Dr. Karsten Müller-Scheeßel erinnert an Karl Müller-Grote, den Bruder Ernst Müller-Scheeßels

Auf den Spuren Onkel Karls

Diese Zeichnung von Ernst Müller-Scheeßel aus dem Jahr 1887 zeigt Karl Müller-Grote bei seiner Lieblingsbeschäftigung: der Jagd.
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Diese Zeichnung von Ernst Müller-Scheeßel aus dem Jahr 1887 zeigt Karl Müller-Grote bei seiner Lieblingsbeschäftigung: der Jagd.

Scheeßel - Von Dr. Karsten Müller-Scheeßel. In der Nähe des Bartelsdorfer Kirchstegs steht in einem abgelegenen Waldstück ein Gedenkstein, der an den Todesort Karl Müller-Grotes im Jahre 1929 erinnert. Auf der Jagd, seiner großen Leidenschaft, hatte ihn der Schlag ereilt.

Bevor im nächsten Jahr in Scheeßel mit zahlreichen Ausstellungen seines Bruders Ernst Müller-Scheeßel gedacht wird, soll nicht vergessen werden, dass auch Karl über nicht geringe künstlerische Fähigkeiten verfügte.

Karl wurde 1858 als viertes von sieben Kindern des Kaufmanns Adolf Conrad Müller und seiner Frau Konstanze, geb. Zahn, geboren. Sein Großvater war Heinrich Müller, der Besitzer der Scheeßeler Mühle. Woher stammte das künstlerische Talent der Brüder, deren Vorfahren bis 1800 ausschließlich Wassermüller waren? Erst mit der Großmutter Henriette Margarethe Wattenberg, Tochter des Kaiserlichen und Königlichen Postmeisters in Rotenburg, und dann mit Mutter Konstanze, Tochter eines in Weißenburg im Elsass geborenen Sattlermeisters, scheinen neue Einflüsse und Lebenswelten in die bodenständige Scheeßeler Familie eingezogen zu sein.

Karl erhielt wie seine Vettern und Cousinen von der Scheeßeler Mühle und dem Rittergut Veerse und zusammen mit den Pastorenkindern seinen ersten Unterricht privat auf der Scheeßeler Mühle. Danach besuchte er für einige Jahre bis zur Konfirmation die Lateinschule in Hermannsburg, wo im Rahmen des von Pastor Ludwig Harms gegründeten Missionswerks auch Missionare ausgebildet wurden.

Was aus Karl beruflich werden sollte, war auch nach der Konfirmation 1872 unklar. Für das väterliche Geschäft kam er nicht in Frage. Das hatte der älteste Bruder Julius zu übernehmen. Eins aber stand fest: Karl würde seinem älteren Bruder Adolf, der im kanadischen Berlin (heute Kitchener in der Provinz Ontario) als Lehrer tätig war, folgen. Dort würde sich beruflich schon etwas finden.

Auswanderung mit 14 Jahren war in der damaligen Zeit nichts Besonderes, zumal dann nicht, wenn es schon Verwandte in der Neuen Welt gab. In der Familie Müller scheint es der Weg gewesen zu sein, der Perspektiven eröffnete. Bruder Gustav war bereits in Australien, und auch aus der Familie der Mutter haben einige ihr Glück außerhalb Deutschlands gesucht.

Karl ließ sich in Kanada zunächst zum Telegrafisten ausbilden und arbeitete als solcher einige Jahre auf Provinzbahnhöfen der näheren und weiteren Umgebung Berlins. Mehr zufällig fand er dann eine Anstellung bei einem Maler, der mit seinen Mitarbeitern große Räume in Privathäusern, Kirchen, Restaurants, Hotels und öffentlichen Gebäuden ausgestaltete. Dabei zeigte sich sehr schnell, dass er über einige malerische Fähigkeiten, aber auch organisatorisches Geschick verfügte. Dies führte schließlich dazu, dass seine Eltern ihn 1879 nach Deutschland zurückkehren und ihn seine Fähigkeiten an der Kunstgewerbeschule in Karlsruhe weiterentwickeln ließen. 1881 kehrte er nach Kanada zurück, um jedoch von 1883 bis 1885 nochmals in Karlsruhe und München seine Studien fortzusetzen. Karl genoss seine Studienzeiten in vollen Zügen, pflegte feuchtfröhliche Geselligkeit in studentischen Verbindungen, reiste sehr viel, vernachlässigte jedoch auch nicht das ernsthafte Studium.

Zurück in Kanada machte er sich schließlich mit einem eigenen Malereibetrieb selbstständig, brachte es zu gediegenem Wohlstand und wurde zu einem angesehenen Bürger und Ratsherr Berlins. Sogar als Bürgermeisterkandidat war er ernsthaft im Gespräch. Anlässlich eines Auftrags bei einem Fabrikanten im hohen Norden Ontarios lernte er dessen Tochter Anna Happel kennen, die er 1893 heiratete. Mit ihr baute er in bevorzugter Lage Berlins ein Haus und 1895 wurde Tochter Frieda geboren. Häufig verkehrte in dieser Zeit Bruder Ernst bei ihnen im Haus. Von 1888 bis 1896 hat dieser als Maler und Glasmaler, teilweise gemeinsam mit Karl, Spuren in kanadischen Kirchen und Profanbauten hinterlassen.

Das familiäre Glück jedoch währte nicht lange. 1905 starb seine Frau Anna. Grete, die Tochter seines ältesten Bruder Julius, kam zu ihm nach Kanada, kümmerte sich um den Haushalt und Tochter Frieda. Die zunehmende Anglisierung Berlins, das ursprünglich fast rein deutsch war, und die auch das Schulsystem betraf, führten dazu, dass Grete mit Frieda 1906 nach Deutschland geschickt wurde. Frieda wurde dort in dem von Karls Schwester Lilli in Bad Rothenfelde geführten Kinderheim untergebracht. Der sehr national deutsch orientierte und allem Englischen reserviert gegenüberstehende Karl folgte ein Jahr später 1907.

Bruder Ernst hatte bald nach seiner Rückkehr aus Kanada den Künstlernamen Müller-Scheeßel angenommen und 1903 die Schwester Milly (Emily) des Bremer Kaufmanns (Kaffee Hag) und Kunstmäzens Ludwig Roselius (Böttcherstraße) geheiratet. Roselius hatte er bereits in Kanada kennen gelernt. Bei ihm und seinem in Bremen wohnenden Bruder ging er in den kommenden Monaten häufig ein und aus. Ludwig Roselius und sein Bruder hatten zwei Töchter des hannoverschen Kaffeekaufmanns Ernst Grote, bei dem Ludwig in die Lehre gegangen war, geheiratet. Grote hatte noch eine unverheiratete dritte Tochter Frieda, die noch 1907 in der hannoverschen Aegidienkirche mit Karl vermählt wurde.

Im Januar 1908 ging es zusammen mit seiner Frau zurück nach Kanada, aber nur zwei Jahre später verkaufte Karl seinen kanadischen Betrieb und kehrte endgültig nach Deutschland zurück. Mit seiner Frau lebte er in Bremen, verkehrte wie sein Bruder Ernst und Schwager Roselius im Verein Niedersachsen, von dem aus das erste Trachtenfest 1904 in Scheeßel und die Gründung des Scheeßeler Heimatvereins als Außenstelle des Bremer Vereins 1905 initiiert wurden. Bei jeder sich bietender Gelegenheit ging er seiner großen Leidenschaft, der Jagd, nach, bei deren Ausübung er wie schon erwähnt 1929 verstarb.

Seinen Werdegang und seine kanadischen Jahre hat er 1924 in dem Buch „Onkel Karl – Deutsch-Kanadische Lebensbilder“ in sehr lebendiger Sprache geschildert. Illustriert ist es von Theodor Herrmann, dem Malerfreund von Ernst und Karl, der Karl als Schwiegersohn auch verwandtschaftlich verbunden war.

Ein kurzer Auszug aus diesem Buch soll abschließend verdeutlichen, dass Karl seinem Bruder den künstlerischen Erfolg nicht neidete, sondern humorvoll und seines erfolgreichen Lebens eingedenk selbstbewusst mit ihm umzugehen wusste.

„Meinem künstlerisch vielseitig begabten Bruder ist die Scheeßeler Kirche (sogar) zur Erwerbsquelle geworden, er hat sie und die sie überschattende uralte mächtige Linde, von innen und von außen, von hinten und von vorn gemalt. Er stellt einmal ein paar Bauerndeerns in Tracht rechts von der Linde auf, ein anderes Mal stehen sie links. Die malerische Ausbeutung des Innern der Kirche wird dabei nicht vernachlässigt, er malt sie, wenn sie leer ist, und er malt sie, wenn sie voll ist, und immer will er den nicht Eingeweihten glauben machen, dass die schöne Scheeßeler Tracht noch von alt und jung getragen wird. Das Bemerkenswerteste ist, dass er die Bilder auch verkauft und dass bei steigenden Preisen der Markt immer noch aufnahmefähig bleibt.“

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