10.000 Tote an der Nordseeküste

Weihnachtsflut 1717: „Die Menschen konnten nur noch auf die Dächer fliehen“

Dieser Kupferstich eines unbekannten Künstlers erinnert an die Weihnachtsflut 1717 und die Sturmflut im Februar 1718.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Das Wasser kam gegen 3 Uhr in der Frühe. Nur wenige Stunden zuvor haben die Bewohner der deutschen Nordseeküstenregion noch Heiligabend gefeiert, als noch vor Morgengrauen am 25. Dezember 1717 eine verheerende Sturmflut über sie hereinbrach, durch die schätzungsweise mehr als 10.000 Menschen umgekommen sind. 

Diese als Weihnachtsflut bekannt gewordene Katastrophe vor 300 Jahren sollte noch lange die Region prägen, zumal nur wenige Monate später eine weitere Flut an der Küste wütete, wie der Sottrumer Professor der Geographie, Jörg Friedhelm Venzke, schildert.

Auch wenn die Aufzeichnungen über das Wetter vor drei Jahrhunderten nach heutigen Maßstäben kaum belastbar sind, muss es in etwa so gewesen sein: Es ist kalt, vielleicht schneit oder hagelt es. Ein Tiefdruckgebiet wandert über die Nordsee. Seit Tagen hat der Wind aus Südwest geweht, und nun in der Heiligen Nacht dreht er auf Nordwesten und bringt polare Kaltluft ins Landesinnere. „Eine relativ typische Wetterlage“, erklärt Venzke, „wie sie im Winter häufig vorkommt.“

Am Morgen brachen die Deiche

Doch während die Menschen nach Heiligabend schon mit Sorge ins Bett gingen, nahm die Katastrophe im Dunkeln bereits ihren Lauf. Durch den Wind lief das Niedrigwasser in den Flüssen schon nicht mehr ab. Als am Morgen die Flut dazu kam, brachen die Deiche. „Einige werden sich noch an die Flutkatastrophe 1962 in Hamburg erinnern, da war es ähnlich“, sagt Venzke. Mehrere hundert Menschen fanden damals den Tod. 1717 drang die Nordsee bis zu 15 Kilometer in das Festland ein – alles, was in etwa auf Höhe des Meeresspiegels lag, stand unter Wasser. „Die Menschen konnten nur noch auf die Dächer fliehen. Die unteren Stockwerke sind sehr schnell mit Wasser vollgelaufen“, sagt Venzke.

„Diese Sturmflut ist besonders gravierend gewesen“, fährt er fort. An der ganzen Nordseeküste von den Niederlanden bis nach Dänemark hat sie gewütet. Wohl mehr als 10.000 Menschen sind ihr zum Opfer gefallen. In Niedersachsen waren besonders die Gebiete Butjadingen, die Mündungen der Flüsse Elbe und Weser sowie die Region Hadeln bei Cuxhaven betroffen.

Das Erdreich als Zeuge der Katastrophe

Der Professor hat mehr als 20 Jahre an der Universität Bremen geforscht und gelehrt, ist zudem Vorsitzender der Geographischen Gesellschaft zu Hannover. Mittlerweile im Ruhestand, befasst der Sottrumer sich für das „Neue Archiv für Niedersachsen“, eine Publikation der Wissenschaftlichen Gesellschaft Niedersachsen (WIG), mit der Geschichte der Flutkatastrophen in Norddeutschland.

Das ist nicht immer einfach. Zwar gibt es noch Aufzeichnungen von damals und auch Karten, auf denen die zahlreichen Deichbrüche eingezeichnet sind, doch sind diese mit heutigen Standards kaum vergleichbar. „Man muss kritisch bleiben“, sagt Venzke. Doch auch jetzt kann man noch nachvollziehen, wo die Sturmflut wütete. Zum Beispiel durch Bohrungen und Sedimentanalysen. Die Anzeichen hierbei sind beispielsweise Muscheln im Boden oder feine Sandschichten, die davon zeugen, dass an diesen Stellen einmal Wasser sehr schnell floss.

Felder über Jahre unfruchtbar

Nachdem das Wasser lange Zeit nach der Sturmflut wieder abgezogen war, offenbarten sich die langfristigen, vor allem wirtschaftlichen Schäden, die die gesamte Region beeinflussten. Nicht nur, dass Straßen, Höfe und Häuser zerstört waren: Arbeitskräfte sind ertrunken, Nutzvieh verendet, die Felder waren tagelang dem salzigen Meerwasser ausgesetzt und infolgedessen noch Jahre praktisch unfruchtbar. Die Menschen der Region lebten damals mehrheitlich von der Landwirtschaft, wer überlebte, dem hatte die Sturmflut die Existenz genommen. „Mittelfristig bedeutete das an der Küste Versorgungsprobleme, da zum Beispiel kaum Saatgut für das kommende Jahr vorhanden war“, so Venzke.

Die nächste Katastrophe ließ nicht lange auf sich warten: Schon Ende Februar 1718 brach eine weitere Sturmflut herein. Die Deiche waren nach der Weihnachtsflut immer noch nicht repariert. Venzke: „Dann ging alles noch einmal los. Es gab keinen echten Schutz mehr.“

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