Werner Röhrs interessiert sich für Reeßumer Geschichte / Grab eines britischen Soldaten hat es ihm besonders angetan

Fehlendes Puzzleteil gefunden

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Brigadier William Anthony Sheil starb am 29. April 1945.

Reessum - Von Antje Holsten-Körner. Bereits zum 70. Mal jährt sich heute der Tag, an dem Reeßum von einer britischen Infanterie-Brigade besetzt wurde. Durch die Wirren der letzten Kriegstage wurde damals nicht alles für die Nachwelt festgehalten. Daher ist es umso wichtiger, wenn engagierte Bürger recherchieren, um fehlende Puzzleteile zu ergänzen. Dazu gehört der Reeßumer Werner Röhrs, dem es eine aufwändig gestaltete Grabstätte, die nur wenige Tage nach dem Einzug der Briten in der Ortsmitte ausgehoben worden war, besonders angetan hatte.

„Das Grab ließ auf einen im höheren Rang stehenden Soldaten schließen“, weiß Werner Röhrs, damals elf Jahre alt. Umrandet war die Grabstelle mit weißem Sand, außen herum standen schwarze Eisenpfosten, die mit Ketten verbunden waren. „Es hieß damals, dass der Begrabene mit seinem Fahrzeug auf eine Mine gefahren sei und dabei getötet wurde“, erinnert sich der gebürtige Reeßumer. Für den 81-Jährigen ist es kein Neuland, Licht in die längst vergangenen Tagen zu bringen, denn er ist nicht nur leidenschaftlicher Ahnenforscher, sondern beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte des Ortes. So konnte durch seine Initiative die Existenz der Reeßumer Burg nachgewiesen werden.

2009 las er in dem Buch „Krieg in der Heimat“ von Ulrich Saft über den britischen Brigadier Maxwell Elrington, der am 23. April 1945 im Luhner Wald beim Überfahren einer Mine ums Leben kam. „Ich vermutete, dass es der in Reeßum begrabene Soldat sein könnte“, sagt Werner Röhrs. Seit dieser Zeit versuchte er, mehr über den britischen Toten zu erfahren. Er begann mit einer Anfrage bei der Commonwealth War Graves Commission (CGWC) in Belgien. Außer einer Eingangsbestätigung gab es keine Rückmeldung. Nach einer weiteren Anfrage, diesmal bei der CWGC in Berkshire (Großbritannien) erfuhr er, dass der britische Brigadier Elrington in Bartelsdorf begraben und im Juli 1946 umgebettet und zum großen britischen Soldatenfriedhof in Becklingen bei Soltau überführt wurde.

„Dieser Offizier konnte es demnach nicht gewesen sein“, musste Werner Röhrs feststellen. Trotzdem gab er nicht auf. Auf eine erneute Anfrage bei der CWGC in Berkshire vom Juni 2014 gab es gut drei Monate später die erhoffte Antwort mit dem Namen des britischen Brigadier Staff William Anthony Sheil. Dieser verunglückte am 29. April tödlich, als er mit seinem Jeep über eine Mine fuhr, die dabei explodierte. Anschließend wurde er in Reeßum beigesetzt.

„Nach einer langen Suche im Internet habe ich dann mehr über William Anthony Sheil gefunden“, erzählt Werner Röhrs. Dieser war ein hochdekorierter Brigadier Staff RA (im Generalsrang beim Stab, Royal Artillerie) und Kommandeur (Commander) des 128. Feld-Regiments. Er hatte in der Armee so viele Verdienste erworben, dass nach dem Einmarsch der britischen Truppen in Verden die dortige Brunnenweg-Kaserne in Sheil-Barracks umbenannt wurde, die sein 128. Regiment belegte.

Nach weiteren Recherchen stieß Röhrs auf das „The Scottish War Memorials Projekt“ in Glasgow. „Dadurch konnte ich mit Michael Pegum Kontakt aufnehmen, der zurzeit an der Biographie von William Anthony Sheil schreibt“, sagt Röhrs. Und weiter: „Ich bin froh, diesen Mann gefunden zu haben. Viele Einzelheiten aus dem Leben des Brigadiers konnte ich von ihm erfahren.“ William Anthony Sheil, sein Spitzname war Jerry, wurde am 23. Oktober 1899 in Dublin geboren, dann in einer Jesuiten- schule in England erzogen und besuchte die Königliche Militär Akademie in Woolwich in England. 1917 nahm er als Leutnant bei der Artillerie am Krieg in Frankreich teil. Nach dem Ersten Weltkrieg fungierte er bis 1935 als Reitlehrer bei der britischen Armee, anschließend bildete er Reitpferde aus und war ein erfolgreicher Jockey. 1939 kam der Rückruf zur Armee. Ein Jahr später erlebte Sheil die Evakuierung der alliierten Truppen aus Dünkirchen, nahm 1942 an der zweiten Schlacht in Al Alamein (Afrika) und 1943 an den Kämpfen in Sizilien teil. Zum Oberstleutnant befördert, befehligte er die 128. Brigade. Sie gehörte zur 51. Schottischen (Highland) Division und war ein Teil der Invasionstruppen im Juni 1944 in Frankreich. Mit ihr nahm Sheil am Feldzug durch Belgien und den Niederlanden bis nach Deutschland teil.

Am 29. April, einen Tag nach der Besetzung Reeßums durch britische Truppen, war Brigadier Sheil zu einer Besprechung im Ort. „Sie fand wahrscheinlich im Hause Schloo (Haus 32) statt, denn dort befand sich die britische Kommandantur“, vermutet Werner Röhrs. Auf der Rückfahrt, kurz vor dem Unglück, soll Sheil das Lenkrad des Jeeps von seinem Fahrer übernommen haben, weil dieser stark übermüdet war. Beim Überfahren einer Mine auf der Straße Bremen – Hamburg (B 75) kam William Anthony Sheil ums Leben, sein Beifahrer wurde nur leicht verletzt. Brigadier Sheil wurde dann in Reeßum begraben. Am 5. Juli 1946 wurde der Leichnam nach Becklingen überführt. Nach einer erneuten Umbettung erhielt er seine endgültige Ruhestätte (Grab 61, D2) auf dem Britischen Ehrenfriedhof im Reichswald in Nordrhein-Westfalen.

Der Ort der Minenexplosion lässt sich nicht sicher bestimmen, wahrscheinlich ist aber Sottrum. In der Ortschronik der Wiestegemeinde ist auf Seite 136 zu lesen: „Am anderen Tag, dem 28. April, fuhr ein Panzerspähwagen auf eine Mine. Ein Offizier fand den Tod.“ Auf der selben Seite heißt es, dass die Landstraße (heutige B 75) vermint war. Einen Hinweis über den genauen Ort des Geschehens gibt der immer noch an der Scheunenwand Bruns (Beeken-Müller) befestigte englische Stahlhelm. „Dieser wurde nach Aussage von Else Bruns, geborene Müller, von ihrem Vater nach der Minenexplosion dort befestigt und soll dem getöteten Offizier gehört haben und an dieses Geschehen erinnern“, berichtet Werner Röhrs. Eine Bestätigung ergab das Telefongespräch zwischen Röhrs und Rolf Allerheiligen aus Verden im Oktober vergangenen Jahres. Dieser besitzt ein Buch, in dem über die Kasernen in Verden und über den Tod des Brigadiers Sheil sowie dessen Todesursache berichtet wird.

Bevor die britischen Truppen am 28. April 1945 Reeßum besetzten, waren am Vortag schon Sottrum und davor Hassendorf besetzt worden. Dort soll es keine Kampfhandlungen mehr gegeben haben. Die nordwestlich von Reeßum liegenden Orte waren zu der Zeit noch nicht – oder gerade erst – besetzt worden. „Ich bin aber ziemlich sicher, dass es sich bei dem in Sottrum getöteten Offizier um den in Reeßum begrabenen Brigadier Sheil handelt“, so Werner Röhrs. Und weiter: „Wenn auch die Sottrumer Chronik von einem Panzerspähwagen berichtet, so kann es sich um einen Übermittlungs- oder Erkennungsfehler handeln. Es gibt bisher keine weiteren Hinweise über eine Minenexplosion bei der ein britischen Offizier auf der heutigen B 75 getötet wurde.“

Brigadier William Anthony Sheil starb am 29.April 1945 im Alter von 51 Jahren, sechs Tage vor Ende der Kampfhandlungen in Norddeutschland. So wie er, mussten noch viele Soldaten in erbarmungslosen Kämpfen bis zuletzt beiderseits der Fronten ihr Leben lassen.

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