw benötigt also je nach Motor sieben bis zehn Liter auf 1 000 Kilometer. Beim Auto liegt der AdBlue-Verbrauch aktuell bei etwa einem Liter pro 1 000 Kilometer. Nun ist aber leider der Stickoxid-Ausstoß höher, je effizienter der Diesel-Motor läuft. Und die aktuelle Dieseldiskussion zeigt, dass zukünftig eine verfeinerte Motorentechnologie zum Einsatz kommen könnte. Dann müsste die AdBlue-Zufuhr erhöht werden, um diese Stickoxide umwandeln zu können. So könnte sich der Verbrauch je nach Fahrzeugtyp auf 2,5 bis 3,5 Liter erhöhen.

Wie merkt man, dass man kein AdBlue mehr im Tank hat und was ist, wenn der Extra-Behälter leer ist?

Lutz: Jedes Fahrzeug hat einen separaten AdBlue-Tank. Wenn die Füllung zur Neige geht, meldet das der Bordcomputer und fordert zum Nachfüllen auf – ebenso wie man es von der normalen Tankanzeige kennt. Dabei wird auch angezeigt, welche Strecke mit der Restmenge noch zu fahren ist. Ignoriert der Fahrer die erste Nachtricht, folgt eine zweite verschärfte Meldung und zeigt die noch verbleibenden Kilometer an. Bei vielen Typen erscheint auch die Meldung: Das Auto startet danach nicht mehr beziehungsweise fährt nur noch mit vermindertem Drehmoment. Das ist auch keine leere Drohung: Ist kein AdBlue mehr im Tank, verhindert eine Umwelt-Wegfahrsperre den weiteren Betrieb. Der Motor kann nicht gestartet werden oder lässt keinen normalen Betrieb mehr zu, bis der Zusatz nachgefüllt wurde.

Wo und in welchen Gebinden kann man denn AdBlue beziehen?

Twiefel: Während Lastwagen, Baumaschinen und landwirtschaftliche Maschinen größere Mengen benötigen, braucht ein Auto nur wenige Liter. Aus wirtschaftlichen Gründen lohnt sich deshalb für öffentliche Tankstellen in der Regel keine Investition in eine besondere AdBlue-Tankstelle. Wir haben für die Betankung von Autos mit SCR-Technologie die perfekte Lösung entwickelt: die Fünf-Liter-Flasche mit integriertem Füllschlauch. Für Auto-Besitzer mit höherem Verbrauch gibt es auch Zehn-Liter-Kanister, 210-Liter-Fässer und große Tankanlagen. AdBlue gibt es heute an jeder Tankstelle, in Fachbetrieben der Kfz-Branche, aber auch schon in Baumärkten und demnächst auch bei Aldi.

Kann man alte Diesel-Stinker durch Umrüstung zu Euro-6-Fahrzeugen machen?

Lutz: Theoretisch lassen sich alte Diesel auf die Euro-6-Norm umrüsten. Dazu müssen die Höchstwerte eingehalten werden. In Sachen Feinstaub lässt sich das durch Partikelfilter erreichen. Die Reduzierung der Stickoxide erfordert den Einsatz von SCR-Katalysatoren. Es gibt einen Hersteller, der die Umrüstung von Euro 5 auf Euro 6 für etwa 1 500 Euro zuzüglich Einbau anbietet. Die Autohersteller halten das nicht für sinnvoll. Die Frage ist ja auch, wer das bezahlen soll. Sollen die Verbraucher für die Versäumnisse der Automobilindustrie berappen?

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