Die Kinderstube im Gestüt Fährhof / Jährlinge werden auf Auktion vorbereitet

Wenn die drei G’s passen

Kinderstube: Die Sommermonate verbringen die Stuten mit ihren Fohlen auf der Weide.
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Kinderstube: Die Sommermonate verbringen die Stuten mit ihren Fohlen auf der Weide.

Sottrum – Das Leben der meisten Rennpferde lässt sich in verschiedene Stationen einteilen: Geburt, Aufzucht, Training, einige Jahre aktive Rennkarriere und dann der Einsatz in der Zucht. Allemal gilt das für die Stuten, die jetzt den Sommer mit ihren Fohlen auf den weitläufigen Weiden des Gestüts Fährhof in Sottrum verbringen.

Die Stationen spiegeln sich auch im Konzept des Fährhofs wider, einem der erfolgreichsten Vollblutgestüte in Deutschland. Jedes Jahr werden dort rund 40 Fohlen geboren – und oft genug ist dort ein erfolgreicher Galopper von morgen dabei. Doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Pferdesport und in der Zucht eben nicht immer alles nach Plan läuft. Das erzählt Daniel Krüger, Mitarbeiter für Öffentlichkeitsarbeit des Gestüts, immer wieder während eines Rundgangs über das Gelände. Er redet von den drei G’s, „Geld, Geduld und Glück“, die im Galopprennsport wichtig seien. Der Fährhof hatte schon so manches Mal alle drei Komponenten zusammen, was Besucher schon beim Betreten des Hofs verdeutlicht wird. Dort steht eine lebensgroße Statue des Hengstes Surumu, 1977 Sieger im Deutschen Derby und anschließend erfolgreicher Deckhengst auf dem Fährhof. An ihn, seinen Vater Literat, dem Sohn Acatenango sowie dem Enkel Lomitas wird außerdem mit einem Gedenkstein gedacht, außerdem auch dem Gestütsgründer Walther Jacobs. Mittlerweile ist das Gestüt schon viele Jahre im Besitz der Stiftung Fährhof, Stefan Ullrich ist der Gestütsleiter.

Das Gelände selbst ist sehr weitläufig und in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Vorne befinden sich die Hauptgebäude – Verwaltung, Hengst- und Abfohlstall sowie mehrere weitere Stallgebäude für die eigenen und Gaststuten. Dort ist jetzt im Sommer aber wenig los. Der Abfohlstall mit den großen Boxen ist leer und bereits gereinigt. Der aktuelle Deckhengst Helmet, gepachtet von Sheik Mohammed bin Rashid Al Maktoum, weilt draußen bei sonnigen Sommerwetter unter einem Baum in direkter Nachbarschaft zu einem Rentnerwallach. Etwas anderes muss er derzeit auch gar nicht machen. Die Decksaison ist bereits seit Anfang Juni beendet. Denn die Fohlen sollen nach elf Monaten Trächtigkeit möglichst in der ersten Frühjahreshälfte geboren werden. Würden sie später auf die Welt kommen, hätten sie vermutlich einen Entwicklungsnachteil gegenüber den anderen Vollblütern ihres Jahrgangs.

Eine Besonderheit der Vollblutzucht: Künstliche Besamung ist nicht erlaubt. Ein Grund dafür ist, erklärt Krüger, dass die Zucht so nicht zu einseitig wird. Bei Vollblütern werden keine anderen Pferderassen eingekreuzt, sodass der Genpol nicht erweitert wird. Würde man künstliche Besamung einsetzen, bestünde die Gefahr, dass bestimmte erfolgreiche Hengste besonders viel eingesetzt werden und sich der Genpol mit der Zeit verringert, so Krüger. Der Nachteil sei der Aufwand, der deshalb betrieben wird. Denn die Stute muss, gegebenenfalls mit ihrem Fohlen, zu dem Hengst reisen, um gedeckt zu werden. Das könne auch eine Fahrt ins Ausland, etwa Frankreich oder Großbritannien, bedeuten.

Ist der Nachwuchs auf der Welt, geht es nach kurzer Zeit, die sie mit ihren Müttern in der Abfohlbox untergebracht sind, in einen anderen Stall. Einige hundert Meter von den Hauptgebäuden befindet sich von Weiden umringt der Kindergarten, wie Krüger den Stallkomplex nennt. Ein Gebäude hat mehrere Boxen mit angeschlossenen Paddocks. Dort kommen die Mütter mit ihrem Nachwuchs rein, bis dieser etwa zwei Monate alt ist. Sofern die Witterung es zulässt, dürfen Stute und Fohlen dann ihre eigene, kleine „Terrasse“ nutzen. Sind sie älter, ziehen sie in das Nachbargebäude um, wo sich mehrere Außenboxen befinden. Tagsüber geht zunächst jede Stute mit ihrem Fohlen alleine auf eine kleinere Wiese, nach und nach werden sie dann zu Gruppen von sechs bis acht Stuten mit Fohlen zusammengeführt, beschreibt Krüger das Prozedere, das sich jedes Frühjahr auf dem Fährhof abspielt. Jetzt sind die Ställe aber verwaist. Nur eine Stute mit ihrem Nachwuchs grast auf einer Weide hinter dem Stall. Das Fohlen hat sich verletzt, daher sind beide nachts in einer Box, damit der Patient besser versorgt werden kann.

Die anderen Pferde stehen noch einige Meter weiter auf einer der großen Wiesen. Sie sind während der Sommermonate Tag und Nacht draußen, werden dort gefüttert und es wird mehrmals täglich nach ihnen geschaut. Eine Konstruktion, die an das Gerüst eines großen Trampolins erinnert, ermöglicht es den Mitarbeitern, die Fohlen ungestört zu füttern. Die Stuten können nicht an diesen Unterschlupf und ihrem Nachwuchs das Futter wegfressen.

Ist die Kinderstube vorbei, werden die Fohlen im Herbst von ihren Müttern getrennt, das sogenannte Absetzen steht an. Dann werden die jungen Pferde geschlechterspezifisch getrennt in vier bis fünf Gruppen eingeteilt. Die Fohlen aus dem vergangenen Jahr, jetzt die Jährlinge, haben bald ihren nächsten Schritt vor sich. Die großen Auktionen stehen an. Nur acht bis zehn Pferde pro Jahrgang behält das Sottrumer Gestüt, die restlichen rund 30 Tiere werden verkauft. Jetzt, zu Coronazeiten, seien die Züchter gespannt, wie sich der Markt entwickelt, erzählt Krüger. Im Mai sei die Auktion für zweijährige Vollblüter schon ausgefallen, jetzt steht in Baden-Baden die Jährlingsauktion an und kann auch stattfinden. Einige Pferde werden zudem in England verkauft. Wegen der Pandemie sind sie schon früher dorthin gebracht worden, als geplant und stehen nun in einem Partnergestüt. Zu welchem Preis ein Vollblüter am Ende den Besitzer wechselt, sei sehr unterschiedlich, auch unabhängig von Corona. Krüger nennt eine Preisspanne von 3 000 bis 500 000 Euro, in Ausnahmefällen sogar mehr.

Die im Besitz der Stiftung Fährhof verbleibenden Pferde werden im eigenen Trainingszentrum unweit der Hauptgebäude des Gestüts unter der Obhut von Racing- Manager Simon Stokes trainiert. Mithilfe der Methode des bekannten „Pferdeflüsterers“ Monty Roberts werden die zweijährigen Vollblüter auf ihre Karriere als Galopper vorbereitet, ehe sie in die Rennställe wechseln.

Im Galopprennsport ist es durchaus üblich, dass die Pferde auch schon zweijährig starten – etwas, was auch kritisch gesehen wird. „Vollblüter sind sehr frühreif“, sagt Krüger dazu. Deren Entwicklungsstand in dem Alter sei nicht vergleichbar mit dem anderer Pferderassen, sie seien jahrhundertelang darauf hingezüchtet worden. Allerdings starteten auch nur etwa 25 Prozent der zweijährigen Galopper tatsächlich schon mit zwei Jahren, und nur dann, wenn sie psychisch und physisch bereit dafür sind. Stokes hat ein Auge dafür. Er zeigt einen kleinen braunen Hengst, der zu jenen Zweijährigen gehört, die jetzt noch im Trainingsstall in Sottrum stehen. „Der ist vom Kopf her noch nicht so weit, der ist noch zu sehr Baby im Kopf“, sagt er und streichelt dem Braunen, der auf den Namen Liechtenstein hört, über den Kopf. Auf ihn setze das Gestüt aber noch große Hoffnung. Vielleicht wird er einer, bei dem alle drei G’s am Ende erfüllt sind.  faw

Ab auf die Weide: Mitarbeiter führen vier Jährlinge auf die Wiese. Gleichzeitig ein gutes Führtraining für die anstehende Auktion.
An einer Marke mit dem Namen der Mutter erkennen die Mitarbeiter die Jährlinge. Einen Namen sucht der künftige Besitzer aus.
Vier bedeutende Deckhengste der bisherigen Gestütsgeschichte haben einen Gedenkstein auf dem Gelände bekommen.
Stefan Ullrich
Gestütsleiter

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