Die Zehnjährige besucht trotz spinaler Muskelatrophie das Gymnasium

Meret ist nicht zu bremsen

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Maike Wanzke ist im Schulalltag zu Meret Löschers Unterstützung da.

Sottrum - Von Jessica Tisemann. Seit September besucht die zehnjährige Meret Löscher mittlerweile das Sottrumer Gymnasium. An sich erst einmal nichts Besonderes. Doch Meret ist an spinale Muskelatrophie erkrankt, auf einen Rollstuhl in ihrem Alltag angewiesen.

Doch davon lässt sich das ehrgeizige Mädchen nicht aufhalten und lädt sich zusätzlich zu den normalen Aufgaben eines Fünftklässlers noch einige weitere auf. Bereits Anfang 2015 hatten sich Margot Löscher und ihr Ehemann mit der Schule in Verbindung gesetzt und gefragt, ob eine Beschulung ihrer Tochter Meret möglich sei. „Sie benötigt einen Elektrorollstuhl, der ist schwerer als ein normaler Rollstuhl“, machte die Mutter auf eines der möglichen Probleme aufmerksam. Gemeinsam mit Schulleiter Ferdinand Pals ging es an die Besichtigung der Einrichtung. Ein Fahrstuhl war bereits da – so hat Meret auch die Möglichkeit, ins Obergeschoss zu gelangen. Nur ein rollstuhlgerechte Toilette musste her. „Unsere To-Do-Liste war nach dem gemeinsamen Rundgang recht klein“, merkt Pals an – ein Vorteil, dass das Sottrumer Gymnasium noch recht jung ist.

Durch ihre Erkrankung ist Meret auf einen Rollstuhl angewiesen. Bei der spinalen Muskelatrophie wachsen die Kinder zwar weiter, es kommen aber keine neuen Muskeln nach. Durch ein Training lässt sich der Prozess verlangsamen, aufhalten lässt er sich allerdings nicht.

Deswegen ist es besonders wichtig, dass die Zehnjährige solange wie möglich alles selbst macht. Das fängt beim Schreiben an. Meret macht jede Stunde mit ihren Mitschülern komplett mit. Wenn sie nicht mehr sitzen kann, hat sie zum einen die Möglichkeit, ihre Lehne am Rollstuhl selbst zu verstellen, um eine bequemere Sitzposition zu erreichen. Zum anderen hat sie eine Liege im Klassenraum, auf der sie die Stunde weiter mitverfolgen kann – wenn das nicht ausreicht, gibt es auch einen extra Ruheraum, in den sich die Schülerin zurückziehen kann. Diesen hat sie allerdings noch nicht genutzt. „Sie will immer mittendrin sein“, sagt ihre Mutter.

Wenn Meret doch mal eine Pause beim Mitschreiben braucht, übernimmt ihre Inklusionshelferin Maike Wanzke von der Lebenshilfe Rotenburg-Verden für sie die Arbeit. „Meret schreibt aber überwiegend selbst, ihre Inklusionshelferin ist berechtigt, für sie mitzuschreiben, damit sie nichts verpasst“, erklärt Lehrerin Rebecca Schaaf das Prozedere. Die Schülerin behält dabei aber das Zepter in der Hand. Denn sie entscheidet, was Wanzke für sie mitschreibt. „Ihre Inklusionshelferin ist quasi nur die ausführende Hand“, so Schaaf.

Schaaf verbringt mit der Zehnjährigen auch einmal die Woche zwei Stunden, um Dinge aufzuarbeiten, die im Unterrichtsalltag untergegangen sind. „Da schauen wir dann auch, wie sie bestimmte Dinge vielleicht besser umsetzen kann“, erklärt die Vertretungsfachkraft. Und sie erzählt, dass sich das Schriftbild von Meret deutlich verbessert hat und auch ihre Rechtschreibung super ist.

Als wäre die Umstellung von der Grundschule auf eine weiterführende Schule nicht schon anstrengend genug, hat sich Meret auch noch für einen ganz besonderen Posten im Klassenverband entschieden: den der Klassensprecherin. „Wenn sich die Jungs dann mal rangeln, muss ich auch schon mal eingreifen“, erklärt die Zehnjährige nur eine der vielfältigen Aufgaben. Außerdem nimmt sie an den Klassenkonferenzen teil. „Und dabei ist sie auch durchaus eine der Schülerinnen, die den Mund aufmachen und ihren Beitrag leisten“, lobt Schulleiter Ferdinand Pals.

In ihrem Klassenraum gibt es eine digitale Tafel, die der Schülerin den Alltag erleichtert. Am liebsten hat Meret die Fächer Deutsch, Physik und Kunst, erzählt sie. Vor allem letzteres überrascht wenig, wo sie doch auch viel und gerne zeichnet, wie Rebecca Schaaf verrät. „Dabei ist sie sehr genau und penibel. Manchmal muss man sie schon bremsen, wenn man sieht, es reicht jetzt.“

Was die Lehrerin damit meint, ist der Moment, wenn Merets Hände anfangen zu krampfen. Dann kann sie ihren Stift nicht mehr richtig halten und weiter schreiben, und ihre Inklusionshelferin kommt zum Einsatz. Auch bei den Klassenarbeiten bekommt Meret daher etwas mehr Zeit eingeräumt.

Neben den ganzen schulischen Aktivitäten wollte Meret auch unbedingt an einer AG teilnehmen. Gesagt, getan – Meret singt jetzt im Chor. Alle Lehrer sind von dem zehnjährigen Mädchen begeistert – und das völlig zu recht. Schaaf lobt: „Sie hat den Ansporn, es selbst zu machen. Sie ist so motiviert und ehrgeizig.“

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