Unklare Zukunft

Reeßumer Gemeinderat debattiert über den Glockenturm

So könnte der Glockenturm aussehen: Während der Ratssitzung stellte Architekt Joachim Krampitz die erstellte Skizze vor.
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So könnte der Glockenturm aussehen: Während der Ratssitzung stellte Architekt Joachim Krampitz die erstellte Skizze vor.

Reeßum – Wie die Zukunft des Reeßumer Glockenturms aussehen wird, der im Mai vergangenen Jahres aus Sicherheitsgründen außer Betrieb genommen werden musste, bleibt weiterhin ungeklärt, denn der Gemeinderat vertagte die Entscheidung.

Vorangegangen war eine – teilweise emotionale – Diskussion, ob eine Restaurierung oder ein Neubau erfolgen sollte. Nachdem bereits bei den Sitzungen im Dezember und bei der Haushaltsdebatte das Thema angesprochen wurde, hatte Bürgermeister Julian Loh jetzt beide Varianten – Neubau mit neuer Statik oder Rekonstruktion nach heutigem Vorbild – vorgestellt. „Zusammen mit meinem Stellvertreter Marco Bruns und Architekt Joachim Krampitz haben wir die verschiedenen Möglichkeiten ausgelotet“, erklärte Loh.

Durch die Kostenexplosion besonders im Holzsektor ergänzte er, dass die genannten Preise von 95 000 Euro für den Neubau für geschätzt 20 bis 25 Jahre Nutzungsdauer beziehungsweise 40 000 bis 45 000 Euro für die Rekonstruktion bei 15 bis 20 Jahren sicherlich nicht mehr zu halten seien. Das Problem bei der günstigeren Ausführung: 2001 wurde der Glockenturm nach dem vereinfachten Verfahren vom Bauamt genehmigt. Daher gab es keine geprüfte Statik, sondern der Entwurfsverfasser versicherte die Standfestigkeit. Zwar sei dieses Verfahren nach der damals ausgestellten Baugenehmigung zulässig, führte Loh weiter aus, doch: „Joachim Krampitz steht bei einer Rekonstruktion nicht als Architekt zur Verfügung, denn er will die Verantwortung für den Bau ohne gültige Prüfstatik nicht übernehmen“, bedauerte der Bürgermeister. Daher müsste bei einer Ausbesserung neben den Zimmererarbeiten, deren Aufwand ein Meister aus dem Nachbarort schätzte, die Gemeinde auch Erdarbeiten, Elektro und Reetdach in Eigenregie ausschreiben und begleiten. Die dafür entstehenden Aufwendungen kommen zu den 40 000 bis 45 000 Euro noch dazu. Doch nicht nur das: Das Risiko, dass das Geläut der Glocke Schwingungen erzeugt, die die Standfestigkeit gefährden könnten, will Loh nicht eingehen: „Mit mir als Bürgermeister wird es bei einer Rekonstruktion kein Geläut geben.“

Die Glocke ist im Wappen enthalten und ein Teil unserer Geschichte.

Wilfried Kirchner, ehemaliger Bürgermeister

Wie sehr Glocke und Glockenturm mit dem Ort verbunden sind, stellten Ortshistoriker Werner Röhrs und Ex-Bürgermeister Wilfried Kirchner, in dessen Amtszeit der Neuaufbau 2001 erfolgte, dar. „Die Glocke ist im Wappen enthalten und ein Teil unserer Geschichte“, sagte Kirchner und appellierte an die Ratsmitglieder: „Der Glockenstuhl muss wieder dort stehen, wo er stand.“

Die prägende Bedeutung für den Ort betonte auch der Reeßumer Jürgen Worthmann: „Historische Bauten wecken das Gefühl von Heimat.“ Marco Bruns (Schleeßel) fragte, ob eher das Geläut – also ein Neubau – oder die Optik – also die Rekonstruktion ohne Geläut – wichtig wäre. Für sich selber beantwortete er dies mit: „Für mich wäre dies eher die Optik.“ Da für einen Neubau nur eine erste Skizze von Joachim Krampitz vorlag, konnte bei der Ratssitzung keiner beurteilen, wie dieser Glockenturm aussehen könnte.

„Das Schlimmste wäre, wenn wir nicht nur viel Geld in die Hand nehmen, sondern auch noch von den Reeßumern gesagt wird, dass der Glockenstuhl hässlich sei.“ Herbert Cordes (Clüversborstel) wollte, bevor er eine Entscheidung trifft, wissen, ob bei einem neuen Glockenturm das Geläut funktioniert und wo denn ein solches Modell stehen würde. „Die nach alter Tradition erstellten Holztürme fallen doch nicht alle um“, ergänzte er. Auch die Baukosten für einen Neubau sind ihm ein Dorn im Auge: „Der hohe Betrag ist außerhalb von Reeßum nicht vermittelbar.“ Außerdem fehle ihm das Engagement der Reeßumer Vereine.

Auch Dieter Precht (Taaken) möchte nicht so tief in die Tasche greifen, denn bisher hatte Loh keine Fördermöglichkeit auftun können. „100 000 Euro auszugeben kann ich den Bürgern nicht erklären“, sagte Precht und fragte, warum die Sanierung nicht in die Dorferneuerung aufgenommen wurde. Diesen Vorwurf wollte Lohs Vorgänger Marco Körner nicht im Raum stehen lassen und erklärte in der anschließenden Bürgerfragestunde: „Als die Schäden am Glockenturm festgestellt wurden, war die Dorferneuerung längst ausgelaufen.“

Den Vorschlag, weitere Angebote von Zimmerermeistern anzufordern oder den Architekten mit detaillierten Zeichnungen zu beauftragen, empfand Loh nicht als fair gegenüber den Auftragnehmern, solange im Rat keine Bereitschaft zur Umsetzung vorhanden ist und keine Bezahlung für den Aufwand erfolgen soll. Für die nächste Ratssitzung hat der Bürgermeister nun den Auftrag, alle Informationen zusammenzutragen, die zu einer Entscheidungsfindung beitragen können. „Gebt mir Themen, die geklärt werden müssen“, appellierte Loh. Ohne Diskussion wurde dagegen die Ersatzanschaffung von zwei Spielgeräten für den Reeßumer Kindergarten Wurzelzwerge durchgewinkt.  

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