Interview mit DAA-Standortleiter Gerhard Harnisch über die Probleme der Heranwachsenden

„Viele Jugendliche haben Versagensängste“

Gerhard Harnisch hilft seit 20 Jahren Jugendlichen, den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. „Und es gibt keinen Tag, an dem ich mich gelangweilt habe.“ ·
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Gerhard Harnisch hilft seit 20 Jahren Jugendlichen, den Weg in den ersten Arbeitsmarkt zu finden. „Und es gibt keinen Tag, an dem ich mich gelangweilt habe.“ 

Rotenburg - Von Matthias Berger. Gerhard Harnisch betreut bei der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz finden. Im Interview erklärt der 54-Jährige, bei welchen Problemen er ihnen hilft, welche Vorurteile ihm bei seiner Arbeit begegnen und die Hintergründe des Wellness-Booms.

Aus welchen Gründen werden Jugendliche zur DAA geschickt?

Gerhard Harnisch:Wenn Jugendliche nach der Schule keinen Ausbildungsplatz finden, prüft die Arbeitsagentur oder das Jobcenter, woran das liegen kann. Dann greifen Maßnahmen wie die überbetriebliche Erstausbildung bei der DAA. Da die Plätze begrenzt sind, werden bei uns nur Jugendliche unterstützt, die diese Hilfe auch benötigen.

Wer vermittelt die Ausbildungsplätze?

Harnisch: Welche Ausbildung die Jugendlichen machen, wird bei der Arbeitsagentur oder beim Jobcenter festgesetzt. Wir schließen dann einen Kooperationsvertrag mit den Betrieben vor Ort. Formaljuristisch ist die DAA Ausbilderin, die praktische Ausbildung läuft in den Betrieben. Diese gehen kein finanzielles Risiko ein und können die Zusammenarbeit jederzeit kündigen. Für den Jugendlichen hat das den Vorteil, dass er den Einstieg ins Berufsleben findet. Und wenn es Probleme gibt, hat er die Möglichkeit, durch unsere pädagogische Betreuung diese Schwierigkeiten aufzuarbeiten.

Warum brauchen die Jugendlichen Unterstützung?

Harnisch: Die meisten Jugendlichen kommen mit einem Hauptschulabschluss hierher, oft mit einem sehr schwachen. Vielen fehlen die Grundkenntnisse in Deutsch und Mathe. Aber die Ausbildungsberufe sind auch differenzierter und anspruchsvoller geworden. Wenn Eltern nicht Sorge dafür tragen, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen und ihre Hausaufgaben machen, ist das ein Faktor, der es ihnen schwerer macht als anderen.

Welche Hilfestellung geben Sie den Jugendlichen?

Harnisch: Wir machen zunächst eine Eignungsanalyse. Über Erstgespräche oder einen Computertest können wir schnell feststellen, wo der Jugendliche Förderung benötigt.

Also eine Art Nachhilfeunterricht?

Harnisch: Genau. Wir bieten je nach Bedarf wöchentlich oder 14-tägig Stützunterricht an, in dem die Jugendlichen ihre Defizite aufarbeiten können. Vor Prüfungen installieren wir Vorbereitungswochen, da ziehen wir die Jugendlichen aus den Betrieben heraus und lernen mit ihnen jeden Tag für die Prüfung.

Auf der DAA-Homepage heißt es: „Wir helfen bei der Bewältigung persönlicher und sozialer Probleme.“ Was ist damit gemeint?

Harnisch: Einigen mangelt es an sozialen Kompetenzen: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Motivation, Aufrichtigkeit, passendes Outfit für den entsprechenden Beruf. Wenn sie Schwierigkeiten im Betrieb haben, können sie mit uns darüber sprechen, woran es liegt. Wir bemühen uns dann zeitnah um ein klärendes Gespräch mit dem Ausbildungsbetrieb. Zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher unentschuldigt fehlt. Wir bieten dem Jugendlichen einen geschützten Raum, und er hat die Garantie, dass er „reinen Wein eingeschenkt bekommt“.

Ist es ein Stigma, wenn ein Jugendlicher von der DAA einem Betrieb anempfohlen wird?

Harnisch: Die Betriebe wissen, dass die Jugendlichen, die wir betreuen, Probleme haben – sonst müsste es uns ja nicht geben. Wichtig ist, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und von Anfang an zu sagen, wo die Schwierigkeiten liegen. Die Kooperationsbereitschaft der Betriebe vor Ort ist aber da.

Wo liegen die Ursachen für die sozialen Probleme?

Harnisch: Einige Jugendliche geraten in falsche Kreise und probieren gerade in der Zeit der Umbrüche und der Identitätsbildung Dinge aus, die ihnen schaden.

Drogen?

Harnisch: Alkohol, Konsum von Canabisprodukten und anderen Drogen können eine Rolle spielen. Und es können durch die Unsicherheiten, die mit dieser Phase verbunden sind, Versagens ängste entstehen.

Die DAA bietet auch so genannte Solo-Maßnahmen an. Wer ist davon betroffen?

Harnisch: Die Solo-Maßnahme ist eine Initiative des Landkreises und des hiesigen Jobcenters. Dabei werden Jugendliche von uns vier Stunden wöchentlich betreut, die mehrere Hindernisse haben, die ihnen den Weg in ersten Ausbildungsmarkt versperren. Das können psychische Probleme sein, dass kann eine Drogenabhängigkeit sein, das können immense Schuldenprobleme sein, Wohnungsprobleme oder Persönlichkeitsstörungen. In diesen Einzelcoachings gibt es eine intensive Face-to-Face-Betreuung, bei der wir ihnen helfen, die Angebote vor Ort wahrzunehmen, um den Kopf frei zu bekommen für die Ausbildung. Zum Beispiel Schuldenberatung, Suchtberatung, therapeutische Hilfe. Ein großes Problem zurzeit ist, dass es für Jugendliche kaum Wohnraum gibt – selbst wenn es vom Jobcenter finanziert wird.

Woran liegt das?

Harnisch: Es gibt Vorurteile bei Vermietern gegenüber Jugendlichen ohne Job. Die sagen sich: „Ich möchte so jemanden nicht aufnehmen, weil er die Mietergemeinschaft stört.“

Wie weit geht Ihre Hilfe?

Harnisch: Wir suchen zusammen eine Wohnung, besichtigen sie und sprechen mit dem potentiellen Vermieter. Wir sagen dem Jugendlichen, wie er auftreten muss – und im Erfolgsfall versucht, die Vorurteile zu verwischen, in dem er sich darum kümmert, die Wohnung im ordentlichen Zustand zu erhalten.

Sie rücken also auch mit dem Wischlappen aus?

Harnisch: Wenn ein Jugendlicher sagt, dass er da große Probleme hat, werden wir auch ganz praktisch. Aber wichtig ist uns, dass diese Einzelfallhilfe zur grundsätzlichen Hilfe wird. Das wir Brücke sind und den Jugendlichen in die Lage versetzen, die Dinge selbst anzugehen. Unser Ziel ist es, dass sie so stabilisiert werden, dass sie die DAA letztendlich gar nicht mehr brauchen.

Sie organisieren auch psychologische Hilfe. Kommt diese nicht viel zu spät?

Harnisch: Im Grunde ist das Kind schon längst in den Brunnen gefallen, das ist richtig.

Was ist da schiefgelaufen?

Harnisch: Die Jugendlichen können sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, die dazu führen, dass sie – gerade in der Phase des Erwachsenwerdens – nochmal so richtig aus der Bahn geworfen werden. Sie können dann nicht die normalen Biografien durchlaufen. Es kommt zu Brüchen, die behoben werden müssen. Die meisten Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren, haben diese Erfahrungen gemacht. Die tragen sie aber nicht zu Markte. Da sind Sachen dabei, die möchte eigentlich auch keiner hören: Gewalterfahrungen im Elternhaus – Jugendliche, die regelmäßig mit dem Gürtel geschlagen wurden und sehr große Verletzungen erlitten haben, vor allem seelischer Natur.

Woran erkennen Sie, wo jemand Hilfe braucht?

Harnisch: Das erzählen die Jugendlichen uns. Sie kommen schnell zu uns und sagen: „Ich habe da ein Problem.“ Und dann hören wir erstmal zu.

Die Bereitschaft, sich zu öffnen, ist also da?

Harnisch: Die ist sehr da. Man darf nicht vergessen – und das ist sehr traurig – dass sie ein Hilfesystem eigentlich gar nicht kennen. In einer funktionierenden Familie versuchen sich die Mitglieder gegenseitig zu unterstützen. Diese Erfahrung haben viele Jugendliche nicht gemacht. Sie freuen sich, dass sie Hilfe erfahren und dass man ihnen zuhört.

Wie ist Ihre Erfolgsquote?

Harnisch: 90 Prozent der von uns betreuten Auszubildenden schaffen den Absprung in den ersten Arbeitsmarkt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in den 20 Jahren verändert?

Harnisch: Sozialarbeit ist heute zu großem Teil Verwaltungsarbeit. Wenn ich früher einen Kurs mit 24 Leuten hatte, hatte ich vier Aktenordner. Heute habe ich einen Kurs mit 14 Leuten und 24 Aktenordnern.

Hat sich an den Problemen der Jugendlichen etwas geändert?

Harnisch: Viele junge Leute haben Versagensängste. Die Angststörung ist ein Ausfluss dieser Gesellschaft, die sehr viel von den einzelnen Individuen fordert. Allein die Entwicklung der EDV in den letzten 20 Jahren ist enorm. Das hat zu einer starken Beschleunigung im Arbeitsleben geführt. Es wird viel Aufmerksamkeit in viele Richtungen gefordert – von der Werbung bis zum Beruf. Damit sind viele Menschen überfordert. Deshalb gibt es auch so viel Wellness für Erwachsene (lacht).

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