Unterstützung durch „Dachzeltnomaden“

Wiederaufbau nach der Flut: Im Einsatz im Katastrophengebiet

Die „Ahrvengers“ am 56. Tag der Hochwasserhilfe.
+
Die „Ahrvengers“ am 56. Tag der Hochwasserhilfe.

Die TV-Teams und Journalisten sind längst wieder verschwunden, doch die Schäden nach der Flut in der Eifel sind geblieben. Der Wiederaufbau läuft, zahlreiche Helfer machen mit. Unsere Autorin Antje Holsten-Körner hat sie begleitet.

Eifel/Reeßum – Innerhalb weniger Stunden wurde Mitte Juli für die Bewohner der Eifel die heile Welt zerstört, denn Wassermassen spülten einen Teil ihres bisherigen Lebens weg. Inzwischen sind die Hochwasseropfer nicht mehr im Fokus von Radio und TV. Wie wichtig aber noch immer die Hilfe vor Ort ist, stellte unsere Mitarbeiterin Antje Holsten-Körner fest, die sich zusammen mit Ehemann Marco Körner für einen dreitägigen Arbeitseinsatz den vollständig ehrenamtlich agierenden „Dachzeltnomaden“ anschloss.

Während sich THW und DRK schon lange aus dem Flutgebiet zurückgezogen haben, sind die „Dachzeltnomaden“ mit weiteren Ehrenamtlichen seit Anfang August ununterbrochen im Ahrtal unter anderem mit Stemmhämmern aktiv, um Putz, Fliesen und Estrich zu entfernen. Hintergrund: Oftmals verhindert diese Schicht, dass Wände und Fußboden abtrocknen können, so dass Schimmel bleibende Schäden am Gebäude anrichten kann. Die beiden Reeßumer reisten nicht nur mit ihrem persönlichen Gepäck an, denn sie durften benötigte Sachspenden mitbringen, die ihnen Jens Henke vom Sottrumer Autohaus, Obi Rotenburg, Dieter Szczesny von Aries und die Firma Mapa anvertraut hatten.

Man möchte mehr als nur spenden

„Guten Morgen, Sonnenschein“ von Nana Mouskouri tönt es aus dem Radiolautsprecher des weißen VW-Crafter. Johanna Luley (22), die neben Lucien Lemke (39) sitzt, der sich heute als Fahrer gemeldet hat, singt gut gelaunt mit. Textsicher stimmt nicht nur Conny Siewert (44) ein, sondern auch die anderen Mitfahrer des Achtsitzers singen oder summen mehr oder weniger laut mit. Der VW-Bus ist Teil des Konvois, der an diesem Morgen von Rupperath in die von der Flut schwer betroffene Gemeinde Antweiler fährt. Es ist der 56. Tag der Hochwasserhilfe der „Dachzeltnomaden“.

„Ich hatte das Bauchgefühl, mehr helfen zu wollen, als nur zu spenden“, erzählt Thilo Vogel. Mit Spenden meint der 42-Jährige rund 7 000 Euro, die zugunsten der Opfer bei einem Pop-up-Event der „Dachzeltnomaden“ zusammenkamen. Um den Betrag sinnvoll zu investieren, schaute er sich mit Dennis Brandt die Lage im Ahrtal an. Dabei entstand der Kontakt zu Emily van der Osten, die zu dem Zeitpunkt schon viele Helfer für die Eifel gewinnen konnte. „Da eine mehrwöchige Hilfe von unserer Seite mit einem vollständigen Verdienstausfall verbunden ist, musste die Entscheidung im Team fallen“, betont Vogel. Zum festen Team der „Dachzeltnomaden“ gehören neben Vogel und Brandt auch Basti Siebert, Rebecca Roß und Julia Nothelfer.

Inzwischen hat der VW-Crafter den 200 Seelen zählenden Ort Müsch erreicht. Doch statt die Fahrzeuge mit den heute 55 aktiven Helfern, die aus ganz Deutschland kommen, auf die drei Baustellen zu verteilen, tönt über das Funkgerät die Anweisung, vorher die Baustelle von Udo Adriany anzusteuern. Dort war schon am Vortag fleißig Putz von den Wänden geholt worden. Am Anfang der Straße die erste Überraschung, denn das Schild „Dachzeltnomaden – ihr seid unsere Ahrvengers. Müsch sagt Merci“ begrüßt die Helfer mit Anspielung auf die Regionalisierung der Superhelden-Reihe „Avengers“. „Bitte wartet hier. Noch nicht um die Ecke gucken“, sagt Bauleiter Basti Siewert einige Minuten später geheimnisvoll. Erst als alle eingetroffen sind, setzt sich die Gruppe in Bewegung. Nicht nur große Pfeile aus Süßigkeiten säumen ihren Weg, sondern überall – ob auf dem großen Schutthaufen, auf der Mauer oder in den Fenstern – warten Merci Schokolade, Ferrero Küsschen & Co. auf die Ehrenamtlichen. So manchem stehen vor Rührung die Tränen in den Augen.

„Ihr habt hier mega abgerockt.“

Udo Adriany, Ortsbürgermeister in Müsch

„Ihr habt hier mega abgerockt“, bedankt sich Udo Adriany, Ortsbürgermeister in Müsch, als sich die Helfer nach getaner Arbeit am Abend noch zum obligatorischen Gruppenfoto versammeln. „Unendlich dankbar“ für die Arbeit der „Dachzeltnomaden“ ist auch Edeltraud Klein, deren Haus in der Nachbarschaft von Adriany nur wenige Meter von der Ahr entfernt liegt. Da das Wasser am 14. Juli bei dem 1971 erbauten Wohnhaus bis zu den Fenstern stand, mussten anschließend Heizung, Öltanks, Herd und vieles mehr entsorgt werden. „Ich habe keine Elementarversicherung“, berichtet die alleinstehende 78-Jährige, die sich schon vergessen fühlte. Durch einen jungen Bewohner ihres Heimatortes, der von den „Dachzeltnomaden“ wusste, entstand der Kontakt zu Vogel. „Thilo mit seinem Team ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Die Hilfe ist unbezahlbar“, schwärmt die Seniorin.

Inzwischen trifft das Team, dass an diesem Tag für die Baustelle „Edeltraud“ vorgesehen ist, ein. Da an den vergangenen Tagen schon ein großer Teil der Stemmarbeiten erledigt wurde, sind heute nur elf Helfer vor Ort. Als erstes wird das benötigte Werkzeug aus dem Hänger ausgeladen, was bei größeren Einsätzen bereits das Werkzeugteam erledigt hat. Dazu gehören vier Stromaggregate, 16 Profi-Bosch-Bohrhämmer, zwei große Stemmhämmer für den Fußboden, Schiebkarren, Schaufeln, Besen und unzählige Eimer. Nicht fehlen dürfen Getränke. Die Bauleitung liegt heute in den Händen der 32-jährigen Lara Böwing, die als Krankenschwester auch die Rolle als Sanitäterin übernimmt.

Überhaupt wird bei den Dachzeltnomaden sehr viel Wert auf Arbeitssicherheit gelegt. So gibt es jeden Morgen, nachdem Thilo Vogel die Baustellen, deren Leiter und Fahrer vorgestellt hat, ein Unterweisung durch Dennis Brandt. „Ohne die persönliche Schutzausrüstung, zu der Atemschutzmaske, Gehörschutz, Schutzbrille, Sicherheitsschuhe und Handschuhe gehören, darf niemand die Baustelle betreten“, betont er. Alles Erforderliche erhalten die Teilnehmer direkt nach der Einweisung. Das Meiste stammt, wie auch Stemmhämmer, Aggregate & Co. aus Spenden, die zum Großteil von Menschen aus ganz Deutschland, die auf das Engagement der „Dachzeltnomaden“ aufmerksam geworden sind, über eine Amazon-Wunschliste.

Alles Gekennzeichnete muss weg

Nach dem Ausladen steht ein Rundgang an. „Alles, was mit Sprühfarbe gekennzeichnet ist, muss weg“, sagt Lara Böwing, seit dem dritten Tag im Ahrtal dabei. Sie erklärt: „Nach 1,5 Jahren Corona-Patienten im Krankenhaus habe ich meinen Job gekündigt und lebe derzeit von meinen Ersparnissen.“ Ohne dass sie eine Einteilung vornimmt, machen sich alle ans Werk. So holt sich Conny Siewert einen der blauen Bohrhämmer und widmet sich den Riemchen am Kelleraufgang. „Oh, die sind aber fest“, meint die Sekretärin und ergänzt: „Deutsche Wertarbeit.“ Dies kann Böwing bestätigen: „Das wurde gestern auch schon gesagt.“ Kurze Zeit später hat sie einen ganz anderen Einsatz, denn Edeltraud Klein überreicht Friederika Winkler einige der roten Geranien, die inzwischen wieder den Balkon im Eingang schmücken. Diese Situation hält die 32-Jährige mit dem Handy fest, um sie später bei Instagram und Facebook zu posten.

Social Media spielt bei den „Dachzeltnomaden“ eine große Rolle. So werden jeden Tag Clips und Live-Videos gedreht, die die Stimmung auf den Baustellen und im Camp wiedergeben. „Wir erreichen damit viele Menschen“, sagt Thilo Vogel, der sich freut, dass an einem Tag sogar schon 130 Helfer aktiv waren. Das sind von der zwölfjährigen Schülerin oder Studenten über die sieben Azubis der „Ernsting’s Family“-Zentrale, Juristen und Handwerker bis zum Privatier und Rentner. „Es fügt sich erstaunlich viel“, betont Vogel, der sich bei der Auswahl der Projekte auf sein Bauchgefühl verlässt. Besonders wichtig ist ihm dabei das gute Miteinander nach dem Motto „Das Wir zählt“, das sich die „Dachzeltnomaden“ auf die Fahne geschrieben haben.

Neue Helfer und Wiederholungstäter

Während Nadine Brenner (33), die sich bereits zum vierten Mal den „Dachzeltnomaden“ anschloss, gut gelaunt den Fußboden aus der Garage stemmt, fährt Botho von Saltzwedel vor, der den ganzen Tag mit dem Radlader zwischen der Deponie und den Baustellen pendelt, um den anfallenden Schutt zu entsorgen. „Ich möchte meine Mittagspause bei euch verbringen“, sagt der 58-Jährige, der sich für seinen Einsatz Urlaub genommen hat, beim Aussteigen. Pünktlich um 13.30 Uhr stellt Lara Böwing die Stromaggregate ab, alle dürfen sich an den am Morgen vom Küchenteam belegten Broten bedienen.

Die professionell ausgestattete Küche, die sich im Dorfgemeinschaftshaus Rupperath befindet, wo das Camp der „Dachzeltnomaden“ untergebracht ist, steht unter Regie von Lisa Kuhles (32). Die gelernte Köchin wurde sofort nach der Flutwelle aktiv. In der Anfangszeit diente das Dorfgemeinschaftshaus Betroffenen als Notunterkunft. Zusätzlich wurden die Orte Schuld und Insul mit Essen versorgt, denn viele Häuser waren und sind teilweise noch heute von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Auch funktionierende Heizungen sind zweieinhalb Monate nach der Katastrophe keine Selbstverständlichkeit. „Derzeit kochen wir täglich 120 Essen für Insul, am Wochenende sind es 180“, erklärt die gebürtige Rupperatherin.

Hilfe neben der eigenen Arbeit

Zusätzlich kümmert sie sich morgens, mittags und abends mit Unterstützung einiger „Dachzeltnomaden“ um die Versorgung der Community. Und das trotz eines externen 40-Stunden-Jobs. „Das ist möglich, da ich im Homeoffice arbeite“, meint Lisa Kuhles, die inzwischen Wochen die Doppelbelastung wegsteckt. Bisher gab es nur einmal Entlastung, denn für einen Abend kochte die bekannte Sterneköchin Lea Linster. „Ich bringe viele Komplimente aus Luxemburg mit und kann euch für das Engagement nicht genug danken“, so Linster, nachdem sich die Helfer am Abend die Bohnensuppe sowie selbstgemachte Butter auf frischem Brot hatten schmecken lassen.

Auf der Baustelle geht es weiter voran. Dem Putz im Heizungsraum widmen sich Carsten Wutke (31) aus Berlin und der 19-jährige Benedict Conradt aus Schwäbisch Hall. „Ich bin zum zweiten Mal in Rupperath“, sagt Conradt in einer kleinen Pause. Wie der Abiturient sind viele Helfer „begeisterte Wiederholungstäter“, denn von den Teilnehmern wird die Organisation, die All-in-Versorgung und die positive Stimmung geschätzt. „Ich plane schon meinen nächsten Einsatz“, sagt der Wirtschaftsinformatiker Andre Partecke aus Hannover.

Inzwischen wird auf den drei Baustellen der „Dachzeltnomaden“ für den 56. Tag der Stecker gezogen. Nachdem alles im Crafter verstaut ist, folgt noch das obligatorische Gruppenfoto. Kaum sitzen alle wieder im Bus, verbindet Johanna Luley ihr Handy mit dem Autoradio und stimmt „Feierabend“ von Großstadtgeflüster an.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

15 Ratsmitglieder in Weyhe verabschiedet

Relax Pur für 2 – jetzt zum Schnäppchenpreis von 29,99 Euro

Relax Pur für 2 – jetzt zum Schnäppchenpreis von 29,99 Euro

Kalte Füße im Bett? Diese Bettdecken sorgen für einen guten Schlaf

Kalte Füße im Bett? Diese Bettdecken sorgen für einen guten Schlaf

Meistgelesene Artikel

Landkreis Rotenburg: Traktor verteilt massenweise Hühnermist im Dorf

Landkreis Rotenburg: Traktor verteilt massenweise Hühnermist im Dorf

Landkreis Rotenburg: Traktor verteilt massenweise Hühnermist im Dorf
Razzia im Landkreis Rotenburg: Zoll und Polizei gehen gegen Clan-Kriminalität vor

Razzia im Landkreis Rotenburg: Zoll und Polizei gehen gegen Clan-Kriminalität vor

Razzia im Landkreis Rotenburg: Zoll und Polizei gehen gegen Clan-Kriminalität vor
Weber packt mit an

Weber packt mit an

Weber packt mit an
Landkreis Rotenburg: Frau kracht in Traktor und stirbt

Landkreis Rotenburg: Frau kracht in Traktor und stirbt

Landkreis Rotenburg: Frau kracht in Traktor und stirbt

Kommentare