Nach BGE-Zwischenbericht

Endlager-Gegner: „Wir müssen am Ball bleiben“

Haben Zweifel an der Eignung Taakens als Endlager-Standort: Bürgermeister Marco Körner (l.) und Julian Loh.
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Haben Zweifel an der Eignung Taakens als Endlager-Standort: Bürgermeister Marco Körner (l.) und Julian Loh.

Nachdem ein Salzstock unter Taaken als möglicher Standort für Atommüll-Endlager gilt, bereitet man vor Ort die ersten Schritte vor. Die Gemeindespitze sortiert ihre Argumente und übt Kritik an der anstehenden Fachkonferenz in Kassel.

Seit Ende September gilt die Region Taaken, Scheeßel, Ostervesede als sogenanntes Teilgebiet, eine von rund 90 Regionen in Deutschland, in dem geologisch ein Atommüll-Endlager möglich wäre. In der Gemeinde Reeßum bereitet man nun eine Reaktion vor, zudem steht eine Fachkonferenz in Kassel an. Im Interview sprechen Bürgermeister Marco Körner und sein Stellvertreter und designierter Nachfolger Julian Loh über die nächsten Schritte, Reaktionen und ab welchem Punkt ein Endlager in Taaken tatsächlich akzeptabel wäre.

Herr Körner, Herr Loh, was sind die Reaktionen auf Taakens Nennung auf der Liste möglicher Endlager-Standorte, die bei Ihnen eingegangen sind – vielleicht erst mal von politischer Seite?
Marco Körner: Das ist relativ kurz zusammengefasst: eigentlich gar keine.
Haben Sie mehr erwartet?
Körner: Nein, weil bis jetzt letztlich nichts entschieden ist. Die Region Taaken ist eine von 90 möglichen Standorten, und die Entscheidung geht ja noch weiter. Von daher weiß ich nicht, ob es jetzt schon sinnvoll ist, die große politische Glocke zu schlagen. Letztlich, das war ein Spruch von Miriam Staudte (Grünen Landtagsabgeordnete aus der Region Lüneburg; Anm. d. Red.) hier bei einer Versammlung: „Wir müssen wachsam bleiben.“ Und ich finde dieses Wachsambleiben ganz wichtig.
Wie habe die Bürgerinnen und Bürger den Zwischenbericht Teilgebiete aufgenommen?
Julian Loh: Da die kommende Bürgerinitiative im Vorfeld schon gute Informationsarbeit geleistet hat, war niemand wirklich erschüttert oder überrascht. Es war wahrscheinlich eher so, dass die Menschen ein bisschen Resthoffnung hatten, dass wir vielleicht rausfallen. Aber naja, jetzt ist es so.
Sind die Bürger dennoch mit Ihnen in Kontakt getreten?
Körner: Ich habe in der letzten Sprechstunde am Dienstag drei Anrufe gehabt. Erstaunlicherweise kam einer der Anrufe von weiter weg. Er möchte in Scheeßel, das nicht zu unserer Region gehört, sein geerbtes Haus renovieren und weiß nicht, was er tun soll. Ob jetzt ein Endlager komme oder nicht? Das konnte ich nicht beantworten. Das ist das große Problem: Man weiß nicht, was in den nächsten zehn Jahren, bis das Lager mal festgelegt ist, entschieden wird. Die Besorgnis ist schon da, aber es haben eigentlich alle damit gerechnet, dass wir auf der Liste stehen.
Wir reden von einem Zeitraum, der sich womöglich bis zu zehn Jahre hinziehen kann. Wie geht man mit dieser Langfristigkeit um?
Loh: Das wird eine der großen Herausforderungen sein, dass man auf der einen Seite die Motivation nicht verliert und immer wieder an den Themen dranbleibt und recherchiert. Bei dem Thema bekommt man die Informationen leider nicht mundgerecht geliefert. Man muss viel am Ball bleiben – und das muss man aufrecht erhalten bei sich selbst und bei der Bürgerinitiative.
Körner: Aber wir haben mit Rolf Wedemeyer einen, der schon seit zwei Jahren, als das erste Mal Gerüchte aufkamen, aktiv dabei ist. Da haben wir einen an Bord, der das nötige Feuer am Brennen halten wird.
Erwarten Sie mehr Schützenhilfe?
Körner: Der Landkreis hat uns Unterstützung zugesagt, wenn man sich um Fachleute bemühen muss, die natürlich Geld kosten werden. Und selbst das Land Niedersachsen soll einen Topf aufgesetzt haben, aus dem betroffene Regionen Gelder anfordern können. Man darf nicht vergessen, dass da eine riesige Behörde dahintersteckt, die mit fast 2 000 Mitarbeitern seit Jahren nur an diesem Thema arbeitet. Und wir haben jetzt bis zum 17. Oktober das erste Mal Zeit, uns zu informieren und uns bei der Teilgebietskonferenz das erste Mal zu äußern. Das ist nicht zu vergleichen, und wir werden irgendwann an den Punkt kommen, an dem wir uns externe Hilfe holen müssen.
Welche Erwartungen haben Sie an die Fachkonferenz?
Körner: Das ist extrem schwierig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ablaufen soll, wenn es nicht als Konferenz vor Ort, sondern vieles aufgrund Corona als Videokonferenz stattfinden soll. Ich persönlich finde es wichtig, den Austausch mit den anderen betroffenen Regionen zu suchen und zu hören, wie die damit umgehen. Das ist bei einer Videokonferenz extrem schwierig.
Loh: Die größte Herausforderung wird es sein, dass sich das Gremium, das bei Konferenz entsteht, selbst organisieren soll. Das ist wahnsinnig schwierig, wenn da Leute aufeinandertreffen, die sich noch nie vorher gesehen haben und die sich überhaupt nicht kennen. Und dann soll man sich mehr oder weniger von jetzt auf gleich eine Geschäftsordnung und eine Satzung geben und sich überlegen, wie man so ein Thema, bei dem noch niemand Erfahrung hat, in den nächsten Jahren abarbeiten will.

Die Fachkonferenz Teilgebiete in Kassel

Die Fachkonferenz Teilgebiete am Wochenende am 17. und 18. Oktober ist die erste von insgesamt vier Fachkonferenzen, bei denen unter anderem der Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) diskutiert werden soll. Weitere sind für Februar, April und Juni 2021 vorgesehen. Sie sind gesetzlich vorgeschrieben. Vorgesehen ist, dass sich die Konferenz selbst organisiert.

Dazu hat das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) eigenen Angaben nach zusammen mit verschiedenen Interessenverbänden eine vorläufige Geschäftsordnung erstellt. Eine Schwierigkeit ist allerdings, dass diese Konferenz aufgrund der Pandemielage weitgehend online stattfindet.

Die Konferenz biete eine Plattform, auf der die BGE ihre Zwischenergebnisse mit Bürgern und Vertretern aus Wissenschaft und Kommunen sowie von gesellschaftlichen Organisationen diskutieren kann, schreibt das BASE. 

Kann das überhaupt funktionieren?
Körner: Bei guter Moderation mag das funktionieren.
Das klingt jetzt nicht sehr optimistisch.
Körner: Ja, die Organisation hat am Ende die Gesellschaft, die auch das Standort-Verfahren durchführt. Da ist dann die Frage, wie gut sie motiviert ist, potenziellen Gegnern – in diesem Falle sind es ja Gegner – das Werkzeug an die Hand zu geben, gegen sie vorzugehen.
Warum sind Sie gegen ein Endlager in der Region? Es kann sich doch sicher auch lohnen?
Körner: Ja, aber kann man finanziellen Vorteile, die man durch ein mögliches Endlager als Kommune vielleicht erreichen kann, gegen die Gesundheit der Einwohner abwägen? Ich möchte mir nicht anmaßen, das zu bewerten.
Loh: Die Frage ist nicht, ob wir für oder gegen ein Endlager für Atommüll sind. Die Frage ist tatsächlich: Ist der Salzstock unter Taaken wirklich der sicherste Ort für diesen Abfall in der nächsten Million Jahre? Und da gibt es begründete Zweifel.
Und wenn er sicher ist, ist der Standort Taaken in Ordnung?
Loh: Wenn in einem wissenschaftlich fundierten, fairen und transparenten Verfahren herauskommt, dass dieser Standort in der ganzen Bundesrepublik am besten geeignet ist, dann werden wir die Kröte schlucken müssen. Wir haben als Gesellschaft letzten Endes mit zu verantworten, dass dieser Müll entstanden ist.
Körner: Irgendwo muss der Müll ja hin. Und wir haben alle davon profitiert, dass wir in den Jahren mit Atomkraft ausreichend und günstig Strom hatten und haben. Wenn das hier wirklich der beste Standort ist, wird es Taaken auch werden.
Was sind die „Pfunde“, die Reeßum und Taaken dagegen aufbringen können?
Loh: Drei ganz wesentliche Punkte: Einmal der Verlauf der Rotenburger Rinne – wir haben hier ein Trinkwasservorkommen, das eine riesengroße Zahl an Menschen mit wertvollem Wasser versorgt. Dann haben wir in der Region, zumindest aus meiner Sicht, sehr viel Gasförderung und Erkundungsbohrungen gehabt, was eine gewisse Durchlöcherung des Salzstocks mit sich bringt. Und das Dritte ist die Frage – auch wenn das sehr weit weg klingt: Wie lange ist diese Region noch eine Region über dem Meeresspiegel? Und wann ist diese Region vielleicht eine Region unter dem Meeresspiegel? Ob dann ein Atommüll-Endlager unter dem Meeresgrund so sicher ist? Das wage ich mal zu bezweifeln. Wir sprechen hier von einer Million Jahre, die das Zeug aufbewahrt werden muss.
Denken wir kurzfristiger: Herr Körner, Sie scheiden Ende des Jahres als Bürgermeister aus und übergeben an Herrn Loh. Welchen Einfluss hat das auf das weitere Vorgehen?
Körner: Ich werde mich dann nicht als Bürgermeister an dem Verfahren beteiligen, aber ich werde auf jeden Fall Mitglied in der Bürgerinitiative werden. Das Thema ist zu wichtig, um sich herauszuhalten.
Herr Loh, wie motiviert sind Sie, mit dieser Aufgabe ins Amt zu starten?
Loh: Es gibt natürlich einfachere Aufgaben zum Starten als über ein Atommüll-Endlager zu diskutieren, das ist schon richtig (lacht). Aber auf der anderen Seite habe ich immer gesagt, dass ich Verantwortung für die Gemeinde und die Region hier übernehmen will. Und wenn das eben eines der dringlichen Themen ist, werde ich mich auch diesem Thema stellen. Das funktioniert natürlich nur mit vielen anderen im Hintergrund: Gemeinde, Samtgemeinde, Landkreis, Landespolitik.
Welchen Stellenwert nimmt die Endlagersuche in der Arbeit als Bürgermeister denn ein?
Körner: Im Moment ist es ein bisschen mehr gewesen, aber es beruhigt sich wieder. Die Lage ist jetzt klar, man muss nicht mehr spekulieren. Es ist einfach so: Wir sind auf der Liste mit rund 90 anderen Standorten, es kommen immer mal wieder Nachfragen von Bürgern, es kommen auch immer mal wieder Mails, aber es ist nicht das Hauptthema.

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