Trotz widriger Umstände verfolgt Stefanie Ertel ihren Traum, Staatsanwältin zu werden

Steiniger Weg in den Gerichtssaal

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Hat an dem Buch „Hat Strafrecht ein Geschlecht?“ mitgearbeitet: Stefanie Ertel. ·

Rotenburg - Von Matthias BergerHIDDINGEN · „Ich wollte damals nicht, dass Stefanie aufs Gymnasium geht. Ich dachte, dass sie dort als Arbeiterkind nicht akzeptiert wird“, sagt Brigitte Ertel aus Hiddingen. Denn die 26-Jährige kommt aus einfachem Hause. Ihre Mutter ist Lagerarbeiterin, ihr Vater Chemiearbeiter. Seit der dritten Klasse träumt sie davon, Staatsanwältin zu werden. Nun hat sie ihr Staatsexamen bestanden. Doch bis dahin war es ein harter Weg.

„Ich habe damals schon gemerkt, dass sie eine Persönlichkeit ist. Was sie sich vornimmt, schafft sie auch“, erinnert sich Chrisma Bruns, Stefanie Ertels Klassenlehrerin in der Grundschule. „Sie hat sich schon als Kind für andere eingesetzt. Wenn sie das Gefühl hatte, jemand wird ungerecht behandelt, hat sie gebockt.“ Neben ihrem Sinn für Gerechtigkeit entwickelt Ertel ein Faible für Anwälte. Vor allem John-Grisham-Verfilmungen haben es dem Mädchen angetan. „Sie hat immer gesagt, sie will Anwältin werden. Aber ich habe gedacht, das wäre Fantasie“, sagt ihre Mutter.

Schritt für Schritt nähert sie sich ihrem Ziel: Über die Orientierungsstufe geht es zum Ratsgymnasium nach Rotenburg. Ein Schritt, der für ihre Eltern anfangs nicht leicht nachzuvollziehen ist. „Wir hatten die Sorge, dass Stefanie in ein Umfeld gerät, dass nicht zu uns passt“, sagt Brigitte Ertel. Tatsächlich herrschen am Gymnasium andere Maßstäbe. Die Mitschüler laufen fast ausnahmslos in teuren Markenklamotten herum. Für die Ertels wird es zum finanziellen Kraftakt, ihrer Tochter das Gefühl zu geben, dazuzugehören. Doch es ist nur ein Vorgeschmack, auf das, was noch kommen soll.

Nach dem bestandenen Abitur beginnt Stefanie Ertel 2005 ihr Jura-Studium in Konstanz am Bodensee, fast 800 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. „Das war sehr schwer für mich, die Menschen dort haben eine andere Mentalität“, erzählt die 26-Jährige. Das Studium läuft zwar gut, doch an der Uni, so sagt sie, „hat man die Leute erkannt, die Geld haben“. Stefanie Ertel gehört zu denen, die kein Geld haben. Dafür hat sie Heimweh. Doch die Hin- und Rückfahrt von Kostanz nach Visselhövede kostet 250 Euro. Sie bekommt 350 Euro Bafög im Monat – allein die Miete kostet 300 Euro.

Obwohl das Geld knapp ist, springen ihre Eltern in die Bresche. „Mein Gehalt ging komplett an Stefanie“, sagt Brigitte Ertel. Neben den Zugfahrten nach Hause muss die Familie jedes halbe Jahr 800 Euro für Studiengebühren berappen, vom Geld zum Leben ganz zu schweigen.

Erschwerend hinzu kommt die Ellbogen-Mentalität unter den Juristen: Studenten verstecken Bücher, die für Klausuren benötigt werden, weil sie sich einen Vorteil davon versprechen, ihren Kommilitonen den Zugang zum Lernstoff zu versperren. Das Geld, um die Bücher zu kaufen, müssen die Eltern mühsam zusammensparen.

2008 wechselt Stefanie Ertel an die Uni Bremen, um näher an zu Hause zu sein. Ihr Studium zieht sie zielstrebig durch, denn sie weiß, dass sie sich keinen Hänger erlauben darf. Auch wegen ihrer Eltern, die unter der finanziellen Belastung leiden. Möbel besorgen sie sich nur aus zweiter Hand, das Sofa von Stefanies älterer Schwester, den Schrank von der Oma. Zeitweise essen sie eine Woche lang täglich Bratkartoffeln.

Das Geld ist trotzdem knapp. Auf ein Repetitorium muss sie verzichten. Die Mehrheit der Juristen lässt sich damit gezielt auf das Staatsexamen vorbereiten. Ausgebildete Juristen erklären den Studenten, worauf es in den Klausuren ankommt und welchen Stoff sie lernen müssen. „Da wird einem das Staatsexamen auf dem Silbertablett serviert. Ich musste mich dagegen statt durch 250 Seiten durch 30 Bücher wälzen“, erklärt Ertel.

Doch sie hat es geschafft. Nun steht für sie das Referendariat an, dann das Zweite Staatsexamen. „Ich denke, dass sie ihren Weg gehen wird“, sagt ihre Mutter, die sichtlich stolz ist auf ihre Tochter. „Aber wenn ich noch ein Kind hätte, dürfte das nicht studieren. Nochmal könnten wir das nicht finanzieren.“ Von ihrem ersten Gehalt nach dem Studium ihrer Tochter hat sie sich einen neuen Fernseher gekauft.

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