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Gegen das Vergessen: Vortrag über jüdische Vergangenheit Sottrums

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Von: Tom Gath

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Auf dem jüdischen Friedhof in Rotenburg ruht Albert Moses’ Vater Julius. Orte, die an jüdisches Leben erinnern, gibt es in Sottrum noch nicht.
Der jüdische Friedhof in Rotenburg ist ein Zeugnis jüdischer Regionalgeschichte. Orte, die an jüdisches Leben erinnern, gibt es in Sottrum noch nicht. © Krüger

Wie überall in der Region haben vor dem nationalsozialistischen Völkermord auch in Sottrum Juden gelebt. Diese jüdische Vergangenheit ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Um das zu ändern, hält Claudia Koppert am 22. September im Heimathaus einen Vortrag über die jüdische Familie Moses.

Stapel – In Itzehoe sitzt aktuell eine ehemalige Sekretärin des Konzentrationslagers Stutthof auf der Anklagebank. Polen forderte jüngst Reparationszahlungen von der Bundesregierung für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg. Diese Beispiele zeigen, dass auch 77 Jahre nach Kriegsende die rechtliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Terrorherrschaft noch nicht abgeschlossen ist. Fernab von diesen juristischen Fragen wirkt die deutsche Vergangenheit aber auch in familiären und kollektiven Identitäten bis heute nach, wie die freie Autorin Claudia Koppert aus Stapel weiß. Manchmal äußere sich diese Wirkung als Verdrängung, mittlerweile aber auch vermehrt als Interesse.

Um dieses Interesse weiter zu entfachen und um an die Opfer der faschistischen Verfolgung in Sottrum zu erinnern, zeichnet Koppert am Donnerstag, 22. September, um 19 Uhr im Heimathaus das Schicksal der jüdischen Einwohner Rudolf und Albert Moses sowie ihres nichtjüdischen Freundes Diedrich Hollmann in einem Vortrag nach. Die Sottrumer St.-Georg-Stiftung organisiert den Vortrag, „damit diese dunkle Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät“, erklärt Stiftungsvorstand Heiner Schröder.

Albert und Rudolf Moses - vertrieben und ermordet

Die Vorfahren von Rudolf Moses und seinem Cousin Albert haben sich bereits 1814 in Sottrum angesiedelt. Schon damals schlossen antisemitische Gesetze Juden von vielen Berufen aus. Eine der wenigen erlaubten Tätigkeiten war das Schlachterhandwerk. Rudolf und Albert Moses führten diese Tradition fort und betrieben beide seit den 1920er Jahren einen eigenen Schlachtereibetrieb. Nachdem beide im Ersten Weltkrieg zusammen mit allen anderen Sottrumer Männern gekämpft hatten, liefen ihre Geschäfte zunächst gut. Albert war im Männergesangsverein „Einigkeit“ aktiv. Wie viele deutsche Juden hatten sie zu der Zeit noch die Hoffnung, als gleichberechtigte Mitglieder des Bürgertums akzeptiert zu werden.

Doch in den 1920er Jahren versuchten die nationalkonservativen Eliten, die deutsche Kriegsniederlage unter anderem mit der sogenannten Dolchstoßlegende zu erklären. Vermeintlich illoyale Juden wurden als Sündenböcke gebrandmarkt und für den verlorenen Krieg verantwortlich gemacht. Nationale Kräfte identifizierten sie als Hindernis auf dem Weg zur Wiederauferstehung der deutschen Nation. Damals wie heute diente das Judentum als Projektionsfläche für verschwörungsideologische Legenden.

Alberts Vater Julius Moses ruht auf dem jüdischen Friedhof in Rotenburg.
Alberts Vater Julius Moses ruht auf dem jüdischen Friedhof in Rotenburg. Albert Moses starb nach seiner Flucht in die USA 1956 in New York. © Krüger

Dieser latente Antisemitismus schlug schließlich mit dem Aufstieg Hitlers in offene Verfolgung um, an der sich auch Sottrumer beteiligt haben. Seit 1930 gab es eine Sottrumer NSDAP-Ortsgruppe mit eigener paramilitärischer Einheit, ab 1932 war die NSDAP die meist gewählte Partei in Sottrum. Schon ab 1933 wurde die Kundschaft von Rudolf und Albert Moses’ Fleischereien von SA-Angehörigen massiv eingeschüchtert und zu einem Boykott der Geschäfte aufgefordert. Als er auch kein Schlachtvieh mehr kaufen durfte, musste Albert Moses seinen Betrieb 1937 abgeben. In der Pogromnacht im November 1938 wurden beide Cousins verhaftet. Trotz vieler bürokratischer Hürden ist es Albert drei Monate später gelungen, ein Visum für die USA zu beschaffen. Er kehrte Sottrum für immer den Rücken und sicherte so sein Überleben. Rudolf Moses wurde 1941 gemeinsam mit 129 weiteren Juden aus dem Regierungsbezirk Stade nach Minsk im heutigen Belarus deportiert und dort vermutlich ermordet.

Regionalgeschichte als Debattenanstoß

Claudia Koppert hat sich intensiv mit der Geschichte der Sottrumer Familie Moses auseinandergesetzt und die Recherchen 2021 in einem Aufsatz des Sammelbandes „Weitererzählen“ vom Rotenburger Museum „Cohn-Scheune“ veröffentlicht. Eine wichtige Quelle war hierfür die 2015 erschienene Sottrumer Chronik des Heimatvereins. Koppert hat mit zahlreichen Heimatforschern kooperiert und viele Stunden in Archiven in Hannover, Stade und Bremervörde verbracht.

Aus der Geschichte lernen heißt auch, offensiv zu widersprechen, wenn zum Beispiel queere Menschen angegriffen werden, wie kürzlich in Bremen.

Heiner Schröder, Vorstand der St.-Georg-Stiftung

Mit ihrer historischen Forschung möchte Koppert zunächst einmal festhalten, was sich genau in Sottrum abgespielt hat. Dadurch sollen die oft abstrakten Theorien über Faschismus oder Antisemitismus konkret greifbar werden. „Biografien aus der Region kann man gut erzählen, um genauer nachzufragen: ‚Wer kam da eigentlich unter die Räder?‘ Ich möchte einen Raum eröffnen, damit die Leute selber in Gang kommen und über die Geschichte nachdenken“, erläutert Koppert ihre Motivation. Die Frage nach der Schuld wird in ihrem Vortrag ganz bewusst zurückgestellt. Koppert spricht von einem komplexen Schuldzusammenhang, der nicht leicht zu durchdringen sei. Schuld habe immer juristische, politische und moralische Dimensionen, die getrennt voneinander betrachtet werden müssten. Wichtig sei zunächst, dass eine echte Diskussion einsetzt, die auch eigene Verflechtungen reflektiert. „Ich halte Selbstkritik für eine Stärke, man muss nicht immer alles wegschieben“, betont Koppert.

Zukunftsgerichtete Erinnerungskultur

Koppert geht es ebenso wie Heiner Schröder von der St.-Georg-Stiftung nicht nur um eine Bewältigung der deutschen Vergangenheit, sondern auch um eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur. „Wir müssen früh aufpassen, wenn Menschen zu Randgruppen werden. Aus der Geschichte lernen heißt auch, offensiv zu widersprechen, wenn zum Beispiel queere Menschen angegriffen werden, wie kürzlich in Bremen“, sagt Schröder. Auch Koppert – die sich lange nicht vorstellen konnte, dass sich die Verbrechen des Nationalsozialismus nochmal wiederholen könnten – beobachtet, dass der Hass gegen marginalisierte Gruppen stärker wird und Verschwörungsideologien immer mehr Anhänger finden: „Es gab zwar schon immer Rechtsradikale, aber dass zum Beispiel die Lügen eines Donald Trump so breit akzeptiert werden und Stimmungen so stark kippen können, hätte ich nicht gedacht.“

Da die gegenwärtigen Krisen genau wie in den 1920er Jahren einen idealen Nährboden für Antisemitismus und Nationalismus bilden, wollen Koppert und Schröder an dem Thema dran bleiben. Es hat sich mittlerweile eine Arbeitsgruppe aus lokalen Akteuren gebildet, die dauerhaft an die jüdische Geschichte Sottrums erinnern möchte. Eine Projektgruppe des Gymnasiums soll ebenfalls an den Aktivitäten beteiligt werden, damit auch junge Menschen ihre Verantwortung für eine Zukunft ohne Hass erkennen. Claudia Koppert trägt zukünftig gerne dazu bei, bestimmte Aspekte inhaltlich zu vertiefen.

Christliche Werte gegen Hass

Heiner Schröder, als Vorstandsmitglied einer christlichen Stiftung, treibt vor allem die integrative Kraft der Kirche an. Für ihn könne die Basisarbeit der Kirche viel dazu beitragen, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Sie übernehme viele Aufgabenfelder und erfülle so eine „wichtige soziale Funktion“ im Gemeindeleben. Diese Kraft für ein gutes Leben für alle – unabhängig von Religion, Nationalität oder sexueller Orientierung – einzusetzen, begreift Schröder als seine Aufgabe. Ein modernes Verständnis von Kirche, das auch in Sottrum anscheinend nicht immer selbstverständlich war. Denn dass die Kirche in Sottrum sich während des Nationalsozialismus für Juden eingesetzt hätte, sei Schröder nicht bekannt, „obwohl die Kirche ja eigentlich eine moralische Instanz sein sollte“.

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