Interview am Wochende

Timo Brokmann über Naturpädagogik und Waldkindergärten: „Die Regeln sind strenger geworden“

Der Bauwagen vor dem Waldkindergarten In der Ahe: Hier ist Timo Brokmann oft.
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Der Bauwagen vor dem Waldkindergarten In der Ahe: Hier ist Timo Brokmann oft.

Rotenburg – Nach sieben Jahren hat Timo Brokmann den Vorsitz des Vereins Naturpädagogik Rotenburg weitergereicht an Inga Matusall. „Es war an der Zeit“, sagt er. Im Interview spricht der vierfache Vater und Pädagoge über seine Zeit als Mitglied, warum er das Aufwachsen in und mit der Natur für Kinder als so wichtig empfindet und was er sich davon für die Zukunft seiner Kinder erhofft.

Ihr erstes Kind ist in einem städtischen Kindergarten gewesen, ihre drei anderen Kinder waren und sind im Waldkindergarten. Wie kam es dazu?
Es gibt immer eine Warteliste. Joshua ist damals nicht reingerutscht, aber wir hatten uns das schon gewünscht. Das ist ein gutes Konzept, wo wir denken, dass es zu unserer Vorstellung von Erziehung passt und wie unsere Kinder ihre Krippen- und Kindergartenzeit erleben sollen. Das ist etwas Besonderes.
Sie haben sich damit also intensiv auseinandergesetzt?
Ja, man kann hier hospitieren, sich das ansehen und Fragen stellen. Damals war die Internetseite noch nicht so ausführlich wie heute. Das Grundprinzip passte einfach. Wir waren nicht scheu oder ängstlich, dass die Kinder die ganze Zeit draußen sind – bei gutem und schlechtem Wetter. Unsere Erfahrung ist, dass am ehesten die Erwachsenen mit dem schlechten Wetter ein Problem haben. Kinder kommen mit dem Regen zurecht, die haben gute Kleidung, und das stört sie auch nicht, selbst, wenn sie mal nasse Socken haben. Spielen geht vor.
Was hat Sie damals motiviert, mitzumachen?
Es ist ein Eltern-Mitmachverein. Wer sein Kind anmeldet, übernimmt Aufgaben – Hausmeistertätigkeiten, Unterstützung bei Festen und Ähnliches. Ich war immer daran interessiert, mehr mitzugestalten. Dann kam eins zum anderen, ich habe erst als Beisitzer unterstützt. Danach wurde ich zweiter Vorsitzender und ein halbes Jahr später erster Vorsitzender.
Was waren Ihre Aufgaben?
Den Verein zu vertreten, zum Beispiel vor der Stadt, wenn es um Mittel für den Bauwagen oder das Krippengebäude geht, wo wir zuletzt angebaut haben. Da wurde ein Raum angebaut, der zum Kindergarten gehört, da wir die Öffnungszeiten erweitern wollen und damit die Gruppe zur Mittagszeit größer ist. In Niedersachsen dürfen Kinder nur fünf Stunden in Folge draußen sein, danach müssen sie einen Raum betreten. Wir sind ein Team von fünf Leuten im Vorstand, die sich das Administrative aufteilen. Das braucht man auch, es gibt immer mehr Regeln. Es wird alles professioneller, auch in der Organisation. Das erschwert ein Ehrenamt. Da steckt viel Arbeit drin, aber das mache ich gerne.
Warum haben Sie sich dann entschlossen, den Vorsitz abzugeben?
Ich habe einen Sohn, der noch zwei Jahre hier ist. Das ist gut, weil ich so lange mit meinem Wissen und meiner Erfahrung da bin als Ansprechpartner. Aber es war einfach Zeit. Ich habe das lange gemacht, es gab Höhen und Tiefen, es war auch mal stressig. Es hat sich gezeigt, dass ein Wechsel dran war.
Wie ist das System Waldkindergarten und -krippe aufgebaut, was ist anders in der Erziehung?
Es sind kleinere Gruppen, 15 Kinder maximal. So ein großer, offener Bereich wie hier im Wald, da kann man mit zwei Erziehern nicht 25 Kinder im Blick haben. Das Konzept besagt, dass man auf Augenhöhe mit den Kindern agiert, ihnen viel Freiraum lässt, Spiele und Spielsituationen werden nicht immer vorgegeben.
Also ein wenig in Montessori-Art?
Genau. Der Bezug zur Natur wird erlebbar, sie arbeiten mit Naturmaterialien, es gibt nur wenig Spielzeug, denn das finden sie überall auf dem Waldboden. Sie sollen ihre Fantasie benutzen. Immer auch künstlerisch, gestalterisch. Das kommt bei den Kindern an, damit entwickeln sie ein stabiles Selbst. Das ist ein wichtiges Ziel: Sie ernst zu nehmen in dem, was sie möchten und was nicht.
Bleibt das im Spielerischen oder lernen die Kinder auch konkret, zum Beispiel über den Klimawandel?
Es gibt Projekte wie in allen Kindergärten, Vorbereitung auf die Schule, Zahlenkunde. Es gibt auch Kunstunterricht, und sie singen viel. Die schweren Themen fließen in den Alltag ein, das gehört dazu. Wenn ich daran denke, wie ich aufgewachsen bin, wo man gelernt hat, wie der Müll sortiert wird und das eher als Gesetz sah, ist es für die Kinder jetzt etwas natürliches. Es ist etwas, das sie mögen, also sind sie bereit, es zu schützen. Wenn sie in einer solchen Umgebung aufwachsen, wollen sie das bewahren. Wir diskutieren nicht darüber, ob wir Umweltschutz machen, das ist selbstverständlich.
Ist es wichtig, dass schon Kinder im Krippenalter das Bewusststein entwickeln?
Der Bedarf war da, dass auch kleinere Kinder naturnah betreut werden, sie sind auch draußen unterwegs. Je früher sie anfangen, mit den Elementen umzugehen, desto leichter fällt es ihnen, im Waldkindergarten zu sein. Da spielt die Haltung der Erzieher eine Rolle, die sich auf die Kinder überträgt.
Sind die Erzieher speziell geschult?
Grundsätzlich sind sie gelernte Erzieher wie alle anderen. Aber diejenigen, die sich hier bewerben und arbeiten, haben diese Haltung, dass sie wissen, dass sie etwas anderes machen. Das ist kein Standard, da ist keine Stechuhr, sie wollen etwas bewegen und sind auch bereit, sich voll einzubringen. Eine Affinität zur Natur bringen sie häufig mit. Es gibt auch Netzwerktreffen mit anderen Waldkindergärten, bei denen sie sich austauschen und voneinander lernen.
Ist es leicht, Erzieher zu finden?
Leicht ist es gerade gar nicht, für keine Einrichtung. Der Markt ist sehr leer. Aber ich denke, wir können anders überzeugen. Die Leute wollen oft nochmal was anderes kennenlernen oder sagen, dass es ihnen nicht reicht, wie sie in einer anderen Einrichtung arbeiten, und kommen dann zu uns. Sie rennen uns aber nicht die Tür ein.
Wie sehr leidet die Naturpädagogik unter der Trockenheit der Wälder in den vergangenen Jahren?
Ich bin kein Förster, aber mir wurde gesagt, dass der Ahe-Wald noch nicht so gelitten hat und ganz gut in der Substanz aufgestellt ist. Wir merken das so nicht, außer, dass sich die Jahreszeiten anpassen. Obwohl es natürlich Veränderungen gibt – einzelne abgestorbene Bäume oder große Fällaktionen. Das ist ein Wirtschaftswald, das wissen die Kinder. Das einzige, was mehr geworden ist, dass vielleicht mal ein Ast runterhängt und dann fällt. Aber das wird hier kontrolliert, akut ist es hier nicht.
Das Konzept ist einfach: Man ist die meiste Zeit draußen, hat einen Bauwagen, die Investitionskosten sind geringer. Gab es da Überlegungen, das Projekt auszuweiten?
Immer mal wieder, aber wir haben das nie weiterverfolgt. Vielleicht auch aus der Sorge heraus, dass es uns dann über den Kopf wächst. Bei einem Elternverein reicht das erstmal aus.
Aber der Bedarf wäre da?
Genau, aber der Platz muss auch da sein. Hier ist das Krippenhaus in der Nähe, beide Gruppen können zusammen etwas unternehmen. Der nächste Bauwagen oder was man da hinstellen würde, müsste Abstand haben, und nicht alle Bereiche sind so zu nutzen. Es gibt auch immer wieder Bestrebungen, dass Waldkindergärten in weiteren Gemeinden entstehen. Und letztendlich muss auch ein Geldgeber da sein, denn das finanziert sich nicht allein durch die Elternbeiträge.
Wie haben sich der Waldkindergarten und die Krippe verändert? Gibt es stärkere Auflagen?
Die Gesetze und Richtlinien sind strenger geworden. Es wird mehr kontrolliert, und man muss mehr Nachweise erbringen, mehr Konzepte aufstellen, mehr Dokumentation. Aber auch die Eltern haben Ansprüche, denen man gerecht werden möchte, da gibt es viel Kommmunikation, und spätestens alle sechs Wochen einen Elternabend. Das ist wichtig, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken – das ist keine Abgebe-Einrichtung, wir wünschen uns, dass sich alle einbringen. Die Bestimmungen für die Kinderbetreuung sind strenger geworden, und wir müssen professioneller sein. Das ist eine Herausforderung ans Ehrenamt. Aber am Ende des Tages ist es immer gut – auch wenn es Zeiten gab, in denen es mal Stress und Streit gab, wo man schlichten oder Kompromisse finden musste.
Viele Eltern, viele Meinungen – das ist nicht immer einfach, oder?
Nein, die Ansprüche und Erwartungen sind manchmal andere als das, was wir bieten und geben können. Da ist es wichtig, einen guten Kompromiss zu finden, ein offenes Ohr zu haben oder die Leute an einen Tisch zu bekommen. Oder auch mal zu sagen, dass es vielleicht doch nicht das Richtige ist. Wir wollen uns nicht verkrampfen, denn es geht ums Kind, nicht um das Streicheln irgendwelcher Egos. Es gibt auch Kinder, die das komisch finden, so viel draußen zu sein. Für sie ist es besser, wenn sie in einem Hauskindergarten sind.
Wie sehen Sie die Zukunft der Naturpädagogik? Wird das zunehmen, gerade in diesen Zeiten?
Ich wünsche es mir. Ich finde mehr denn je – und Corona ist der eine Auslöser, aber auch der Klimawandel –, dass wir aufpassen müssen, dass wir nicht den Kontakt zur Natur verlieren, und wir müssen den Kindern so früh wie möglich zeigen und beibringen, was sie schützen müssen. Es sollte mehr solcher Einrichtungen geben und Hauskindergärten, die ganz viel mit der Natur arbeiten, dass die Kinder bereit sind, als Erwachsene Kompromisse einzugehen, weil sie wollen, dass es so bleibt, wie sie es in der Kindheit erlebt haben. Und die Naturpädagogik fokussiert das, macht den Menschen zu einer starken Persönlichkeit, zusammen mit der Natur.
Gibt es auch Baustellen?
Ich glaube, dass es immer noch etwas stiefmütterlich behandelt wird. Die Naturpädagogik darf weiter nach vorne kommen und ihre Vorteile zeigen. Da zögern noch zu viele Leute. Dann ist es auch wichtig, dass die Leute, die daran arbeiten, eine entsprechende Haltung haben. Das ist kein 0815-Job, sondern da muss man mit Herzblut bei sein. Das ist auch nicht immer einfach, Leute zu finden, die das leben. Es ist schade, dass es noch nicht breiter aufgestellt ist. Aber je mehr wir in die Öffentlichkeit gehen, desto länger wird die Warteliste – das ist auch ein Dilemma.
Da stoßen Interessen an Kapazitätsgrenzen.
Genau, es ist schwierig, das als Elternverein zu leisten. Wiederum denke ich, dass die Einrichtungen, die als Verein organisiert sind, sich dort nochmal besonders engagieren können, es gibt viele gemeinsame Projekte. Manchmal kommen Eltern und unterstützen auch tagsüber, oder zuletzt haben wir uns getroffen, weil ein Förster uns einen umgefallenen Baum überlassen hat. Den haben wir dann klein gesägt für unseren Holzofen. Diese vielen kleinen Dinge machen es familiär und schön. Aber das muss man auch wollen und können.
Was würden Sie sich für Ihre eigenen Kinder für die Zukunft wünschen?
Sie sollen ihre Stärke, die sie hier gewonnen haben, mitnehmen. Sie sind völlig unterschiedliche Charaktere, aber sehr sicher in dem, was sie tun und wollen. Ich bin sehr beeindruckt davon, wie natürlich es für sie ist, die Dinge zu schützen und zum Beispiel Müll aufzusammeln. Das sollen sie in ihrem weiteren Leben in sich tragen, danach leben und agieren.

Zur Person: Nach sieben Jahren hat Timo Brokmann, der an der Heinrich-Behnken-Oberschule als Didaktischer Leiter in Selsingen arbeitet, den Vorsitz des Vereins Naturpädagogik Rotenburg weitergegeben. Der 39-Jährige ist auch mit der Schulentwicklung befasst. Er ist verheiratet und hat vier Kinder. Seit zwölf Jahren lebt er in Rotenburg, aufgewachsen ist er in Hannover.

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