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„Zukunft Heimat“: Vom Sterben und Überleben der Dorfgastronomie

Zwei einfache Zapfhähne.
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Zapfhähne waren früher geforderter als heute, bleiben öfter trocken. Droht bald das Ende der Gastronomie auf dem Land?

Früher gab es 18 Kneipen in Sottrum, erzählt Wilhelm Röhrs, alteingesessener Gastronom. Und jetzt? In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Gastwirtschaften auf dem Dorf drastisch zurückgegangen. Sterben Dorfkneipen aus? Ja und nein.

Sottrum/Stemmen – Saufend und rauchend am Tresen – das ist für manche noch eine ferne Erinnerung. Fern im Sinne von Zeit, in einer Zeit, in der es noch keine Rauchverbote gab und die Zigarette zum Bier einfach dazugehörte. Aber auch fern im Sinne von Standort. Der Tresen als Versammlungsort, als Magnet ist auf dem Dorf praktisch ausgestorben. In den Städten dagegen ist er in manchen Stadtteilen immer noch präsent, nimmt nach wie vor eine soziale Funktion ein, wie man es auch aus der Dorfkneipe von damals kennt. Doch die Dorfkneipe scheint tot.

Das hier ist kein Nachruf. Denn Dorfgastronomie gibt es immer noch. Doch sind es keine Kneipen mehr, in denen bis tief in die Nacht gefeiert und angestoßen wird, sondern in der Regel Restaurants. Das ist okay. Doch sind es immer mit der Zeit trotzdem immer weniger Gastronomen geworden.

„Früher hatten wir 2 000 Einwohner und 18 Kneipen“, erinnert sich Wilhelm Röhrs, Senior vom gleichnamigen Gasthaus in Sottrum. Fährt man heute durch den rund 6 000 Einwohner großen Wieste-Ort, ist von diesen Zeiten nichts mehr zu sehen. Nach und nach haben die Kneipen dichtgemacht, die Immobilien haben nun andere Zwecke, sind vielleicht Büroräume geworden. Röhrs’ Sohn Hans-Wilhelm sitzt neben ihm, erzählt wie er in seiner Jugend nach einem Fußball-Pokalgewinn durch das Sottrumer Nachtleben gezogen ist. Sottrumer Nachtleben? Das gibt es nicht mehr. Aber wie konnte es dazu kommen? Und stirbt die Gastronomie auf dem Dorf weiter aus?

Nur noch wenige Gastronomen gibt es in Sottrum

Woher kommt das siechende Spelunkentum? Hat man früher einfach mehr getrunken, mehr gesoffen? „Gaststätten wurden früher viel intensiver frequentiert“, bestätigt Hans-Wilhelm Röhrs, heute Chef des Familienbetriebs und nebenbei Vorsitzender des Rotenburger Dehoga-Kreisverbandes. Vater und Sohn schauen auf die Kneipen-Historie ihrer Heimatgemeinde. Früher gab es alleine in Stuckenborstel drei Dorfgasthöfe, einer davon ist übrig geblieben – ein griechisches Restaurant.

Der Fährhof hat mittlerweile endgültig dichtgemacht, am Bahnhof gab es ganze vier Kneipen. Deren Anzahl im Kernort variiert im Laufe des Gesprächs, aber viele werden sie noch kennen: das Casablanca, das Sottrumer Eck und Co. Und heute? Heute gibt es neben dem Gasthof Röhrs nur noch zwei weitere Betriebe, die man als Kneipe bezeichnen könnte – oder zumindest als Bar.

Die Kneipe heute spielt eine ganz andere Rolle als früher, erläutert Hans-Wilhelm Röhrs. Es geht in den Erzählungen nun einige Jahre zurück, als noch Milchkutscher vorbeikamen und es auch noch Lohntüten gab. Die wurden auf dem Heimweg von der Arbeit direkt erleichtert. Röhrs kennt die Geschichten von früher. Die Frauen seien dann ihren Männern schon entgegengekommen, und wenn sie Pech hatten, haben sie die erst bei Röhrs aufgelesen. Mehr als drei Kilometer liegt das Gasthaus vom Sottrumer Bahnhof entfernt. Und je dichter die Frauen bei diesen Anlässen dem Bahnhof kamen, desto voller war die Lohntüte noch.

Vater Wilhelm Röhrs ergänzt einen anderen Frequenzbringer, wie man es heute nennen würde: „Früher sind die Leute auch nach der Kirche noch in die Kneipe.“ Sie hat früher also eine ganz andere Rolle gespielt, war fester im Alltag verankert.

Früher wurde auch einfach mehr getrunken

Eine knappe halbe Autostunde von Sottrum aus die Bundesstraße 75 Richtung Hamburg hinunter sitzt Alexander Trau im Restaurant des Landguts Stemmen – ebenfalls ein Familienbetrieb. Erst vor wenigen Jahren hat er den Betrieb übernommen, in dem er aufgewachsen ist. Früher, also noch vor seiner Zeit, gab es in der kleinen Gemeinde Stemmen ebenfalls drei Kneipen, übrig geblieben ist nur noch das Landgut mit Saal, Restaurant, Hotel und Seminarräumen. Die Frage, ob früher mehr getrunken wurde, bejaht er vehement. Als er klein war, habe es jeden Sonntag Frühshoppen gegeben. Er könne das heute gar nicht mehr nachvollziehen, wie viel getrunken wurde. Er verweist auf die damals üblichen Kotzbecken in den Toiletten, heute schon ein Relikt vergangener Zeiten. Trau lacht. „Man hat sich übergeben und weitergetrunken.“

Die Kneipe habe damals sehr viel Umsatz gemacht, so der Stemmer. Es habe eine andere Einstellung zu Alkohol und dem Kater danach bei der Arbeit gegeben. Des Öfteren habe er als Kind noch schlafende Besucher in den Büschen entdeckt – mittlerweile nicht mehr. Die alte Kneipe gibt aber sogar immer noch, firmiert als „Bierstube“ mitten im Gebäudekomplex des Landgutes.

Doch gehört sie mittlerweile in die Nostalgie-Schublade, es ist mehr das Bewahren vergangener Zeiten. Aus gastronomischer Sicht, „ist das nichts mehr“, so Trau. Warum? „Es kann sein, dass der Betrieb den Stemmern mittlerweile zu hotelmäßig ist, dass sie sich deswegen nicht mehr so wohl fühlen.“ Identifikation spielt bei der Wahl der Kneipe eben auch eine Rolle.

Auf den ganzen Außendörfern, da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Schlüssel umgedreht wird.

Hans-Wilhelm Röhrs

Das Kneipensterben nur am Konsumrückgang zu belegen, ist zu einfach. Es gibt viele Faktoren: Menschen sind individueller geworden mit der Zeit, verbringen ihre Abende mittlerweile lieber zuhause. Hans-Wilhelm Röhrs erinnert sich: Früher habe es auf dem Saal mehr offene Veranstaltungen wie Bälle gegeben. Im Kneipenraum gab es zudem eine Musicbox. „Fünf Mark, zehn Lieder, dann wurde getanzt. Das gibt es heute auch nicht mehr.“ Jeder mache heute sein Ding, bestätigt Trau. „Damals war man einheitlicher – im Schützenverein oder Sportverein. „Und man ging halt auch in die Kneipe, wo man alle anderen getroffen hat.“

Das unterscheidet Dorfgastronomie aber auch von den Etablissements in der Stadt. Dort ist weniger Raum für Individualität, die Leute zieht es vor die Tür, sitzen selbst draußen, wenn es kälter wird. Im September noch zu Röhrs’ Biergarten in Sottrum? „Da kommt keiner“, sagt der Wirt selbst. Auf dem Dorf reicht der eigene Garten. Auch deshalb sieht Trau keine große Zukunft mehr für Gastronomie auf dem Lande. „Die klassische Kneipe auf dem Dorf geht nicht mehr. In Rotenburg vielleicht noch, aber in einem Ort wie Stemmen nicht.“ Sottrum sei groß genug, da werde es immer eine Kneipe geben, sagt Wilhelm Röhrs. „Aber auf den ganzen Außendörfern, da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Schlüssel umgedreht wird“, so sein Sohn.

Auf dem Dorf gelten andere Regeln als auf dem Land

Gut, aber was haben Familie Trau und Röhrs dann besser gemacht – oder zumindest existenzbewahrender gemacht – als alle anderen? „Wir leben viel vom Hotel, nur die Gastronomie wäre schwierig“, sagt Hans-Wilhelm Röhrs. Auch beim Landgut Stemmen ist das Hotel profitabel wie auch Veranstaltungen. Während man in der Stadt mehr am Puls der Zeit sei, müsse man auf dem Dorf kontinuierlich gute Qualität abliefern. Doch muss man auch den gastronomischen Geschäftssinn haben. „Dass der Betrieb überlebt hat, lag an meinen Eltern. Die sind ein super Team“, sagt Alexander Trau. Man habe früh angefangen, Pommes, Schnitzel oder Steaks – heute alles normal, damals glich das aber fast einer Gastro-Revolution – anzubieten. Eben etwas ganz anderes als Bockwurst oder Frikadellen. Traus Eltern hätten sich Sachen überlegt und geschickt Werbung gemacht. „Die meisten Gastronomen sind halt nicht so“, sagt Trau.

Wer nichts wird, wird Wirt? Gastronomie ist kein einfaches Brot. Beide Betriebe in Sottrum und Stemmen eint, dass die Nachfolge in qualifizierte Hände gelegt wurde. Beide Nachfolger haben ihren Job von der Pike auf gelernt und kennen schon von Kindesbeinen an das Leben mit Kneipe, Restaurant und Hotel. „Einerseits ist es schön, dass man sich in der Gastronomie schnell selbstständig machen kann, aber du hast immer schwarze Schafe dabei. Wenn sie es dann drauf haben, ist alles gut. Aber du hast auch welche, die haben es nicht drauf“, sagt Hans-Wilhelm Röhrs. „Da wir vielseitig sind und immer mit was anderem zu tun haben, macht der Job auch Spaß.“

Wenn man etwas nur aus Pflichtbewusstsein macht, ist es immer ein bisschen halbherzig. Und das merkt man in der Gastronomie sofort.

Alexander Trau

„Wenn man etwas nur aus Pflichtbewusstsein macht, ist es immer ein bisschen halbherzig. Und das merkt man in der Gastronomie sofort“, sagt Alexander Trau. Es liege also nicht nur daran, dass manche Betriebe vielleicht keinen Nachfolger finden. „Es kann auch sein, dass Leute es einfach nicht gut machen.“ Was macht einen guten Wirt aus? Man müsse eine Person sein, die Lust hat und es drauf hat, so Trau. Ein vernünftiger Koch reiche da nicht, man müsse auch ein bisschen Marketing können, Mitarbeiter zusammenhalten, Führungskraft sein.

Und das natürlich zu Zeiten, in denen andere Freizeit haben. Das würde viele abschrecken, selbst wenn es darum geht, Servicekräfte zu finden. Man muss abends arbeiten, an Wochenenden und an Feiertagen. Die Allermeisten bevorzugen da das Büro. Dass jemand wie Wilhelm Röhrs schon mit 15 Jahren wusste, Gastronom werden zu wollen, gibt es heute wohl kaum noch. Und wenn doch, würde das wohl für Stirnrunzeln sorgen.

Es gibt leichtere Wege, Geld zu verdienen

Auch Alexander Trau glaubt, dass junge Menschen nicht mehr so Lust haben auf die Arbeit. Es gebe halt leichtere Wege, Geld zu verdienen. Das sei mehr eine Einstellungs- als eine Umsatzfrage. „Man kann in der Gastronomie mit einer schönen Arbeit sehr gut Geld verdienen. Aber du musst das halt am Wochenende machen.“

Glaubt man den Beteiligten, wird man sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten wohl auf mehr stillgelegte Kneipen und Restaurants auf dem Land einstellen müssen. Doch es gibt Überlebenschancen, wenn die richtigen Leute mit den richtigen Ideen dahinterstecken. Und so gilt für Dorfkneipen heute noch das, was schon der Großvater von Hans-Wilhelm Röhrs zu sagen pflegte: „Wenn du vom Dorf unabhängig bist, geht es dir gut.“

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