Unser Autor Matthias Daus sucht die Ruhe im Wald

60 Minuten: Auf Tuchfühlung mit den Bäumen

Quasi eine Freundschaft mit dem Wald ist unser Autor Matthias Daus eingegangen.

Bötersen - Von Matthias Daus. Wenn es etwas gibt, dass uns heutzutage abhanden gekommen ist, dann ist es die Fähigkeit, sich gepflegt zu langweilen. All unser Handeln ist immer einem Zweck ausgerichtet, und sollte doch einmal ein Moment der absoluten Ruhe herrschen, sind wir immer gewillt, diesen sofort medial mit unseren Mitmenschen zu teilen und somit das Nichtstun zu entwerten.

Dabei ist es unumstritten, dass gerade die Langeweile die beste Grundlage für Kreativität ist. Ich möchte heute einmal aus diesem Korsett der ständigen Aktivität herausbrechen und begebe mich deswegen für die Dauer von 60 Minuten in den Wald – ohne Handy. 60 Minuten, das klingt im ersten Moment nicht gerade lange für einen Aufenthalt in einem Wald, aber der Forst bei Bötersen, den ich mir ausgesucht habe, ist nicht besonders groß. Und wenn man sich beeilen würde, hätte man bestimmt nach der Hälfte der Zeit alles gesehen, was es zu sehen gibt.

Das vermute ich zumindest, denn obwohl dieser Wald beinahe vor meiner Haustür liegt, war ich noch nie dort. Ich bin unzählige Male daran vorbeigefahren, aber ich habe nie die Muße gefunden, dort einmal hinein zu gehen. Ich steige auf mein Fahrrad und fahre zu meinem auserkorenen Waldstück. Ein Feldweg, der an einem schmucklosen gepflügten Acker vorbeigeht, führt dorthin. Am Waldrand erwartet mich standesgemäß ein Hase (wer auch sonst), der aber sofort die Flucht ergreift. Genauso wie die zehn bis 15 Rehe, die panisch durchs Unterholz rennen, als sie meiner teilhaftig werden.

Das Erste, was mir durch den Kopf geht, sind Erinnerungen an meine Grundschulzeit, die gefühlt kurz nach der Erfindung des Schießpulvers gewesen sein muss. Damals war der Samstag noch ein regulärer Schultag. Und an solchen Samstagen hatten wir häufiger Wanderungen in die heimischen Wälder unternommen. Im Gepäck das Butterbrot und Sunkist in einem pyramidenförmigen Trinkbecher. Die Älteren werden sich erinnern. Mir haben solche Ausflüge immer sehr gefallen, und daher freue ich mich auch heute auf meinen Aufenthalt im Wald – auch ohne Sunkist und Butterbrot.

Ich stelle mein Fahrrad an einen Baum und verspüre den Impuls, es dort auch anzuschließen. Aber es ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, und so lasse ich es unabgeschlossen dort stehen. Wer sollte es klauen? Ein Reh, oder ein Wildschwein? Ich beginne damit, meine Umgebung zu erkunden, und wie ich vermutet habe, ist der Wald nicht sehr groß, und nach einem Drittel der Zeit habe ich schon weite Bereiche gesehen, was sich aber als weitaus interessanter darstellt, als ich erwartet hatte.

Es ist ein Mischwald mit vielen verschiedenen Zonen. Eng beieinanderstehende Nadelbäume und Birken wechseln sich mit Eichen und vereinzelt stehenden Buchen ab. Wobei mir die Buchen am besten gefallen. Sie wirken so erhaben und majestätisch. Ich umarme eine von ihnen. Habe gelesen, dass das eine tolle Sache sein soll. Aber dieser spirituelle Eindruck ergibt sich für mich nicht, und ich vermute, auch nicht für die Buche. Mittlerweile mache ich mir Gedanken, wie ich den Rest der Zeit verbringe und setze mich auf einen umgestürzten Baum, der dort augenscheinlich schon lange liegt und dessen Wurzel über zwei Meter hoch aus dem Boden ragt. Ich beginne, genauer zu beobachten und zu lauschen. Zu hören gibt es eher wenig. In der Hauptsache sind es Vögel, von denen die meisten bekannt klingen, aber auch ein paar für mich exotischere Vogelstimmen mischen sich dazwischen.

Ich betrachte den Boden, und der wäre ein Albtraum für jeden Kleingärtner. Überall Laub oder Moos und totes Gehölz. Aber auch dort, wo von einem Sturm viele Bäume entwurzelt chaotisch herumliegen, hat hier alles eine gewisse eigene Ordnung, und die gefällt mir sehr. Eine idyllische Alternative zum Rasen auf unserem Grundstück, wie ich finde, aber vermutlich bin ich allein mit dieser Ansicht.

Nachdem die Zeit zunächst eher zäh verrinnt, vergeht sie nun wesentlich schneller. Dass „mein“ Wald eher klein ist, ist für mich kein Problem, denn so umgehe ich das Risiko, mich hier zu verlaufen. Sich einfach so zu orientieren, ist gar nicht einfach. Ich gehe noch ein Stückchen, und mir fällt auf, wie laut meine Schritte doch sind. Leichtfüßig ist anders. An einem frisch gesägten Baumstumpf versuche ich, die Jahresringe zu zählen und somit das Alter dieses Baumes zu bestimmen. Das ist nicht leicht, und ich hätte wohl lieber meine Lesebrille dabei haben sollen. Ich komme ungefähr auf hundert Jahre, die dieser Baum hier gestanden haben muss.

Und dann sind sie vorbei. Wie auch meine 60 Minuten. Ich steige auf mein Fahrrad und verlasse den Wald. Ich radle vorbei an dem schmucklosen Acker und denke, dass es mir wesentlich mehr gefallen hat, als ich dachte und dass es gut war, allein zu sein und sich mehr Zeit zu nehmen, als nötig wäre, diesen Wald anzusehen. Ich werde so etwas auf jeden Fall noch einmal machen. Und dann lasse ich es so richtig krachen und nehme mir einfach mal 90 Minuten Zeit. Aber in einem anderen Wald, denn diesen hier kenne ich ja schon.

Die Serie

In der Serie „60 Minuten“ gehen wir für eine Stunde auf Beobachtung. Wir ziehen durch den Südkreis und nehmen uns an verschiedenen Orten Zeit – für ganz unterschiedliche Situationen. Sollten Sie Vorschläge haben, wo wir uns umgucken sollten, melden Sie sich gerne!

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