Im ländlichen Raum ist zunehmend bürgerschaftliches Engagement gefragt

Strukturen bröckeln langsam

Diskussion über das „brennende“ Thema „Ländlicher Raum auf dem Abstellgleis?“ (v.l.): Günther Lühning, Ralf Stephan, Claudia Neu, Brigitte Scherb und Werner Hilse. ·

Rotenburg - KREIS ROTENBURG / HEMSLINGEN · Die fast 400 Besucher im großen Festzelt am Rande von Hemslingen konnten nur allzu gut die Themen nachvollziehen, die bei der Podiumsdiskussion, Mittelpunkt des Tages der Landfrauen (wir berichteten), auf den Tisch kamen. Die meisten sind selbst betroffen. „Ländlicher Raum auf dem Abstellgleis?“ – diese Frage wurde fast zwei Stunden lang diskutiert mit dem „Generalhinweis“, dass der Staat in ländlichen Räumen den Bürgern künftig weniger unter die Arme greife. Er selbst müsse ein gut Teil ehrenamtlich in die Hand nehmen.

Landrat Hermann Luttmann unterstrich die These: „Die Entwicklung in den Dörfern wird entscheidend davon abhängen, inwiefern die Einwohner bereit sind, sich an der Zukunftsgestaltung aktiv zu beteiligen.“

Günther Lühning, einer der Diskutanten, stellte „sein“ Otersen im Kreis Verden vor, eine Gemeinde halb so groß wie Hemslingen, ein Dorf, das immer mehr ausblutete. Beherzt ergriffen 70 Bürger die Initiative, gründeten eine Gesellschaft, richteten einen Dorfladen und ein Café ein und wurden mit Bundes-Gold ausgezeichnet. Lühning: „Immer, wenn Bürger zusammenstehen, haben sie sehr wohl Chancen.“ Und in Niedersachsen, so der Sparkassenbetriebswirt, habe auch die Politik ein offenes Ohr für den ländlichen Raum und sei bereit, Zuschüsse zu zahlen. Genau hier erkennt die Soziologin Prof. Dr. Claudia Neu von der Hochschule Niederrhein für die Zukunft entscheidende Bremsen. Die Wissenschaftlerin „sieht keinen politischen Willen, die ländlichen Räume zu unterstützen“. Die Konsequenz sei, dass der Bürger, überall dort wo der Staat kein Geld zur Verfügung stelle, selbst zugreifen müsse.

Sie habe ein wenig „Bauchschmerzen“, gestand Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes, „wenn alles auf die ehrenamtliche Schiene gedrückt werden soll“. Das Ehrenamt könne staatliche Vorsorge nicht ersetzen. Brigitte Scherb nannte als „zentrale Frage“ den mangelnden Nachwuchses und merkte selbstkritisch an, dass „wir es uns selbst zuzuschreiben haben, wenn die Dorfläden geschlossen wurden. Einfach deshalb, weil wir sie nicht angenommen haben“. Werner Hilse, Präsident des Landesbauernverbandes, unterstrich zu Beginn der von Ralf Stephan moderierten Diskussion, er sei, was die Zukunft des Landes betreffe, optimistisch. Allerdings werde sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe weiter verringern: „Weniger Betriebe und weniger Mitarbeiter erledigen die gleiche Arbeit.“ Die Vorsitzende der Landfrauen, Ilse-Marie Schröder aus Bittstedt resümierte: „Die Strukturen bröckeln langsam.“ · bn

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