60 Minuten an der „großen“ Kreuzung der B 75 in Sottrum

Wie viel Dorf steckt in Sottrum?

Die meisten Autos, welche die „große“ Kreuzung in Sottrum passieren, kommen an diesem Tag aus Rotenburg und Verden. Foto: daus
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Die meisten Autos, welche die „große“ Kreuzung in Sottrum passieren, kommen an diesem Tag aus Rotenburg und Verden.

Dass der Verkehr in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hat, ist offensichtlich. 60 Minuten an der „großen“ Kreuzung in Sottrum sollen daher Aufschluss darüber geben, wie angespannt die Verkehrslage ist und wie viel Dorf noch in Sottrum steckt.

Sottrum – Wir sind ein Volk von Nomaden. Diesen Eindruck muss man zwangsläufig gewinnen, wenn man an einem normalen Wochentag vormittags in einer großen Stadt auf dem Bahnhof ist. Ein hektischer Ameisenhaufen von Menschen, die alle irgendwo hinwollen. Auf den Straßen ist es auch nicht besser. Gefühlt scheint die gesamte Republik ständig unterwegs zu sein und man fragt sich: Wohnt eigentlich noch irgendwer, fahren oder fliegen alle? Dass der Verkehr in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hat, ist offensichtlich, und auch in eher ländlichen Regionen zu spüren. 60 Minuten an der „großen“ Kreuzung in Sottrum sollen daher Aufschluss darüber geben, wie angespannt die Verkehrslage ist und wie viel Dorf noch in Sottrum steckt.

Wie ein scharf gekämmter Mittelscheitel teilt die B 75 Sottrum in zwei Hälften. Die Bundesstraße, die hier Bremer Straße heißt, ist eine wichtige Verkehrsader des Wiesteortes und jeder, der sie häufiger befährt, wird es kennen: Hohes Verkehrsaufkommen und Stauungen, was besonders im Bereich der Kreuzung zum Eichkamp und der Lindenstraße zum Ausdruck kommt. Für diejenigen, die hier schon seit langer Zeit entlangfahren, hat sich der subjektive Eindruck herauskristallisiert, dass der Verkehr gerade in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen hat. Ein Stau aus Fahrtrichtung Rotenburg, der sich gefühlt durch den ganzen Ort zieht, oder aus der Gegenrichtung über den Ortsausgang hinausreicht, war früher eine Seltenheit. Heute ist es alltäglich. Ebenso wie in der Lindenstraße oder dem Eichkamp. Doch vielleicht handelt es sich auch eher um Momentaufnahmen.

Es hat natürlich schon etwas von Katastrophentourismus, wenn man sich hier für die Zeitspanne von 60 Minuten zum Beobachten niederlässt. Mit einer gewissen Vorfreude erwartet man diese Staus – und mit ihnen die genervten Verkehrsteilnehmer, inklusive Hupkonzerten und übermäßigem Verkehrslärm. Doch an diesem Freitagnachmittag ist die Gesamtlage moderat und mehr als etwa 25 Autos pro Fahrtrichtung wollen sich zunächst nicht auf der Bundesstraße vor einer roten Ampel ansammeln. Auch aus den beiden Seitenstraßen ist eher wenig zu vermelden.

Zeit genug, sich das Geschehen etwas genauer zu betrachten. Das Erste, was auffällt: Der Lärmpegel ist trotzdem recht hoch. Aus der Lindenstraße kommend hat sich doch eine kleine Fahrzeugschlange gebildet, die hier geduldig auf das grüne Signal der Ampel wartet. Allen voran zwei Sportradfahrer, von der Sorte, die trotz befestigter Radwege immer auf der Straße fährt. Die beiden haben offensichtlich die rote Ampel ignoriert und befinden sich bereits im Einmündungsbereich der Kreuzung. Sie warten darauf, dass sie ein grünes Signal bekommen, das sie allerdings nicht sehen können, weil die Ampel ja hinter ihnen ist. Als sie schließlich bei passender Verkehrslage losfahren, werden sie beinahe von einem Auto touchiert, das aus ihrer Richtung kommend an ihnen vorbei möchte und die Radfahrer, die nicht auf dem Radweg sind, wahrscheinlich nicht auf dem Schirm hatte. Der panische Aufschrei der Radfahrerin, der dem Fahrer des Wagens verborgen geblieben sein wird, ist beruhigenderweise das Einzige, was bei dieser Beinahe-Berührung geschieht.

Ansonsten wird es intervallartig voller auf den Straßen. Das gewohnte Bild an dieser Kreuzung stellt sich zumindest phasenweise ein. Je länger die Schlangen dabei werden, desto größer wird die Ungeduld der Verkehrsteilnehmer. Ein altersschwacher Trecker holt das Letzte aus sich heraus, um bei „Dunkelgelb“ seinen Anhänger und sich mit letzter Kraft über die Kreuzung zu bringen, wobei er das Rennen gegen den Farbwechsel zu Rot ganz knapp verliert. Dicht auf den Fersen ist ihm ein Autofahrer, der derart dicht an den Hänger fährt, dass es für den Fahrer völlig unmöglich ist, die Lichtzeichenanlage überhaupt erkennen zu können und er bei sattestem Rot über die Kreuzung braust. Ein teurer Spaß, wenn man erwischt wird und das für eine Zeitersparnis von rund zwei Minuten – denn solange dauert es in etwa, bis man erneut eine Grünphase hat. Zwei Minuten, die offenbar jedes Risiko wert sind.

Auffällig ist, dass der Verkehrslärm wesentlich intensiver erscheint, je länger die Schlangen sind und in diesen Momenten an dieser Kreuzung wirkt. Sottrum ist bei weitem nicht mehr so ländlich, wie es eigentlich sein sollte. Das ist der Preis für eine enorm gute Verkehrsanbindung. In der Hauptsache sind es Autos, die diese Kreuzung frequentieren. Die meisten von ihnen sind schwarz und haben entweder ein Rotenburger oder ein Verdener Kennzeichen. Vereinzelt sind auch ein paar Bremer dabei. Wenn einmal ein ausgefallenes Exemplar vorüberfährt, dann hat es in der Regel ein fremdes Kennzeichen. Erstaunlich viele landwirtschaftliche Fahrzeuge, bei denen die Zugmaschinen mannshohe Räder haben, sind unterwegs. Der Schwerlastverkehr präsentiert sich an diesem Tag hin und wieder. Radfahrer sieht man eher selten und Fußgänger noch weniger.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man vermuten, dass man sich in einer großen Stadt befindet und eine geschlagene Stunde, die man hier verbringt, taugt eher wenig zur Beruhigung. Auch bei dieser moderaten Verkehrslage ist es laut und fühlt sich zeitweise hektisch an, Am Ende des Experimentes herrscht beim Verfasser dieser Zeilen der unbändige Wunsch, in einen Wald zu gehen, Ruhe zu tanken und einen Baum zu umarmen. Ein alternativer Versuch mit dem Mast einer Ampel hat sich als wenig beruhigend herausgestellt und einige verwirrte Blicke anderer Verkehrsteilnehmer mit sich gebracht.

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