Zeitreise nach Noten

Ensemble „La Ninfea“ stellt Schülern in Horstedt Instrumente und alte Musik vor

Barbara Heindlmeier in der Grundschule Horstedt.
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Barbara Heindlmeier erklärt den Schülern, wie ein Zink aufgebaut ist.

Wer war Michael Praetorius und wie hört sich Musik aus dem 16. Jahrhundert auf alten Instrumenten an? Diesen Fragen und mehr gehen die Dritt- und Viertklässler der Grundschule in Horstedt nach – mithilfe eines besonderen Besuchs: dem Ensemble „La Ninfea“.

Horstedt – Per Fistbump läuft heutzutage die Begrüßung ab – so kontaktarm wie möglich. Aber auch im 16. Jahrhundert war man, was das angeht, bereits erstaunlich coronakonform, nämlich per Referenz. Wie das genau geht – Arme abspreizen, Oberkörper nach vorne neigen, die Füße elegant voreinander stellen – macht Barbara Heindlmeier vor, und gut zehn Drittklässler machen es ihr mit einer erstaunlichen Sicherheit nach.

Steht statt Mathe und Deutsch Renaissance-Etikette auf dem Stundenplan der Horstedter Grundschule? Nicht ganz, und doch spielt die Renaissance an diesem Tag eine besondere Rolle.

Genauer gesagt, ein Vertreter dieser Epoche: Michael Praetorius, Komponist, der in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag beziehungsweise 400. Todestag hat. Ihn hat das Musikland Niedersachsen für dieses Jahr in den Fokus der Reihe „Musik im Klassenzimmer“ gestellt. Dafür sind Ensembles aus ganz Niedersachsen mit an Bord, die dann in die Schulen fahren und dort Wissenswertes über die Musik und Instrumente vermitteln. In Horstedt ist das Trio „La Ninfea“ zu Gast: Neben Heindlmeier lassen sich Christian Heim und Susanne Peuker von den Dritt- und Viertklässlern der Löwenzahn-Grundschule Löcher in den Bauch fragen.

Wie geht die richtige Referenz? Die Schüler der Löwenzahn-Grundschule probieren es aus.

„Gerade seine Epoche kommt im allgemeinen Musikunterricht eher selten vor“, sagt Projektleiterin Anne Benjes. „Meistens geht es erst bei Johann Sebastian Bach los.“ Das Links-liegen-Lassen von Praetorius und seinen Zeitgenossen hat allerdings nicht nur Nachteile: „So haben die Kinder frische, unvoreingenommene Ohren und sind echt neugierig“, freut sich Heindlmeier. Sie hat altertümliche Flöten und Zink, eine Art Holztrompete, im Gepäck – und die stößt bei den Horstedter Kindern auch auf reichlich Interesse. „Welches Instrument wollt ihr kennenlernen?“, fragt sie mit ihrer Flötensammlung vor sich auf dem Tisch ausgebreitet. „Alle“, ist die kurze Antwort ihrer jungen Zuhörer. Und mit ähnlicher Begeisterung sind sie auch bei dem kleinen Tanz, inklusive der formellen Referenz, dabei, den Heindlmeier mit ihnen einstudiert.

Ähnlicher Begeisterung steht auch Peuker gegenüber, die zwei ihrer Lauten mitgebracht hat. „Wie viele Saiten hat sie?“, will die Musikerin wissen. Viertklässler Finn überlegt nicht lange: „15“, kommt schnell und selbstbewusst. Die Schüler haben sich im Musikunterricht auf diesen Tag vorbereitet, dazu gehörte allerdings nicht Wissen über die frühen Lauten. Denn in ähnlicher Form wie heute existierte das Zupfinstrument bereits vor 4 000 Jahren, „damals haben die Menschen allerdings anstatt Holz einen Schildkrötenpanzer genommen“, berichtet Peuker. Das löst bei den Kindern fast schon Bestürzung aus: „Mein bester Freund hat auch eine Schildkröte“, kommt es etwas bedrückt von einem Schüler.

Die Viertklässler finden heraus, wie sich die Saiten von Susanne Peukers Laute anfühlen.

„Es ist einfach spannend, wie unterschiedlich die Gruppen auch von der Dynamik hier sind“, findet Heim. Er führt den Schülern zwei Gamben, Streichinstrumente, vor und übt mit ihnen ein Michael-Praetorius-Lied. Das fließt, ebenso wie der Tanz, im Anschluss an diese Workshop-Stunden in das Programm eines Mitmachkonzerts zum Abschluss des Tages mit ein. Dabei demonstrieren die drei Musiker natürlich auch, wie Praetorius’ Musik live und von drei Musikern gespielt klingt.

„Das Tolle für Schulen auf dem Land an diesem Projekt ist, dass es ein aufsuchendes Projekt ist“, sagt Schulleiterin Annette Römer. „Wir müssen nicht mit den Kindern eine stundenlange Anfahrt, nach Bremen beispielsweise, in Kauf nehmen. Stattdessen kommen die Künstler zu uns. Das ist für uns sehr wichtig.“ Sie und eine Kollegin haben sich im Rahmen eines Workshops Ende September in Hannover intensiv mit diesem Tag beschäftigt. „Solche Dinge sind einfach nachhalliger, wenn man es richtig macht“, ist Römer fest überzeugt.

So etwas sind Erlebnisse, die den Kindern in Erinnerung bleiben.“

Annette Römer

Für die Pädagogin ist dies zudem ein sehr wichtiger Tag: „Lernrückstände durch Corona kann man aufholen. Aber was ist mit Aktionen wie diesen, mit Schulkultur, mit dem gemeinsamen Singen? Unsere Zweitklässler zum Beispiel haben unser Frühlingstheater noch nicht kennengelernt. Daher ist es wichtig, dass solche Dinge wieder stattfinden, dass der Motor ,Schulkultur‘ wieder anläuft.“ Römer ist sicher: „Selbst wenn dieser Besuch nur für einen Tag war: So etwas sind Erlebnisse, die den Kindern in Erinnerung bleiben.“ Neben der Musik ist das dann vielleicht auch die korrekte Referenz.

Christian Heim singt mit den Kindern das Michael-Praetorius-Lied.

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