Taubes Ehepaar

Stille Muttersprache: Die Weinmeisters machen ihr Handicap zum Beruf

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Christine und Knut Weinmeister sind gefragte Gebärdensprachdolmetscher.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Ring, ring. Ich klingel an der Haustür von Christine und Knut Weinmeister und frage mich zugleich, wie sie dieses Geräusch überhaupt wahrnehmen können. Denn das Rotenburger Ehepaar ist taub.

Kurze Zeit später öffnet mir Knut Weinmeister die Tür und bittet mich hinein. Ihn und seine Frau werde ich im folgenden Gespräch nicht nur wegen der Klingel befragen. Auf sehr freundliche Art und Weise gewähren sie mir einen Einblick in ihre geräuschlose Welt. So viel vorweg: Es wird ein besonderer und aufschlussreicher Termin.

Zuallererst müssen wir die Art der Kommunikation klären. Knut Weinmeister ist vermutlich seit seiner Geburt taub – da die Diagnose erst zwei Jahre später bei ihm gestellt wurde, lässt sich das nicht genau sagen. Dennoch kann er mich ein bisschen akustisch verstehen, liest vor allem konzentriert meine Lippenbewegungen. Das klappt erstaunlich gut, laienhaft gestikuliere ich dazu. Mein gestreckter Daumen signalisiert dem Ehepaar, dass auch ich sie verstehe. Vor allem das Gesagte von Knut Weinmeister. 

Der 44-Jährige kann sich mit seiner Stimme deutlich artikulieren. Christine Weinmeister ist hingegen eingeschränkter, kann aber ebenfalls meine Lippen lesen. Sie hatte im Alter von drei Jahren Meningitis. Als Folge der Hirnhautentzündung wurde sie taub. Bei unserem Gespräch lässt sie ein Programm auf ihrem Smartphone laufen, das meine Wörter verschriftlicht. Geläufige Wörter erkennt das technische Werkzeug auf Anhieb, nur bei etwas abstrakteren Begriffen schwächelt das System, scheint aber deutlich präziser zu sein als die Spracherkennung meines Smartphones.

Die Vita der beiden Gehörlosen liest sich sehr umfangreich und es wird klar: Sie machen ihr Handicap zum Beruf. Die Weinmeisters sind gefragte, staatlich geprüfte Gebärdensprachdolmetscher. Während der Flüchtlingswelle bekam Christine Weinmeister regelmäßig Dolmetscher-Aufträge vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Mithilfe von „International Sign“ (IS), der internationalen Gebärden, kann das Ehepaar auch mit anderen gehörlosen Ethnien kommunizieren. „Ab und an ruft das BAMF noch an, überwiegend bei Abschiebungen“, erzählt sie. 

Aber diese Aufgabe macht nur einen kleinen Teil ihrer Arbeit als Gebärdensprachdolmetscherin aus. Einmal im Monat stehen Christine und Knut Weinmeister abwechselnd auch vor der Kamera: Beim Fernsehsender Radio Bremen dolmetschen sie die Berichte bei „buten und binnen“ in die Gebärdensprache. Den zu übersetzenden Text sehen sie auf einem Teleprompter. Solch ein Gerät benutzen die Weinmeisters auch für das Übersetzen von Texten für Internetseiten, eine Kamera filmt sie dabei. Solche Aufträge bekommen sie zum Beispiel von Behörden, um Texte eins zu eins in die Deutsche Gebärdensprache (DGS) zu übersetzen. „Das ist hilfreich, wenn wir besonders lange Texte übersetzen müssen, die wir uns nicht merken können“, so Christine Weinmeister.

Zurück ins Wohnzimmer des Ehepaars. Knut Weinmeister beobachtet gerade die Gestik seiner Frau. Aber nicht nur ihre Gesten sprechen für die 40-Jährige, Gesichtsmimik, Körperhaltung und die lautlos gesprochenen Wörter zählen ebenso zur Kommunikation. „Wir dolmetschen, übersetzen Texte und geben Kurse“, zitiert er seine Frau. „Deutsch ist nicht meine Muttersprache“, erzählt er mir, dennoch kann ich ihn gut verstehen.

Blitzlichter weisen auf Ereignisse im Haus hin

Die knapp zehn Monate junge Tochter der beiden, Liv, fängt kurz an zu quengeln. Zwar bemerken die beiden den kurzen Aufschrei, hören ihn aber nicht oder nur kaum – praktisch, denke ich mir in dem Fall. Aber könnte das zu einem Problem werden, wenn sich das Kind in einem anderen Raum befindet? Ein Babyfon würde kaum helfen. Aber dank der heutigen Technik erkennt ein Mikrofon die Geräusche des Kindes und sendet ein aufblitzendes Lichtsignal an mehrere im Haus verteilte Endgeräte. Darauf sind mehrere Symbole zu erkennen. Für das eben beschriebene Szenario zeigt ein Bild eines schreienden Babys den Einsatzort. Weitere Symbole leuchten, sobald die Feuermelder Alarm schlagen, das Telefon klingelt oder jemand an der Tür ist. Jetzt hat sich auch das anfängliche Mysterium mit der Türklingel geklärt.

Ein Teleprompter zeigt die Texte, die die Weinmeisters in die Gebärdensprache übersetzen.

Aber Telefonieren? Warum sollte ein Gehörloser einen Hörer in die Hand nehmen? Das macht Knut Weinmeister auch nicht, sondern klappt aus Demonstrationszwecken seinen Laptop auf. Im Internet gibt es einen Telefonvermittlungsdienst für gehörlose und schwerhörige Menschen. Wenige Klicks später startet eine Videokonferenz, eine Frau erscheint auf dem Monitor – sie ist buchstäblich sein Sprachrohr. Der Rotenburger tippt die Telefonnummer seiner Schwiegermutter in ein Textfeld, parallel unterhält er sich mit der Frau auf dem Bildschirm, natürlich in Gebärdensprache. Das Gespräch scheint unterhaltsam zu sein, beide grinsen, ich verstehe nur Bahnhof. Dann beginnt das eigentliche Gespräch mit der Schwiegermutter. Die Dolmetscherin übersetzt simultan Weinmeisters Gebärde in die deutsche Lautsprache und umgekehrt. Der Service kostet natürlich Geld, abgerechnet wird pro Minute. „Früher mussten wir für jedes Telefonat auch eine Grundgebühr von fünf Euro bezahlen. Gott sei dank gibt es diese Zusatzkosten heute nicht mehr“, erzählt er.

Knut Weinmeister arbeitet als Studienrat in der Schule an der Marcusallee in Bremen. Dort werden Schwerhörige, Gehörlose, Schüler mit Einschränkungen in der Hörverarbeitung sowie CI-Träger in kleinen Lerngruppen von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet. CI steht für Cochlea-Implantat, eine Innenohrprothese für Gehörlose. Warum nutzen die Weinmeisters nicht solch ein Implantat, möchte ich wissen. Knut Weinmeister, der übrigens auch Mitglied im Behindertenbeirat des Landkreises Rotenburg ist, meint, dass er und seine Frau für so eine Operation schon zu alt sind. Innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte habe sich das Patent zwar immer weiterentwickelt, „die Technik ist allmählich ausgereift“, für ihn kam die Prothese aber nie in Frage. „Ich bin mit der Gebärdensprache aufgewachsen und fühle mich in diesem Umfeld wohl.“ Sein Hörnerv sei zwar noch intakt – eine Notwendigkeit für das Implantat –, sein Gehirn und das seiner Frau seien aber nicht mehr flexibel genug, um die Höreindrücke gut verarbeiten zu können – in jüngeren Jahren sei das einfacher. Dennoch wurde ihm schon häufig von Ärzten das Implantat empfohlen, Knut Weinmeister braucht „das aber einfach nicht. Für uns ist es viel wichtiger, dass mehr Menschen die Gebärdensprache lernen. Gerade hier in Rotenburg wird immer von Inklusion gesprochen.“

Die Plattform „manimundo“ soll Menschen für die visuelle Sprache begeistern. Das Ehepaar ist Teil eines Experten- und Unternehmerteams, die gemeinsam diese Online-Schule für Gebärdensprache realisiert haben. Dort können Interessierte, Gehörlose aber auch Hörende, die A1-Prüfung der Deutschen Gebärdensprache absolvieren, A2- und B1-Kurse sollen bald folgen. Die Dienstleistung des in Hamburg sesshaften Unternehmens kann problemlos von Zuhause aus genutzt werden. Weitere Informationen und Videos zu der Sprachschule gibt es auf der Internetseite www.manimundo.de.

Eine Frage entdecke ich noch auf meinem Zettel: Dürfen Sie auch Auto fahren? „Klar“, entgegnet Christine Weinmeister, die meine Frage auf ihrem Smartphone wortgetreu nachlesen kann. Gehörlose nehmen viel mehr visuelle Eindrücke wahr als Hörende. Und das ist besonders im Straßenverkehr wichtig, schließlich entgehen ihnen zum Beispiel Hupgeräusche. Die sind häufig ja nicht immer nur warnend zu verstehen, sondern auch Ausdruck von Ungeduld. Und ich denke mir erneut: Auf manche Geräusche kann man gut und gerne verzichten. Christine und Knut Weinmeister haben von all dem nie etwas gehört. Traurig ist das lebensbejahende Paar darüber nicht – sie kennen es schließlich auch nicht anders.

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