Sommelier Carsten Kaßburg bietet Online-Weinproben an

Weinseligkeit im Netz

Eine Weinprobe lebt von Geselligkeit. Die bleibt im Internet ein wenig auf der Strecke. Dafür kommen die Teilnehmer gerne mal von weiter weg.
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Eine Weinprobe lebt von Geselligkeit. Die bleibt im Internet ein wenig auf der Strecke. Dafür kommen die Teilnehmer gerne mal von weiter weg.

Ahausen – Freitagabend, eine Stunde vor der Tagessschau. Carsten Kaßburg sitzt im Büro am Rechner und begrüßt seine Kunden. Langsam trudeln sie alle ein: eine befreundete Familie zunächst zu dritt, zwei junge Frauen Anfang 20, die im Rotenburger Wachtelhof eine Ausbildung im Gastro-Bereich machen. Die meisten kennt der zertifizierte Weinkulturexperte und Fachsommelier persönlich – bis auf ein Pärchen aus den Weiten des Internets, das auf Facebook auf die virtuelle Weinprobe an diesem Abend aufmerksam wurde.

Sie alle haben vor einigen Tagen die drei Weine, die heute online verköstigt werden sollen, ins Haus geliefert bekommen. Die meisten sogar von Kaßburg persönlich – zusammen mit einer Anleitung über Kühlung, Dekantieren der beiden Roten („Die müssen vorher atmen“) und einem Zugangscode für das Zoom-Meeting.

Ein älteres Ehepaar hört noch keinen Ton, man hört es laut vernehmlich ins Mikro flüstern: „Ich will aber nicht auf dem Bild sein!“ Der geteilte Bildschirm, ein Blick in die Wohnungen: hier Raufasercharme unter der Dachschräge am Küchentisch, dort familiäre Gemütlichkeit mit Brot und Häppchen vor der Eichen-Schrankwand. Hubert Botzet, Kellermeister vom Bioweingut hockt auf einem Flur. Er ist in der folgenden guten Stunde neben Gastgeber Kaßburg die Hauptperson – um die Weine aus dem Betrieb des Mosel-Winzers, um die Begeisterung des Produzenten von veganen Bio-Weinen, und viele Einblicke in den Weinanbau soll es in der folgenden Stunde gehen.

Eine Weinprobe online – das war für Kaßburg, anerkannter Berater für deutschen Wein und zertifizierter Trainer, vor dem ersten Lockdown undenkbar. Die Geselligkeit, die Atmosphäre – das alles lasse sich online kaum vermitteln. Dennoch: Momentan ist es die einzige Möglichkeit, die Leidenschaft des Weinkenners zu transportieren – denn ausschenken darf der Besitzer des Weinateliers 13 in Ahausen seine Produkte vorwiegend persönlich bekannter Winzer momentan nicht.

„Die zweitbeste Alternative“, nennt der 53-Jährige, dessen Schulungen momentan der Pandemie zum Opfer fallen, die Online-Degustation. Und eine Herausforderung, Emotionen und Geschichten virtuell herüberzubringen. Aber sie habe auch Vorteile: „Wo kommen sonst, wie letzte Woche, Menschen aus Berlin, Hannover und Süddeutschland zusammen?“ Und auch das Problem der Fahrtüchtigkeit erübrigt sich bei der Veranstaltung auf dem heimischen Sofa. Auf dem lümmeln sich die beiden jungen Frauen, als es an den ersten Wein, einen Weißen namens „Maximo“ geht, eine nach dem Neuzugang im Familienbetrieb in dritter Generation benannte Kreation.

Schwenken, Schnüffeln, Schmecken – mit eingeblendeten Folien vermittelt Kaßburg den Teilnehmern, worauf es bei so einer Weinprobe ankommt. Bukett, Körper, Nachhall – auf so manche Aromen wie Apfel, Birne, Zitrusnote wäre man nicht unbedingt gekommen. Die Vorbedingungen – drei Gläser, noch dazu eins für Wasser – die wenigsten werden es nutzen –, sind an allen Bildschirmen erfüllt, die Roten eine Stunde vorher dekantiert oder konkreter: aufgeschraubt. Korken, so erfahren die inzwischen zehn Teilnehmer im Verlauf der nächsten Stunde sind out – sie belasten die Umwelt viel mehr als Schraubverschlüsse. Botzet, der 37-jährige Winzer in dritter Generation ist überzeugt von bio und vegan. Rechnen tue sich das beim Verkauf nicht. „Das ist eine Sache der Einstellung“, weiß Kaßburg, der den Moseler wie alle Winzer, deren Weine er vertreibt, mehrfach besucht hat.

Was folgt, ist eine geballte Stunde Infotainment – Anbaumethoden, die Bedingungen für Winzer unter Corona oder die Klimakatastrophe – im lockeren Gespräch erfahren die Bachusjünger so einiges. Fragen sind ausdrücklich erwünscht, wer eine hat, schaltet sein Mikro an. Wie jetzt das Pärchen aus Mitteldeutschland: Ihre Fragen nach Spontanvergärung und wurzelechten Reben zaubert den anderen Teilnehmern ein Fragezeichen aufs Gesicht und legt nahe: Die zwei kennen sich aus.

„Normalerweise leben Weinproben von der Geselligkeit, dem Miteinander. Alle Viertelstunde ein neuer Wein, dann wollen die Leute wieder miteinander reden – über den Wein oder Privates“, weiß Zeremonienmeister Kaßburg. Das alles läuft im Internet anders. „Man muss die Probe anders strukturieren“, hat er festgestellt, seit er seine Degustationen seit April im Internet anbietet – Information statt Geselligkeit ist Trumpf.

Das ist nicht nur von Nachteil – Abstürze oder überraschende Kundenwünsche wie die Erbsensuppe nach dem zweiten Wein erlebt er nicht mehr. Obwohl alle Gäste an den Bildschirmen fleißig nachschenken, hält sich alles im Rahmen. Das liegt auch an der Menge der zu bewältigenden Proben: Drei in einer Stunde, das nimmt sich im Vergleich zu sonst sechs oder sieben eher moderat aus. Dies ist auch dem finanziellen Aspekt geschuldet: Wer hier teilnimmt, nimmt drei Flaschen ab – „36 Euro, das muss man sich auch erstmal leisten können“, weiß Kaßburg.

Im internationalen Vergleich, wo beide – Winzer und Verkäufer – gern unterwegs sind, ist das ein Schnäppchen. In anderen Ländern werden diese deutschen Weine für jeweils 30 bis 40 Euro gehandelt – hier kosten sie gerade mal 11,90 Euro. Doch das ist immer noch viel im Vergleich zum Durchschnitt von zwei bis drei Euro, die die meisten im Supermarkt hier ausgeben. Auch dagegen kämpfen Kaßburg und Botzet an. Verdienen tut Kaßburg an dem Abend nichts. Vielmehr geht es um Kundenbindung, im Idealfall um das Gewinnen neuer Kunden – und um viel Enthusiasmus für eine Sache, für die beide augenscheinlich brennen. Sich mit dem Winzer verbal die Bälle zuspielen zu können, ist für den Familienvater der Idealfall. „So verbinden sich mit dem Genuss auch Storytelling, Geschichten, die die Menschen erzählen, wenn sie später den Wein ihren Freunden kredenzen“, sagt der Ahauser.

Die Sinnhaftigkeit dieser Kooperation hätten auch viele Winzer begriffen. Sie lassen sich gern zu solchen zunächst Nullsummen-Veranstaltungen einladen, auch wenn sie, wie der Juniorchef des Weinguts, gerade von Kundenauslieferungen aus Dänemark kommen und auf dem Weg nach Hause bei einem Freund für den Videochat Zwischenstation machen. „Die Privatkunden sind momentan unsere Rettung“, erzählt der „junge Wilde“. Und nicht erst, seit die Gastronomie zum Erliegen gekommen ist.

Bei allen Nöten und wirtschaftlichen Engpässen – die Erntehelfer, die nicht einreisen dürfen, die langen Tage, die Verlagerung der Marketingmaßnahmen ins Internet auf Facebook und Instagram: Wer in dieser Stunde einen Werbeblock erwartet hat, wird positiv überrascht. Nicht ein einziges Wort fällt über Preise, Sonderangebote oder Bestellmodalitäten: „Zu einer Verkaufsshow mit Drückermethoden hätte ich keine Lust“, so Kaßburg. Wenn seine Leidenschaft für den Rebensaft überstrahlt und ihm Neukunden einbringt, wäre ihm das recht.

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