Reportage aus dem Stau ohne Ende

Sperrung auf der A1: Wenn Mama nach dem Essen fragt

Sottrum - Von Ulf Buschmann. Wie komme ich da hin? Wie komme ich hier weg? Diese Fragen haben sich Tausende von Autofahrern Montag und Dienstag gestellt. Sie verbrachten mehrere Stunden im Stau auf der A1, nachdem dort zwischen Stuckenborstel und Bockel ein Lkw mit Gefahrgut in Brand geraten war. Unser Kollege Ulf Buschmann verbrachte auf dem Weg zur Redaktion sieben Stunden zwischen der Raststätte Grundbergsee und der Abfahrt Stuckenborstel.

Der Feierabend wird lang für die Berufspendler – und anders als sie ihn sich sicherlich vorgestellt haben. Wer an diesem Montagnachmittag auf dem Weg in Richtung Hamburg ist, verbringt die Zeit auf der A1. Ab Oyten geht gar nichts mehr. Oder nur ein bisschen. Und das ist bis Dienstag so geblieben. Der brennende Gefahrguttransporter zwischen Stuckenborstel und Bockel bringt das komplette Verkehrssystem ins Wanken, weil die Autobahn erst am Mittwoch im Laufe des Tages wieder freigegeben werden soll. Auto- und Lkw-Fahrer haben sich auf der A1 eingerichtet.

Nicht nur auf der Autobahn 1 haben sich lange Autoschlangen gebildet, auch auf den Straßen drumherum ging seit Montag phasenweise nicht mehr viel.

Zehn Kilometer Stillstand aus Richtung Hamburg und aus Richtung Bremen hat es lange nicht gegeben. Kein Wunder, dass der Unfall und die Folgen nicht nur Thema in den Rundfunk- und Fernsehnachrichten sind. Auch in den sozialen Netzwerken gibt es lokal und regional kaum ein anderes Thema. Wenn die Leute schon nicht auf der Autobahn unterwegs sind, dann wenigstens im Internet.

Mit dem Mobiltelefon am Ohr

Viele der Stauopfer rufen an diesem zum Glück lauen Frühjahrsabend zuerst Verwandte und Freunde an. Kurz nach dem Stillstand haben sie ihr Mobiltelefon am Ohr – so wie die drei jungen Frauen, die mit einem schicken schneeweißen Cabrio unterwegs sind. Der Gesichtsausdruck der Beifahrerin verrät: Das Gespräch ist ihr ein wenig peinlich. „Ja, Mama, uns geht es gut. Ja, wir haben genug zu trinken und zu essen“, beantwortet sie die besorgten Fragen der Mutter: „Nein Mama, ich weiß nicht, wie lange wir hier noch stehen.“ Die Umstehenden müssen grinsen. „Meine Mama hat früher genau die gleichen Fragen gestellt“, sagt einer der Handwerker, die gleich hinter den drei jungen Frauen mit ihrem Kleinbus stehen. Aus der für die junge Frau peinlichen Situation entwickelt sich ein Plausch an der Mittelleitplanke.

Sanierung der A1 nach Gefahrgut-Unfall

Gefahrgut-Unfall auf der Autobahn 1

Zwischendurch geht es immer wieder ein Stück vorwärts. Allerdings nur meterweise. Über die Logik des Fortkommens macht sich so manch einer im Stau seine Gedanken. „Warum kommen die auf der linken und mittleren Spur schneller voran?“, fragt sich ein etwas genervt wirkender Rotenburger. Er ist auf dem Weg nach Hause. „Ich kann wohl gleich wieder umdrehen“, glaubt er. Der Mann hinter ihm findet, dass er es nicht tun solle. „Ich würde mich ja wenigstens ein bisschen waschen“, scherzt er. Darüber muss der Rotenburger dann doch ein wenig schmunzeln. Dabei stellt sich gerade die Frage, wie was ist, wenn jemand zum Klo muss. Und was ist mit Essen und Trinken? Laut sozialer Netzwerke ist das DRK zur Versorgung der Stauer alarmiert worden. Aber davon ist weit und breit nichts zu sehen.

„Gibt es etwas Neues?“

Szenenwechsel: Ein Kleinwagen mit niederländischer Zulassung fädelt sich von der Raststätte Grundbergsee in den gerade so einigermaßen fließenden Verkehr ein. „Gibt es etwas Neues?“, ruft der Fahrer mit amerikanischem Akzent dem neben ihm rollenden Leidensgenossen zu. „Die Autobahn ist noch mehrere Stunden gesperrt“, lautet die Antwort. „Wo kommen Sie her?“, fragt der Nebenmann. „Aus Amsterdam, vom Flughafen. Wir sind aus Boston in den USA eingeflogen. Wir müssen weiter nach Esbjerg in Dänemark. Der Amerikaner übersetzt den Dialog noch kurz für seine Beifahrerin und braust dann über die linke Spur davon.

Es ist dunkel geworden. Die Autofahrer vertreiben sich die Zeit mit dem Surfen in den sozialen Netzwerken. Sie verrät unter anderem der Umstand, dass sich ihr Gesicht von Zeit zu Zeit in das typische Facebook-Blau verfärbt. Die Trucker schauen Fernsehen. Im Radio gibt es immer wieder Aufmunterung von Bremen 1-Moderator Andreas Schamayan. Trotzdem reicht es jetzt, weit nach Mitternacht. Der Krampf im Bein tut weh und der Wunsch nach dem Bett ist groß.

Lesen Sie auch: Während die Autofahrer am Dienstag endlich ihre Ziele erreicht haben, sind nun die Mitarbeiter einer Sanierungsfirma auf der A1 beschäftigt. Einsatz für „die Aufräumer“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

„Tag der offenen Tür“ bei Radio Bremen 

„Tag der offenen Tür“ bei Radio Bremen 

Zehntausende marschieren gegen Hass - Lob von Trump

Zehntausende marschieren gegen Hass - Lob von Trump

Zeig mir dein Auto und ich sag dir wer du bist

Zeig mir dein Auto und ich sag dir wer du bist

Wiederverwertung: Aus Plastikflaschen werden Stiefelspanner

Wiederverwertung: Aus Plastikflaschen werden Stiefelspanner

Meistgelesene Artikel

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

„La Strada“-Eröffnung: Regionale und internationale Künstler begeistern

„La Strada – Straßenzirkus“ startet Freitagabend

„La Strada – Straßenzirkus“ startet Freitagabend

Bundestagskandidaten sind sich in vielen Punkten erstaunlich einig

Bundestagskandidaten sind sich in vielen Punkten erstaunlich einig

1500 Schützen feiern in Westervesede

1500 Schützen feiern in Westervesede

Kommentare