Unser Autor Matthias Daus ist als Roadie mit der Band Paunchy Lovers unterwegs

Weiterspielen, bis die Polizei kommt

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Der Aufbau ist in vollem Gange.

Sottrum - Von Matthias Daus. Wie viel Aufwand muss eine lokale Band betreiben, wenn sie jenseits des Mainstreams ihren musikalischen Traum verwirklichen möchte? Wie groß ist die Motivation, wenn das Publikum nicht zahlreich zu den Konzerten erscheint? Um einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen, habe ich mich bei der Band Paunchy Lovers als Roadie verdingt und ihren Auftritt in der alten Gerberei in Zeven begleitet.

Die Paunchy Lovers – das sind Petra Wesseler (Gesang), Jürgen Daehn (Gitarre und Gesang), Johannes Sigloch (Gitarre), Lutz Wesseler (Schlagzeug) und Jens Wesseler (Bass) – sind unter anderem Namen als reine Coverband gestartet und das auch sehr erfolgreich. Zwei von ihnen stammen sogar aus der Samtgemeinde, Johannes aus Hassendorf, Jürgen aus Sottrum. Ihr Spezialgebiet war der Rock der 70er Jahre und zwar auch gerne der anspruchsvolleren Sorte.

Doch irgendwie hatten sie das Gefühl, dass sie sich musikalisch auch eigenständiger ausdrücken möchten. Also verließen sie den sicheren Hafen der Covermusik, um sich fortan der eigenen Musik zu widmen. Von nun an arbeiten sie jahrelang an eigenen Stücken und probten stetig, um mit dem eigenen Material vor Publikum spielen zu können.

An diesem Abend spielen sie in der alten Gerberei in Zeven. Der Auftritt soll um etwa 22 Uhr beginnen. Um 18 Uhr treffe ich zusammen mit Johannes und Jürgen, und Claus, einem Freund der Band, ein. Schon auf dem Hinweg gibt es eine Hiobsbotschaft, denn der Soundmixer, den die Band für diesen Abend verpflichtet hatte, ist krank, will sich aber um Ersatz bemühen. „Wäre ja auch zu schön, wenn einmal alles glatt laufen würde“, sagt Jürgen während er das Equipment auslädt. Die anderen Bandmitglieder sind auch schon vor Ort, und ich helfe ihnen beim Ausladen.

Lautsprecher so groß wie ein mittlerer Kühlschrank, kleinere sogenannte Monitorboxen, Stative, viele Kisten, Beleuchtung müssen hereingetragen werden. Alles zusammen ergibt ein gerüttelt Maß an Chaos, das sich dadurch erweitert, dass ein junger Mann namens André eintrifft. Mit den Worten „Hallo, ich bin der Mischer für heute Abend“, sorgt er für Erleichterung und bringt noch ein Mischpult und ein paar Kisten mit Kabeln mit.

Der Aufbau klappt dann reibungslos. Jeder – außer mir natürlich – weiß was er zu tun hat und so sind in relativ kurzer Zeit alle Instrumente an ihrem Platz, die Beleuchtung steht und alles ist miteinander verkabelt, wobei ich nicht erkennen kann, wie jemand durch dieses Kabelgewirr auch nur ansatzweise durchsteigen sollte.

Dann beginnt der Soundcheck. André steht vor seinem Mischpult, und jedes Bandmitglied spielt oder singt ein paar Töne, bis alle Kanäle am Mischpult vernünftig eingestellt sind. Dann folgen noch ein, zwei Lieder in voller Besetzung, um den Gesamtsound zu optimieren, was anscheinend in der Nachbarschaft auf eine gewisse Ablehnung stößt. Es gibt schon die erste Beschwerde wegen der Lautstärke. „Das haben wir so auch noch nicht gehabt“, wundert sich Bassist Jens, und der Rest der Band ist für einen Moment etwas ratlos. Die Thekenkraft der Gerberei gibt aber Entwarnung, denn anscheinend ist so eine Beschwerde nicht ungewöhnlich, hat aber wohl noch nie irgendwelche Folgen gehabt.

Ein vom Wirt organisiertes Catering beim Griechen um die Ecke dient als letzte Pause vor dem Auftritt, und die Bandmitglieder sprechen über vergangene Konzerte und die Dinge, die sie dabei schon erlebt haben und auch über die Erwartungen an diesen Abend. „Wenn du AC/DC spielst, dann wissen die Leute, was sie erwartet und wenn du das gut beherrschst, dann hast du ein volles Haus“, sagt Lutz. „Bei uns ist es jedes Mal wieder wie eine Wundertüte. Wir wissen einfach nie vorher, was uns erwartet“, fügt Petra hinzu.

Die Beschwerde aus der Nachbarschaft könnte sich als schlechtes Omen erweisen. Was sie denn machen würden, wenn die Polizei käme, frage ich in die Runde. „Weiterspielen, bis sie uns den Saft abdrehen. Schließlich ist das, was wir machen, Rock, da darf man sich nicht gleich einschüchtern lassen“, sagt Johannes, der allerdings so gar nicht wie ein gestandener Rocker wirkt.

Die Sorgen sind jedenfalls unbegründet, denn das Konzert verläuft reibungslos. Allerdings hätte es durchaus mehr Publikum sein können. Die Leute sind restlos begeistert, und selbst ein Laie wie ich erkennt, dass großartige Musiker am Werk sind, die sich in ihrem Können durchaus mit anderen messen können. Gepaart mit ihrer Spielfreude schaffen sie es, ihre eigenwillige und ungewöhnliche Musik derart mitreißend zu präsentieren, dass am Ende ein langanhaltender Applaus der Lohn für die Darbietung ist. Geld verdient hat die Band an diesem Abend nicht. Die Einnahmen reichen aus, um den Mann am Mischpult zu bezahlen und vielleicht noch für das Spritgeld.

Es ist weit nach Mitternacht, als wir den Abbau geschafft haben, und ich frage mich, was der Antrieb hinter all dem ist. Ich merke, es ist die Kunst. Das Gefühl, etwas Eigenes erschaffen zu haben und andere Menschen davon begeistern zu können. Der Motor hinter jeder kreativen Arbeit.

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