Volker Paetzold erfüllt sich mit dem Heidehof in Eversen einen Traum

Die Gelassenheit der Pferde

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Die Gelassenheit der Pferde ist auch beim Fototermin spürbar.

Eversen - Von Bettina Diercks. Es sind einfach alle entspannt: Pferde, Ziegen, Rinder, Menschen, Chef. Letzterer ist Eigentümer des Heidehofs in Eversen. Volker Paetzold, gebürtiger Mönchengladbacher, erfüllte sich einen Traum, den er früher nicht einmal ahnte. Und wurde dafür jetzt sogar ausgezeichnet.

Mit Natur, Landwirtschaft oder Pferden hatte der Rheinländer absolut gar nichts am Hut. Mit 33 sollte der Finanzwirt dann „mal eben“ das Pferd seines Kumpels trocken reiten. „Da war ich infiziert“, sagt Paetzold. Kurze Zeit später kam Tinker-Stute Lizzy in sein Leben. „Von ihr habe ich viel gelernt.“

Lizzy gibt es mittlerweile nicht mehr. Dafür 50 andere Pferde. Allerdings ist nur eines davon seins, der braune Andalusier „Mentor“. Er darf ein sehr pferdegerechtes Leben führen: Er gehört zu den 30 Rössern, die ganzjährig draußen im Bewegungsstall leben. Der Begriff trügt – zumindest in diesem Fall.

Denn es handelt sich weniger um einen Stall sondern um eine Kombination aus Weide, Freilaufflächen mit Sand, verschiedenen Fressplätzen und zwei Liegehallen, die je nach Jahreszeit mit Stroh oder Waldboden ausgestreut sind. Auf den Wechsel beim Bodenbelag ist der Heidehof-Besitzer durch Versuche gekommen, weil er Alternativen für Allergiker testen wollte.

Der Waldboden hat den Vorteil, dass er alles absorbiert und nicht riecht. Aber die Pferde legen sich ungern darauf, fühlen sich nicht richtig wohl. „Ich vermute, dass das gegen ihre Natur als Flucht- und Steppentier spricht. Sie gehen zwar mal in den Wald, um irgendetwas zu fressen, aber sie würden sich dort nicht entspannt hinlegen“, sagt Paetzold, der sogar Bodenproben untersuchen ließ, um festzustellen, ob irgendetwas damit ist, weil sich die Pferde nicht hinlegen.

Alle möglichen Rassen stehen zusammen auf dem Gelände.

Im Winter lässt der Heidehof-Chef Stroh in den Liegehallen streuen. „Da müssen wir zwar häufiger alles glatt werfen und misten, aber die Pferde legen sich dort hin und entspannen. Auf dem Waldboden haben sie höchstens mal im Stand gedöst. Ich muss auf die Bedürfnisse der Pferde reagieren.“

Die Tränken sind beheizt, wie überall auf der Anlage, egal, ob drinnen oder draußen, damit sie nicht einfrieren. Ein Stück Luxus aber eine Investition, die sich lohnt.

Die Pferde im Bewegungsstall tragen einen Transponder, entweder in die Mähne eingeflochten oder mit einem Halsband. Damit können sie sowohl Kraft- als auch Heu an den Fressplätzen abrufen, wann sie wollen. Geduldig stehen die Huftiere Schlange vor der Box, in der das Kraftfutter abgegeben wird. Nicht mal, wenn eins der ranghöheren Pferde auftaucht, gibt es Hektik oder Stress. Es wird eben mit angelegten Ohren und missmutiger Miene Platz gemacht, so schnell es geht. „Die Daten der Transponder kann ich alle per iPad einsehen“, sagt Paetzold. So kann er checken, ob alle Pferde ihre Rationen bereits abgeholt haben. Oder, ob noch alle ihren Transponder haben. Wer neu in die Herde integriert werden soll, kommt erst auf Sicht auf eine einzelne Weide. Später ist ein Kontakt über den Zaun möglich, bevor der Neuankömmling für ein paar Stunden zur Herde darf.

Wer jetzt an struppige Pony-Rassen denkt, die bekannt dafür sind, dass sie ganzjährig draußen stehen, täuscht sich. „Hier stehen Tinker, Isländer, Creollo, Kaltblut, Hannoveraner, Westfalen, Araber, Paint, Friesen, Haflinger, New Forest Pony, Traber, Quarter Horse...“, zählt Paetzold auf. Sein Andalusier „Mentor“ steht ebenfalls im Offenstall.

Ein genauso buntes Völkchen sind die Eigentümer, die in verschiedenen Reit-Stilen Zuhause sind oder Pferd einfach Pferd sein lassen und nur alle paar Tage vorbei kommen brauchen, weil sie ihre Vierbeiner gut versorgt wissen. Genauso behutsam wie bei der Herdenzusammenstellung im Bewegungsstall geht Paetzold zu Beginn der Weidesaison mit den Rössern vor.

„Anweiden“, nennt er das. „Im Frühjahr kommen die Pferde nur für eine dreiviertel Stunde auf die Weide“, sagt der Heidehof-Besitzer. Stress und Gedränge gibt es auch dort nicht in der Herde. Weder beim Rausbringen noch Reinholen. „Jedes Pferd wird einzeln auf die Weide geführt und auch wieder hereingeholt“, sagt Paetzold.

Im Stall wartet allerdings kein Futter auf sie – ganz gegen alle gängige Praxis auf vielen anderen Betrieben. „Daher auch die Gelassenheit. Gefüttert wird erst, wenn alle drin sind und im Stall Ruhe einkehrt“, sagt der Coach für Kommunikation und Konfliktmanagement. Und selbst dann, wenn der Futterwagen durch die Gasse rollt, bleibt es ruhig. Die Pferde strahlen eine unglaubliche Gelassenheit aus. Krippe, Tränke und Raufe sind voneinander getrennt angebracht, damit die Pferde nicht mit dem Futter herumpanschen. Alle Boxen an der neu gebauten, lichtdurchfluteten Reithalle, verfügen über ein kleines, eigenes Paddock mit festem Boden. So stehen jedem Vierbeiner, der nicht permanent draußen ist, 36 Quadratmeter zur Verfügung.

Im Winter geht es auch raus. Extra dafür hat Paetzold weiteres Weideland eingezäunt, geteilt und jeweils mit Futterraufen versehen, wo die Pferde sich am Raufutter bedienen können. „Die Besitzer müssen sich vertraglich verpflichten, dass ihr Pferd auf die Weide darf“, sagt Paetzold. Für andere Pferdeleute ist auf dem Heidehof kein Platz. Und auch nicht für Schlaufzügel. Die dürfen auf dem Heidehof nicht eingesetzt werden: „Ich glaube, dass kaum einer Profi genug ist, damit korrigierend umgehen zu können.“

Alles ist bis ins Detail durchdacht und vorrangig auf das Tierwohl ausgerichtet. Paetzold ist Mitglied im Arbeitskreis für Pferdepensionsbetriebe der Landwirtschaftskammer. Außerdem ist der Heidehof „Partnerstall“ der tierärztlichen Fakultät München für Forschungen zur optimierten Pferdehaltung. Sein durchdachtes Prinzip brachte ihm vergangenen Monat den Sieg beim zehnten Wettbewerb für Pferdebetriebe „Qualitätsbetrieben gehört die Zukunft“ der Fachberatung für Pferdebetriebe Schade & Partner sowie des Hannoveraner Verbandes ein. Bereits 2012 war der „Heidehof Wolfsgrund“ für seinen Aktivstall ausgezeichnet worden. „In diesem Jahr wurde das Gesamtkonzept als herausragend bewertet, da der Betrieb im vergangenen Jahr um eine Reithalle und eine Paddockboxenanlage erweitert worden ist“, hieß es von den Juroren.

„Wenn man etwas macht, dann sollte man es gut machen“, sagt der Kommunikationstrainer, der an die Reithalle neben Reiterstübchen mit Küche einen Seminarraum angefügt hat. Der soll künftig auch für externe Interessenten zur Verfügung stehen, egal ob Bastel-, Koch- oder Management-Kurse sowie Reit-Seminare in Theorie und Praxis in ungewohnter Atmosphäre. Bei gutem Wetter lässt sich in den Pausen auf der Terrasse im Loungecharakter entspannen, mit Blick auf Wald und weitläufiges Gelände.

Aus dem Traum Paetzolds ist ein Vorzeigebetrieb geworden. „Gespür und Wissen sind wichtig“, sagt der Pferdephysiotherapeut, der regelmäßig selbst Wochenenddienst schiebt, um im Thema zu bleiben und eventuell weitere Details zu entdecken, die verbessert werden können.

„Das eine geht nicht ohne das andere. Respekt und Vertrauen sind eine gute Basis für beides. Ohne diese Grundeinstellung kann man situativ nicht offen spüren und auch nicht lernen“, ist eine der vielen positiven Herangehensweisen auf dem Heidehof Wolfsgrund in Eversen.

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