Pflegebranche

Umbruch in der Pflege

Der Pflegeberuf ist spannend und abwechslungsreich, sagt Pflegedirektor Olaf Abraham. Dennoch gibt es noch einiges zu tun, um ihn attraktiver zu machen.
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Der Pflegeberuf ist spannend und abwechslungsreich, sagt Pflegedirektor Olaf Abraham. Dennoch gibt es noch einiges zu tun, um ihn attraktiver zu machen.

„Weiblich und schlecht bezahlt“: Das sei das gängige Bild der Pflegekräfte, weiß Pflegedirektor Olaf Abraham vom Diakonieklinikum. Und von genau diesem Ruf gelte es, wegzukommen. Aber wie erreicht man dieses Ziel?

Rotenburg – In den vergangenen Monaten ist vor allem eines deutlich geworden: Wie relevant Medizin und Pflege sind. Zum Dank für den unermüdlichen Einsatz der Fachkräfte gab es in vielen Städten Applaus, auch in Rotenburg. „Das war schön zu spüren – das war es aber auch“, merkt Pflegedirektor Olaf Abraham aus dem Diakonieklinikum nüchtern an. Denn an dauerhafter Wertschätzung für den Pflegeberuf mangelt es nach wie vor. Schlechte Bezahlung, viel Arbeit ist der oft gängige Tenor von außen – zu einseitig, findet Abraham. Denn der Beruf sei spannend und abwechslungsreich. Dennoch sei klar: „Wir brauchen dringend Fachkräfte, in ganz Deutschland. Wir müssen uns dort unbedingt auf den Weg machen.“ Dazu müssen die Bedingungen besser werden und ohnehin: Ohne Personal aus dem Ausland geht es längst nicht mehr.

Wirft man einen Blick auf die Stellenausschreibungen im Krankenhaus, ist die Liste lang – insbesondere in der Job-Kategorie Pflege wird händeringend gesucht. „Ich bin sechs Jahre hier und seitdem ist das immer ein Thema gewesen“, erinnert sich Abraham. Als 2003 das Bezahlsystem geändert worden ist, gab es „Verlierer“ – und das waren die Pflegekräfte. Der Bereich wurde abgebaut, die Belastung höher, der Beruf unattraktiver. Es muss sich etwas tun, auch politisch. Ob die insbesondere in Coronazeiten gegebenen Versprechen eingehalten werden, ob es sich zum Beispiel in Tarifverhandlungen niederschlagen wird, beobachte Abraham mit Spannung. Die ersten Weichen wurden mit der Festlegung von Personaluntergrenzen gestellt. Zwar könne das Diakonieklinikum diese einhalten und die Zahlen seien besser als vor einigen Jahren, „wir wünschen uns aber trotzdem mehr“. Damit auch die Belastung der Arbeitnehmer auf ein normales Maß gebracht werden kann – so gut das eben geht, bedenkt man Schichtdienst und Rufbereitschaft. „Noch immer ist es selbstverständlich, auch aus dem Frei einzuspringen – in der Pflege wird das vorausgesetzt, auch im ärztlichen Bereich.“ Viele, insbesondere junge Mitarbeiter, haben deutlich signalisiert, dass das so nicht weiter gehen kann. Und wenn, muss es entsprechend entlohnt werden. „Das ist uns bewusst“, kommentiert der Direktor.

2017 war eine Pflegekampagne gestartet worden: Unter dem Motto „Arbeiten, wo das Herz schlägt“ hatte das Diako versucht, auch überregional Fachkräfte anzuwerben. Abraham macht deutlich: „Aus dem Tal der Tränen müssen wir raus.“ Um die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern, habe man sich Gedanken gemacht, zusammen mit den Mitarbeitern. Denn allein mit mehr Personal wäre es nicht getan, eine gute „work-life-Balance“ sei wichtig – in einem Beruf, den noch immer vorwiegend Frauen ausüben. Auch in Rotenburg sind es etwa 85 Prozent. Zwar gibt es eine Krankenpflegeschule mit 240 Plätzen, darunter sind aber nur wenige Männer.

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht für viele im Fokus. Deswegen kam es zur Gründung einer Arbeitsgruppe. „Wie attraktiv müssen wir sein?“ sei die vordergründige Frage gewesen. Schließlich biete man als Haus der Maximalversorgung die Chance, „sich hervorragend zu entwickeln“, so Abraham. Verlässliche Dienstpläne und ein Ausfallmanagement sind ebenfalls Teil der neuen Strukturen. „Da hat sich was getan, das muss sich aber noch verbessern.“

Bei allen Veränderungen und trotz pro Jahr guten 30 Pflegekräften mehr bleibt der Fachkräftemangel nämlich weiter bestehen. Daher geht der Blick ins Ausland, darunter nach Indonesien und auf die Philippinen. Von dort kommen bereits ausgebildete Kräfte oder motivierte junge Menschen, die ihre Ausbildung machen möchten. So sollte zuletzt ein Kooperationsprojekt mit Kollegen aus Manila starten, was sich aufgrund der Pandemie verschoben hat. Die 16 Neuzugänge werden nun von Januar bis April 2021 ankommen. „Sie finden es toll, was an Fachlichkeit geboten wird, dazu das ländliche Wohnen, aber Bremen und Hamburg vor der Tür.“ Erst im August haben drei Indonesier ihre Ausbildung nach dem Absolvieren eines Freiwilligen Sozialen Jahrs begonnen – ein Pilotprojekt. Und Abraham wünscht sich, dass sie bleiben. „Das wird noch schwieriger, was an Pflege mit dem demografischen Wandel auf uns zukommt“, richtet er den Blick nach vorn.

Aber wie sieht die Zukunft in der Pflege überhaupt aus? Bringen irgendwann Roboter Essen ans Bett und übernehmen andere Dienste? „Das von Mensch zu Mensch ist nicht ersetzbar. Ein Roboter kann helfen, aber die menschliche Betreuung wird nicht wegfallen“, meint Abraham. Dafür muss es angemessene Bezahlung geben: „Wir müssen uns gute Pflege leisten, sonst werden wir bald keine mehr haben. Sonst treten wir dunklen Zeiten entgegen.“ Die Digitalisierung könne eine Entlastung für Pflegekräfte bringen, die ihnen mehr Zeit für andere Dinge verschafft. Abraham denkt da an Chips, die unter die Haut gesetzt werden und Vitalwerte überprüfen können. Schon jetzt sind Ipads auf den Stationen Alltag. „Es wird viel Gutes bringen, wenn es richtig eingesetzt wird.“

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