Harry Otterstedt aus Ahausen gibt seit mehr als 30 Jahren den Weihnachtsmann

Unterwegs mit „Santa Harry“

Harry Otterstedt, hier mit Ehefrau Stefanie und Sohn Jan-Ole, am heimischen Küchentisch bei den Vorbereitungen. Ein Hingucker ist das große Buch, in das er seine Notizen schreibt.
+
Harry Otterstedt, hier mit Ehefrau Stefanie und Sohn Jan-Ole, am heimischen Küchentisch bei den Vorbereitungen. Ein Hingucker ist das große Buch, in das er seine Notizen schreibt.

Ahausen – Vor einigen Tagen erklärte die WHO offiziell, dass der Weihnachtsmann immun gegen Covid-19 sei. Da das aber noch nicht für seine vielen fleißigen Helfer gilt, werden sie am Heiligabend auf die sonst übliche Nähe verzichten und stattdessen auf Abstand und Maske setzen.

Zu ihnen gehört Harry Otterstedt aus Ahausen, der die Rolle seit mehr als drei Jahrzehnten mit Leib und Seele ausfüllt. „Ich war damals dabei, als ein alkoholisierter Weihnachtsmann die Bescherung vornahm“, erinnert er sich. Als er gefragt wurde, ob er im Folgejahr die Aufgabe übernehmen würde, sagte Otterstedt sofort zu. Diese füllte er so liebevoll aus („Man wächst mit seinen Aufgaben), dass die Anzahl der Aufträge von Jahr zu Jahr zunahm. „In einem Jahr besuchte ich sogar 17 Familien“, berichtet der 51-Jährige, den es als Weihnachtsmann schon bis nach Hamburg führte. Zu jedem Besuch gehört ein ausführliches Vorgespräch. „Fast immer kommen dabei die Themen ‚Zimmer aufräumen‘ und ‚Schule‘ zur Sprache“, verrät der Ahauser schmunzelnd.

Informiert ist er auch, wo der Weihnachtsbaum steht und wie dieser aussieht. Wenn er dann in voller Montur das Haus betritt, achtet er auf viele Details. So macht er sich erst bemerkbar, wenn er bereits im Haus ist. Dies ist möglich, da der Hausschlüssel am vereinbarten Platz lag. „Auch Schmutz unter den Schuhen geht gar nicht. Kinder sind nämlich sehr aufmerksam“, so „Santa Harry“, der immer wieder fasziniert von der Weihnachts-Magie ist. Nicht fehlen darf bei dem Besuch sein großes Buch, denn darin sind die Notizen versteckt. Meistens geht dann die kleine Vorstellung los mit dem Satz „Wo ist denn der Baum? Ich bin doch sicher, dass ich hier einen hingestellt habe.“ Dann folgt natürlich die Frage, ob die Kinder ein Gedicht oder ein Lied vortragen möchten. Doch nicht nur die Mädchen und Jungen sind gefragt: „Die Eltern waren auch mal klein, also können sie sicherlich auch ein Lied singen.“

Zum Abschluss dürfen die Kinder beim Herausholen der Geschenke aus dem Jutesack helfen. „Manchmal ist es schon erschreckend, wie viel verschenkt wird“, sagt „Santa Harry“ nachdenklich. Sein Fingerspitzengefühl ist auch gefragt, wenn er als Weihnachtsmann zu großen Respekt einflößt. „Wenn die Kinder Angst bekommen, breche ich ab und hole sofort die Geschenke aus dem Jutesack.“ In den meisten Fällen erwarten ihn aber staunende Kinder, die sich schon lange im Vorfeld auf den Besuch des Weihnachtsmanns gefreut haben.

So macht sich Harry Otterstedt Heiligabend auf den Weg – natürlich mit Maske.

Daher kommt es immer wieder vor, dass Harry Otterstedt von ihnen sogar ein kleines Geschenk wie ein gemaltes Bild, einen Brief oder etwas Selbstgebasteltes erhält. Doch nicht nur für die Jüngsten wird er engagiert. So überbrachte er bereits mehrmals Ehe- und Verlobungsringe: „Ich habe die Ringe überreicht, aber die Frage aller Fragen musste selbst gestellt werden.“ Eine große Freude bereitete er auch einer Familie, bei denen der Vater im Pflegeheim im Sterben lag. „Es war wohl einer seiner letzten Wünsche, am nächsten Tag verstarb er“, erinnert sich Otterstedt. Ein ganz anderes Publikum wartete im Ahauser Hof, wo Familie Otterstedt am ersten Weihnachtstag zum Essen verabredet war. Von Gastwirtin Marion Schulz wurde er spontan gefragt, ob er nicht für alle Kinder an diesem Tag als Weihnachtsmann auftreten wolle. Und das waren immerhin rund 30 Mädchen und Jungen. Natürlich sagte Harry Otterstedt zu.

Obwohl er nie ein Honorar für seine Einsätze als Weihnachtsmann verlangt, gibt es immer wieder – zusätzlich zu einem „dicken Dankeschön“ – auch Geld. „Ich recherchiere, wer es gut gebrauchen kann und verschenke es weiter.“ So kamen eine Familie in Lilienthal, bei denen der Vater gestorben war, Hartz-4-Empfänger oder eine Mutter in Rumänien in den Genuss einer unverhofften Geldspritze. „Es ist mein Highlight, anderen damit eine Freude zu machen“, sagt der Ahauser.

Um trotz der vielen Engagements am Heiligabend auch den eigenen Kindern Lara und Jan-Ole, heute 18 und 21 Jahre alt, gerecht zu werden, wurden für die Abwesenheit verschiedene Notlügen eingesetzt. „Mal musste ich bei Onkel Andy kochen, ein anderes Mal einer alten Dame beim Schneeschippen helfen“, zählt er einige auf. Als Lara und Jan-Ole älter wurden, kam die Erklärung: „Sie freuen sich, dass ich anderen Kindern etwas so Schönes geben kann.“ Inzwischen besucht er in einigen Fällen zu Weihnachten sogar schon die nächste Generation. Was treibt ihn nach so vielen Jahren noch an? „Mit einer Figur, an die man glaubt, geht es einem besser“, ist die Antwort des Weihnachtsmannes aus Ahausen.

Vier etwas andere Weihnachtsgeschichten

- Von einem Weihnachtsmann wird eine tiefe Stimme erwartet. Da damit nicht jeder gesegnet ist, hat Harry Otterstedt einen Trick, um bei der Bescherung in den Wohnzimmern authentisch zu klingen. „Damit sich meine Stimme rauer anhört, mache ich auf dem Weg zu den Familien im Auto ein Schreitraining,“, verrät er. Einmal wurde das Prozedere an der Ampel von einem aufmerksamen Fahrer, der mit seinem Auto neben dem von Otterstedt stand, sorgenvoll beobachtet. „Ich konnte ihn beruhigen, dass es mir gut geht“, erzählt „Santa Harry“.

- „Ho ho ho“, ist wohl der bekannteste Ausruf des Weihnachtsmanns. „Wenn ich ein Haus betrete, mache ich mich lieber durch lautes Poltern bemerkbar“, sagt Harry Otterstedt. Einmal ging das aber gehörig daneben: „Ich war in Achim bei einer Familie, bei denen der Weihnachtsmann kurzfristig ausgefallen war. Beim Poltern gegen die Tür habe ich diese mit meinem schwarzen Stiefel versehentlich eingetreten“, so der Ahauser, dem dieser Fauxpas besonders peinlich war, da ihm sofort aufgefallen war, dass die Familie scheinbar nicht viel Geld hatte, denn es gab ausschließlich gebrauchtes Spielzeug für die sechs- und achtjährigen Kinder. „Bezahlen lassen wollten sie sich den Schaden aber von mir nicht“, erinnert sich Otterstedt. Doch einfach so das Haus verlassen wollte er auch nicht: „Da habe ich den Umschlag mit den 100 Mark, den ich zuvor für meinen Auftritt bekommen hatte, unauffällig liegen lassen.“

- Damit Harry Otterstedt als Weihnachtsmann nicht erkennbar ist, lässt er beim Aussteigen Uhr, Handy, Schlüssel und Papiere im Auto zurück. Das sollte ihn vor etwas über zehn Jahren in Stuckenborstel zum Verhängnis werden, denn bei der Rückkehr von zwei Auftritten, die er in einer Sackgasse absolvierte, war sein Auto verschlossen. „Als ich versuchte, auch ohne Schlüssel in das Auto zu gelangen, wurde ich beobachtet“, berichtet er. Und weiter: „Der aufmerksame Nachbar rief die Polizei an, die innerhalb von kurzer Zeit da war.“ Da sich Otterstedt – noch im Weihnachtsmannkostüm – nicht ausweisen konnte, wurde er mit zur Wache nach Rotenburg genommen. Ein durchgeführter Alkoholtest ergab 0,0 Promille. Erst ein Anruf bei Ehefrau Stefanie, die mit dem Ersatzschlüssel nach Rotenburg kam, klärte alles auf.

- Der Weihnachtsmann oder das Christkind bringen die Geschenke. Doch es kann auch anders sein: „Ein neunjähriger Junge hatte seine Mutter, die einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften hatte, bestohlen, angegriffen und beleidigt“, so Harry Otterstedt. Da er seine Aufgabe als Weihnachtsmann sehr ernst nimmt, nahm er als erzieherische Maßnahme an diesem Abend die Geschenke – wie die vom Jungen sehnlichst gewünschte Spielekonsole – wieder mit. Doch Harry Otterstedt wäre nicht Harry Otterstedt, wenn er dafür nicht eine Lösung parat gehabt hätte. „Ich habe die Mutter gebeten, den Schlüssel stecken zu lassen, und bin nach Mitternacht noch einmal zu Besuch gekommen“, erzählt er. Dabei legte er nicht nur die Geschenke unter den Baum, sondern einen Brief, in dem er dem Jungen schrieb, dass er ihn lieb habe und an ihn glaube. „Die Mutter hat mir später erzählt, dass sich der Sohn bei ihr für sein Verhalten entschuldigt habe“, sagt Otterstedt nicht ohne Stolz.

Von Antje Holsten-körner

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Die richtige Pflege für Anemonen

Die richtige Pflege für Anemonen

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Meistgelesene Artikel

Familie und Freunde in großer Sorge: Laura-Marie seit Montag verschwunden

Familie und Freunde in großer Sorge: Laura-Marie seit Montag verschwunden

Familie und Freunde in großer Sorge: Laura-Marie seit Montag verschwunden
Unbekannte bedrohen Bankkundin mit Messer

Unbekannte bedrohen Bankkundin mit Messer

Unbekannte bedrohen Bankkundin mit Messer
Rotenburger Stadtwerke sanieren Ronolulu

Rotenburger Stadtwerke sanieren Ronolulu

Rotenburger Stadtwerke sanieren Ronolulu
Vier 19-Jährige nach Schießerei in U-Haft

Vier 19-Jährige nach Schießerei in U-Haft

Vier 19-Jährige nach Schießerei in U-Haft

Kommentare