Interview über Hofübernahmen und Protest

Landwirt Cord Meyer über seine Branche: „Wir sind moderne Knechte“

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Seit Oktober begeben sich Landwirte immer mit Trecker-Korsos auf Mahnfahrt. „Das scheint das richtige Rezept zu sein“, so Cord Meyer aus Bötersen.

Höperhöfen – Rund um die Feiertage musste es raus. Cord Meyer, Landwirt aus Höperhöfen, setzte sich an seinen Computer, um der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) einen langen Brief zu schreiben.

Darin rechnet er ab mit der aktuellen Agrarpolitik sowie der erdrückenden Bürokratie auf den Höfen und fordert dazu auf, dass die Politik aufhören solle, Verantwortung immer hin und her zu schieben. Ihm und seinen Kollegen reicht’s. Meyer ist auch in der Bauern-Initiative „Land schafft Verbindung“ engagiert. Mittlerweile ist er so weit, dass er seinen Söhnen die Übernahme des Hofes nicht mehr uneingeschränkt empfehlen kann. 

Damit sich das wieder ändert, plädiert Meyer für ein Ende ideologisch geführter Diskussionen. Der Brief ist ein Zeugnis davon, wie es den Bauern aktuell geht, und dass es aus ihrer Sicht so nicht mehr weitergehen kann. Er teilt seinen Brief bei Facebook und trifft einen Nerv – vor allem bei seinen Kollegen. Im Interview erklärt er, warum er wütend ist, berichtet von Bauernprotesten und wie weit sie gehen können und warum er seinen Söhnen den Hof lieber nicht mehr übergeben möchte.

Herr Meyer, hat Frau Otte-Kinast Ihnen schon geantwortet?

Nein, bisher nicht.

Rechnen Sie überhaupt mit einer Antwort?

Ich habe ihr ja eigentlich keine Frage gestellt, sondern eine Aufforderung; als diejenige, die im Bundesrat verantwortlich mit abstimmt. Ich glaube nicht, dass da noch was kommt.

Aus welchem Antrieb heraus haben Sie den Brief überhaupt geschrieben?

Aus einer allgemeinen Unzufriedenheit zur Situation der Landwirtschaft heraus. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer eher optimistisch gewesen bin, den Betrieb weiterzuentwickeln. Aber das gesamte Umfeld passt nicht mehr. Kinder mit landwirtschaftlichem Hintergrund werden in der Schule gemobbt. Das sind keine Zufälle, schon im Bildungssystem wird die Landwirtschaft verniedlicht dargestellt. Das nächste Thema ist Subventionspolitik: Ich musste mir bei allen Kundgebungen in den vergangenen Monaten anhören, wie groß der Agrarhaushalt ist und wie viele Subventionen wir aus Brüssel bekommen. Das wollen wir eigentlich alles gar nicht. Denn ich kann meinem Sohn eigentlich keinen Betrieb übergeben, wenn von vornherein klar ist, dass er sich an den Tropf einer Politik begibt, die ihm jederzeit an die Karre fahren kann – aus welchen Gründen auch immer. Bis noch vor zehn Jahren war alles, was wir gemacht haben, anerkannt und richtig.

Und das hat sich verändert?

Das ist so, und ich kann von der nächsten Generation Landwirte nicht erwarten, dass sie sich in die Situation begibt, dass die Dienstleistungen und Produkte, die sie für die Gesellschaft erbringt, so schlecht bezahlt werden, dass sie ihre Familien nicht ernähren und seine Sozialversicherung nicht bezahlen können. Mit diesen Gedanken gehen wir Bauern jeden Abend ins Bett.

Sie selbst sind sich unsicher, ob Ihr Sohn den Hof übernehmen soll. Ist er sich wenigstens sicher?

Ich selbst bin mir nicht unsicher. Aber wenn man mich jetzt fragt, würde ich ihm von einer Übernahme des gesunden Betriebs abraten. Er soll lieber die Finger davon lassen. Das Leben als Landwirt ist aktuell nicht lebenswert – ganz einfach.

Wie sieht Ihr Sohn das?

Er sieht das noch mit einer gehörigen Portion Optimismus. Er weiß aber, wie das als 18-Jähriger so ist, eigentlich noch nicht, ob er Kühe melken will oder nicht. Trotzdem fragt er mich ja, und ich lebe ihm ja auch etwas vor. Es gibt gut gehende Betriebe mit Nachfolgern, es gibt schlecht gehende Betriebe mit Nachfolgern und es gibt gut gehende Betriebe, die haben keinen. Das ergibt sich daraus, ob die Generation, die den Hof übergibt, vorgelebt hat, dass das etwas Geiles ist, was wir machen. Mit Tradition, Nachhaltigkeit – also mit allem, was die Gesellschaft will. Aber mit ruhigem Gewissen kann ich das heute nicht mehr tun.

Wann war der Wendepunkt?

Irgendwann läuft das Fass über, und das war im vergangenen Jahr. Die Dinge, die man von einem normal verantwortlich lebenden Menschen erwartet, versucht man uns jetzt vorzuschreiben. Wenn Frau Klöckner (Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin; Anm. d. Red.) uns eine Fruchtfolge vorschreibt, geht das alles irgendwann in die Richtung, in der man uns vorgibt, wann wir auf die Toilette zu gehen haben. Ihr spreche ich jede Art von Ahnung ab, wie man auf Höperhöfener Böden zu welcher Jahreszeit was in welcher Form machen kann und welche Früchte man hier anbauen kann.

Sie fühlen sich also Ihrer Selbstbestimmung beraubt?

Alles, was in diese Richtung geht, wird uns entzogen. Das gilt nebenbei auch noch für die unternehmerische Ambition zu entscheiden, was passt auf die Böden und was passt in diesen Betrieb.

Spüren Sie Misstrauen?

Wir haben meiner Meinung nach politisch die fachliche Basis komplett verlassen und argumentieren nur noch ideologisch und emotional. Man könnte sagen, dass die Politiker von bestimmten Mainstream-Medien und NGOs (Nicht-Regierungsorganisationen; Anm. d. Red.) getrieben sind. Diese haben einen großen Einfluss auf die städtische Bevölkerung und die Politiker schauen nur noch darauf, dass sie genügend Kreuze auf den Wahlzetteln bekommen. Das war sicherlich nie anders, trotzdem wurden Gesetze fachlich-wissenschaftlich basiert ausgearbeitet. Davon sind wir mittlerweile meilenweit entfernt.

Cord Meyer

Wäre es denn verkehrt, unter diesen Umständen den Hof irgendwann aufzugeben? Immerhin könnten Sie so ein Zeichen setzen.

Wir könnten alle ein Zeichen setzen: Wir schließen alle unsere Höfe ab. Jeder, der sich nicht wie wir selbst versorgen kann, kann sich dann vor die Supermarkt-Regale stellen und gucken, was es noch gibt, woher es kommt und welchen Einfluss er darauf hat, wie das entsteht. Jährlich werden mehr als 6,5 Milliarden Eier aus Käfighaltung nach Europa importiert und von Nudelherstellern verarbeitet und in Tetrapacks zu Bäckereien geliefert, weil alle dem Kostenjoch der Discounter unterliegen. Das betrifft nicht nur die Bauern. Dabei war es sicherlich richtig, dass wir in Deutschland die Hühner aus den Käfigen geholt haben.

War früher alles besser?

Als ich auf unserem Hof aufgewachsen bin, herrschte täglich gute Laune. Es sei denn, es hat mal gehagelt. Das habe ich auch in meinem Brief geschrieben. Aber der wirtschaftliche Druck damals ist nicht ansatzweise mit heute vergleichbar. Den will ich auch gar nicht infrage stellen, weil in der gesamten Wirtschaft Druck herrscht. Damit können Bauern umgehen. Ich kann aber nicht damit umgehen, unterjocht zu werden. Wir sind moderne Knechte.

Fühlen Sie sich verarscht?

Ja.

Was ist das Feindbild des Bauern?

„Feindbild“ ist ein schönes Wort. Hat man ein Feindbild, wenn man verarscht wird? In jeder Form von Demokratie müsste man sich eigentlich auf einen gemeinsamen Nenner einigen können. Das können wir aber derzeit nicht – scheinbar. Dann ist das Feindbild für mich diese ideologisch-emotionale Politik. Wir müssen zu einer fachlichen und vernünftigen Variante der Politik zurückkehren.

Wen trifft Ihr Groll eigentlich wirklich? Den Konsumenten, den Discounter oder die Politik?

Für das Umfeld eines Wirtschaftszweiges ist grundsätzlich die Politik verantwortlich – und der Wirtschaftszweig selbst. Ich habe vor zehn Jahren mit dem Bauernverband gebrochen, weil ich mit dessen Politik nicht mehr einverstanden war. Die Summe der Landwirtschaft in Deutschland hat sicherlich versäumt, ihr Bild in der Öffentlichkeit vernünftig darzustellen. Da sind wir uns alle einig und wir versuchen, das über „Land schafft Verbindung“ ein bisschen nachzuholen.

Frau Otte-Kinast meint, Landwirte spalten mit Aussagen wie „Wir werden uns wehren“ die Gesellschaft. Wie können sich Landwirte wehren?

Das sagt sie mit der Hoffnung, dass sie das Ganze etwas beschwichtigen kann und nicht in die Bredouille kommt. Wer die Mahnfahrt nach Berlin miterlebt hat, der weiß, wie man physische Macht ins Land trägt – und davor hat sie Angst. Es gibt diesen Spruch „Man muss eigentlich nichts fürchten, außer dass die Bauern sich einig werden“. Und da steckt eine Menge Wahrheit drin. Bei diesen Veranstaltungen hatten alle Teilnehmer das Gefühl, dass es sehr willkommen ist, was wir machen. In Berlin standen Leute mit Fahnen und Daumen hoch am Straßenrand. Das Feedback ist durch die Bank positiv, das kommt aber medial gar nicht rüber.

Sind Sie radikaler geworden?

Nein, ich will nicht behaupten, dass ich bei bestimmten Dingen nicht zu zivilem Ungehorsam bereit bin, um meinen Willen darzustellen. In Berlin war für mich die Ignoranz der beiden Ministerinnen bezeichnend: Frau Schulze (Svenja Schulze, SPD, Bundesumweltministerin; Anm. d. Red.) ist für mich eine Marionette der NGOs und Frau Klöckner ist einfach eine Machtpolitikerin, die nach meiner Erkenntnis überhaupt nichts begriffen hat. Frau Schulze hat uns die 114 Euro, die sozusagen jeder Bürger der EU jährlich an die Landwirte überreicht, vorgehalten (hergeleitet aus 58 Milliarden Euro EU-Agrarsubventionen jährlich; Anm. d. Red.). Da zahlt der Bürger mehr Rundfunkbeitrag, als er für gute Ernährung ausgibt. Das sind Transferleistungen und keine Subventionen. Es werden uns Auflagen gemacht, die wir erfüllen. Dafür bekommen wir einen Ausgleich, und dieser Ausgleich wird uns hinterher wieder zum Vorwurf gemacht.

Sie sind wütend ...

Das könnte man so sagen. Ich weiß auch nicht, wie wir wieder aus der Nummer herauskommen. Auf jeden Fall herrscht Einigkeit, dass der Druck aufrecht erhalten oder noch erhöht werden muss. Es besteht breiter Konsens darüber, dass wir noch mal nach Berlin fahren sollten. Und wenn man uns dort suggeriert, dass die Schuld in Brüssel liegt, dann fahren wir auch dorthin. Das sind nur 150 Kilometer von hier aus mehr, die sitze ich auf einer Backe ab. Aber das nächste Mal bleiben wir. Die Flugbegleiter streiken solange, bis ihnen jemand ein Zugeständnis macht. Scheinbar muss man in Deutschland solange auf den Busch klopfen, bis jemand sagt, dass wir das halt anders machen. Und das wird nicht funktionieren, in dem man einen Tag in Berlin erscheint und dann wieder abrückt. Wir haben das Recht, unsere Meinung und unseren Protest kundzutun wie jede andere Sparte in Deutschland. Und wir machen das mit physischer Macht und mit unseren Treckern. Das scheint tatsächlich ein gutes Mittel zu sein.

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