Volontärin Jessica Tisemann begibt sich mit Jäger Daniel Tramm auf den Hochsitz

Das lange Warten auf den Schuss

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Für Jessica Tisemann und Jäger Daniel Tramm geht es gemeinsam auf die Jagd.

Eversen - Von Jessica Tisemann. Schon nach kurzer Zeit hüpft direkt vor uns ein Hase über das Feld. Gleich darauf noch ein zweiter. Doch das sind nicht die Tiere, nach denen Daniel Tramm und ich an diesem Abend im Wald bei Eversen Ausschau halten. Wir wollen etwas viel Größeres.

Einen Rehbock zum Beispiel. Daniel Tramm ist Jäger und der Mann, der mein gequältes Gesicht ertragen muss, wenn wir tatsächlich ein Tier erlegen und ausnehmen sollten. Doch bis es soweit ist, ist Warten angesagt – langes Warten.

„Die Jagd ist nicht planbar. Das ist das Schöne daran“, erklärt mir der 32-Jährige. Doch ein bisschen Planung wäre mir schon lieb. Seit dem Treffen um 18 Uhr ist die Zeit immer weiter vorgerückt, und außer den zwei Hasen habe ich nur eine Hauskatze durch das Fernglas erspäht. Je weiter die Uhr vorrückt, desto mehr sehe ich mich noch einen weiteren Tag auf dem Hochsitz verbringen.

Immerhin habe ich mit Daniel Tramm nette Gesellschaft. Ganz allein in der Kanzel zu sitzen – für mich unvorstellbar. „In der Stille kann man gut über alles mögliche nachdenken“, zeigt mir der 32-Jährige auch an der Einsamkeit im Wald Positives auf. Doch etwas durchbricht diese Stille. Es klingt, als würde ein Hund bellen. Na toll, der verscheucht doch alle Tiere, ist mein erster Gedanke. Doch wieder einmal ist es an Daniel Tramm, mir die Natur zu erklären. „Hörst du das?“ „Meinst du den Hund? Klar höre ich den.“ „Das ist kein Hund“, sagt der 32-Jährige, „das sind zwei Rehböcke“. Viele, die nicht regelmäßig im Wald unterwegs sind, würden die Laute nicht als die eines Rehbocks erkennen, baut mich der Bötersener auf.

Der 32-Jährige ist seit knapp acht Jahren Jäger. „Als ich meinen ersten Bock geschossen habe, konnte ich lange Zeit die Waffe gar nicht stillhalten“, gibt Tramm zu. Nach dem Schuss gehe es dann nur noch darum, ein hochwertiges Nahrungsmittel herzustellen. „Vor dem Schuss schlägt mir das Herz noch heute bis zum Hals. Es spielt schon immer eine gewisse Emotion mit, weil die Tiere so anmutig sind.“

Dass die Laute, die wir zuvor gehört haben, wirklich zu Rehböcken gehörten, glaube ich Tramm erst ein paar Minuten später, als zwei von ihnen aus dem Gebüsch auftauchen. Und endlich glaube ich, dass wir etwas vor die Büchse, so heißt das Jagdgewehr, bekommen. Doch die besondere Färbung des Tieres hält Daniel Tramm davon ab. „Schwarze Rehe sind sehr selten“, sagt er. Deswegen weigert sich der 32-Jährige, ein solches Exemplar zu töten. „Ich bin kein Trophäensammler.“

Sollten wir doch einen Schuss wagen, zielt Tramm auf den unteren Brustbereich, erklärt der Bötersener. Der sogenannte Blattschuss sorge für die geringsten Wildbretverluste und tötet unmittelbar. Ein Schuss auf den Brustkorb sorgt für eine doppelte Schockwirkung im Körper, deshalb der sofortige Tod. Davon abgesehen, trifft der Jäger so meist das Herz oder die Lunge, so Tramm.

In diesem Moment taucht eine Gruppe Hirsche auf. Immer näher kommen sie an unseren Hochsitz heran und grasen in aller Ruhe in unmittelbarer Nähe. Nicht einmal der Bauer, der sein Feld spritzt, stört sie dabei. Wie ein kleines Kind freue ich mich und beobachte die Tiere. Erst, als sie unsere Witterung aufnehmen, springen sie ab.

Ob ich bereit wäre, ein Tier zu töten, fragt mich Tramm, als sich mein verträumter Blick von den Hirschen abwendet. Und ich fange an zu überlegen. Könnte ich wirklich eine Waffe in die Hand nehmen – die nebenbei bemerkt auch noch verdammt schwer ist – und damit auf ein Tier zielen und abdrücken? Und was noch viel schlimmer ist: Könnte ich es danach aufschneiden, ausnehmen und essen? Ja, ich könnte, wenn ich es zum Überleben müsste, doch diese Frage stellt sich in der heutigen Welt zumindest in unseren Breitengraden nicht.

Und an diesem Abend stellt sie sich auch für Daniel Tramm und mich nicht. Wir gehen ohne Beute nach Hause und verabreden uns für den nächsten Morgen noch einmal. Um 5.30 Uhr machen wir uns auf den Weg zu einem anderen Hochsitz. Mal gucken, ob wir dort mehr Erfolg haben. Jetzt merke ich auch, dass die Ruhe im Wald etwas Schönes hat und lasse meine Gedanken schweifen. Obwohl das vermutlich auch viel mit der Müdigkeit zu tun hat. Die ist schlagartig weg, als ein Schuss ertönt.

Doch der kam nicht aus der Waffe neben mir. „Da ist uns wohl einer zuvorgekommen“, stellt Daniel Tramm nüchtern fest. Während ich mich noch ärgere, dass sich jetzt ein anderer Jäger über die Beute freut, vibriert sein Handy. Tramms Kollegin weiß, dass wir nur wenige Meter von ihr entfernt sitzen und fragt, ob ich zumindest noch einmal zusehen will, wie das Tier ausgenommen wird. Na klar will ich! Als es dann aber tot vor mir liegt, überkommen mich Zweifel und eine Form von Mitleid. „Dieser Rehbock ist ein einjähriges, schwach entwickeltes Tier, wir nennen das Knopfbock“, erklärt mir die Jägerin. Doch so richtig überzeugt bin ich noch nicht und frage mich gerade, worauf ich mich da eingelassen habe. Vor allem, als das Messer in der Sonne blitzt und Tramm und seine Mitjägerin anfangen, den Rehbock aufzubrechen, wie es bei ihnen heißt. Je weiter die beiden die Beute aber ausnehmen, desto interessierter nähere ich mich. Und jetzt verstehe ich auch, was Daniel Tramm mir am Vorabend erzählt hatte: „Es geht nach dem Schuss nur noch darum, ein hochwertiges Nahrungsmittel zu bekommen.“

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