60 MINUTEN Mit der Visselhöveder Politesse Iris Grudinski unterwegs

Acht Knöllchen pro Rundgang

Iris Grudinski macht zur Sicherheit ein
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Iris Grudinski macht zur Sicherheit ein

Visselhövede – „Muss ich Handschuhe anziehen?“ fragt Iris Grudinski in den Raum. Muss sie nicht unbedingt, es nieselt zwar ein bisschen an diesem Mittwochnachmittag, aber für die Jahreszeit ist es mit acht Grad zu warm. Was die 57-Jährige aber mitnehmen muss, ist ihre kleine Kompaktkamera und ihre Tasche mit dem Abreißblock, an dem auch die vorgedruckten Überweisungsträger befestigt sind. Was noch fehlt, ist die warme Jacke. „Ordnungsamt Visselhövede“ steht in dicken Buchstaben auf dem Rücken. Schon geht die hintere Rathaustür auf und wir gehen rechts rum in Richtung Große Straße/Goethestraße. „Ich nehme nicht immer diesen Weg und bin auch nicht immer mittwochs unterwegs“, sagt Grudinski, die seit 1992 für die „Überwachung des ruhenden Verkehrs“ in der Stadt zuständig ist. „Manche sagen auch Politesse.“

Früher war sie öfter auf Tour, um die berühmt-berüchtigten Knöllchen hinter die Scheibenwischer der Falschparker zu klemmen. „Jetzt bin ich einen Großteil meiner Arbeitszeit in der Kita Fabula beschäftigt und nur noch sporadisch für die Kontrolle in der Stadt unterwegs. Aber wann, verrate ich natürlich nicht“, sagt die Blondine, die pro Rundgang „zwischen acht und zehn Knöllchen“ verteilt.

Schon sind wir an der Ampel beim Friseur Annusek. Mit geübtem Auge erkennt Grudinski sofort, dass an dem Opel Corsa, der auf dem Parkstreifen ein paar Meter weiter abgestellt ist, etwas fehlt. Nämlich die Parkscheibe, die jeder Autofahrer einstellen sollte, der seinen Wagen auf den entsprechend gekennzeichneten Flächen abstellt. Grudinski geht einmal um das Auto herum, guckt durch die Heck- und Seitenfenster, aber es ist nichts von dieser blauen Pappkarte mit der eingelassenen Zahlendrehscheibe zu entdecken. Sofort macht sie ein Foto vom Kennzeichen des Autos, zückt ihren Block und einen Kugelschreiber, notiert das Datum und die Uhrzeit sowie das Vergehen „Keine Parkscheibe“. In diesem Augenblick kommt eine Frau ganz aufgeregt angelaufen: „Ich war doch eben nur kurz in dem Geschäft und habe die Scheibe völlig vergessen.“ Grudinski drückt ein Auge zu und steckt Stift und Block wieder ein. Zehn Euro sind seit 2013 für diese Ordnungswidrigkeit fällig. Ganz schön happig, vorher waren es nur fünf. Während die Fahrerein des Corsa zu rechten Zeit am rechten Fleck ist, hat der Besitzer des Audi Cabriolets ein paar Meter weniger Glück. Seine Parkscheibe zeigt an, dass er das Auto um 12 Uhr auf dem Parkplatz Zu den Visselwiesen abgestellt hat. Jetzt ist es aber bereits 15.10 Uhr. Also satte 70 Minuten überzogen. Das Knöllchen ist fällig. Solch einen Zahlschein haben ein paar Minuten später auch zwei weitere Autos an der Windschutzscheibe. Bei ihnen fehlt die Parkscheibe gänzlich.

„Bei zehn oder 15 Minuten werde ich noch nicht aktiv, aber danach schon“, betont die Visselhövederin, die weiß, dass dieser Job ihr nicht unbedingt neue Freunde bringt. „Aber so richtig heftig beleidigt wurde ich in den vergangenen Jahren nur ein- oder zweimal. Die meisten Leute sind sehr einsichtig und entschuldigen sich sogar. Aber dennoch ist die Gebühr fällig.“ Vor dem Gesetz sind halt alle gleich. Und: „Ich habe bisher auch nicht festgestellt, dass Fahrer bestimmter Automarken die Parkscheibenpflicht häufiger ignorieren als andere.“

Ein paar Schritte weiter auf der Goethestraße steht ein BMW. Seine Scheibe ist ebenfalls nirgends zu sehen, dafür hat der Eigentümer uns entdeckt und kommt aus dem Haus gestürmt. „Ich packe nur ein paar Taschen aus und parke gleich um. Gibt es eigentlich einen Anlieger-Parkschein?“, will der Mann wissen. Gibt es nicht. Also startet er sein Auto und fährt Richtung Kreisel. Dort dreht er, fährt Richtung Rathaus, dreht erneut und parkt wieder dort, wo er zuvor gestanden hatte, wie Grudinski später feststellen wird. Dieses Mal aber mit korrekt eingestellter Scheibe. Wäre die Frau vom Ordnungsamt häufiger unterwegs, müsste der BMW-Fahrer alle zwei Stunden raus und seine Parkscheibe neu einstellen.

Diese Pflicht gilt übrigens auch für Motorräder, denn „schließlich nutzen die ja auch den Parkraum“, stellt die Fachfrau klar. Und wenn solch eine Scheibe mal runter fällt oder vom Wind verweht wird? „Pech gehabt, wenn ich vorbeikomme, muss sie zu sehen sein.“

Mit geschultem Blick entdeckt Grudinski eine alte Bekannte, die vor dem Kik parkt – mit falsch eingestellter Scheibe. Wieder ist eine Verwarnung fällig, wieder zehn Euro für die Stadtkasse. „Die Frau lernt es nicht, die steht immer hier, oft ohne Parkscheibe“, sagt Geschäftsmann Gerd Koch, der auf uns zukommt. Denn den Ladenbesitzern ist es schon recht, dass das Parken kontrolliert wird. „Damit die wenigen Plätze vor den Läden nicht von Dauerparkern blockiert werden.“

Jetzt geht es noch mal um die Ecke, um auf der Worthstraße nach dem Rechten zu sehen. Und tatsächlich, dort steht ein Passat. Zwar nicht in der Parkverbotszone, aber auf der falschen Seite. Das kostet sogar 15 Euro. 50 Minuten sind wir unterwegs, 45 Euro sind im Sack. „Aber einen Jagdinstinkt habe ich nicht unbedingt“, hebt Iris Grudinski hervor. „Die Kontrollgänge sind halt ein Stück meiner Arbeit, und meine Arbeit mache ich immer so gut wie es geht.“

Jetzt geht es so langsam zurück in Richtung Rathaus. Unterwegs kommen wir am Büro der Visselhöveder Nachrichten vorbei. „Auch hier schreibe ich häufiger auf“, sagt Grudinski lachend. Der Autor dieser Zeilen nickt seufzend, schließlich hat er in den vergangenen Jahrzehnten erheblich dazu beigetragen, dass die Stadt Visselhövede ihren Schuldenberg schneller als gedacht abbauen kann.

Es nieselt immer noch, aber jetzt geht es ins beheizte Rathaus. Schreibarbeit ist angesagt. Iris Grudinski listet alle Duplikate der Knöllchen fein säuberlich auf. „Die meisten Parksünder überweisen innerhalb der einwöchigen Frist auf unser Konto. Einige müssen wir aber anschreiben.“ Die Adressen bekommt sie über die Kennzeichen von den zuständigen Behörden. Zahlt der Betreffende auch dann nicht, geht das Verfahren an den Landkreis. Dann wird aus einer Ordnungswidrigkeit ein Bußgeldverfahren, sprich: Aus zehn Euro werden ruckzuck 32,50.

Aber so richtig reich wird die Stadt durch de Knöllchen nicht: „Im Jahr zwischen 1 000 und 1 500 Euro“, ruft Dörthe Thomsen aus dem benachbarten Bürgerbüro.

Noch ein paar Kennzeichen notieren, die Fotos entsprechend abspeichern und den Schreibtisch aufräumen. „Die Kontrolltour ist beendet“, freut sich Iris Grudinski. „Und Handschuhe habe ich auch nicht gebraucht.“  

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