Trompeter Ulrich Beckerhoff begeistert mit dem „Inventrio“ in Hellwege

Jazz, der die Seele wärmt

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Trompeter Ulrich Beckerhoff erfindet sich neu und zeigt dem Publikum in Hellwege was er kann.

Hellwege - Von Bettina Diercks. Kaum beschreiben lässt sich, was der Bremer Trompeter Ulrich Beckerhoff und seine Jungs am Mittwochabend mit ihrem Auftritt im Hellweger Heimat- und Kulturhaus (HuK) anstellen. Jazz der Spitzenklasse, so nah, so ergreifend und warm, ganz tief das Musikliebhaberherz treffend. Gut 90 Zuhörer lassen sich mitreißen.

Gleich der Auftakt nimmt gefangen. Anmutig suchen, bewegen und finden Piano und Kontrabass zueinander, das Schlagzeug fädelt ein. Ganz genau scheint Drummer Niklas Walter zu fühlen und zu hören, was seine Kollegen tun. Beckerhoff gesellt sich dazu und liefert später die Erklärung zu „Bye, bye Kenny“, dem ersten Stück. Gewidmet ist es Kenny Wheeler, der mehr als nur ein Vorbild für den Bremer war. Wheeler starb im September vergangenen Jahres und galt als führende Persönlichkeit in der Jazz-Szene.

Dem Bremer gelang mit seinem Werk eine Mischung aus Abschied und Würdigung an seinen Freund. „Heroes“, die jüngste CD des Trompeters, eingespielt mit dem „Inventrio“, das mit ihm in Hellwege gastierte, ist insgesamt eine Würdigung an die vielen Jazz-Größen, die Beckerhoff Vorbild waren.

In allen großen Städten habe er schon gespielt, aber Hellwege? Edwin Bohlmann ist zu verdanken, dass die Musikgröße mit seinen jungen Mitspielern ins HuK gekommen ist. Eine hohe Gage in Aussicht stellen konnte Bohlmann laut Beckerhoff nicht. Dieser blieb seinem jüngsten Credo treu, nicht mehr das zu tun, was er bisher getan hat. Was allerdings vorrangig für seinen Musikstil gilt. „Das Alte wollte ich nicht mehr. Dazu hatte ich keine Lust“, sagt der Bremer.

So kam er auch zu seiner jungen Besetzung, da die eingefleischten „alten“ Jazzer sich nicht verändern wollten. Weshalb sollten sie auch? Sie sind bis heute mit ihrem Stil erfolgreich und werden gebucht. Der Trompeter wollte sich aber nicht auf dem ausruhen, was er bisher erreicht hat und für sich und sein Publikum Neues „er“finden. Das Konzert – wie auch die CD – überzeugt mit einem großen Spektrum unterschiedlicher Stimmungen und wechselnder Dynamik.

„Wir drei haben Uli Beckerhoff vergangenes Jahr bei seinem Combo-Unterricht kennengelernt“, sagt Pianist Richard Brenner (28), Bandleader und Komponist von „Inventrio“. Da hat es offenbar gefunkt. „Die junge Leute inspirieren mich. Mit ihnen kann ich neue Sachen ausprobieren. Und das wollte ich“, sagt Beckerhoff (67).

Die Mischung macht es offenbar: Der Bremer mit seinem ganz eigenen Sound, virtuos, erfahren trifft auf drei energetisch geladene Jungmusiker, die eine ganz eigene Dynamik an den Tag legen, eine eigene Sprache sprechen und ein eigenes Tempo vorlegen. Heraus kommt eine gelungene Kombination an Romantik, Lyrik und Impulsivität, die etwas Magisches an sich hat. Brenner allerdings würde am Flügel sicherlich noch mehr gefallen als am E-Piano. Zumindest entsteht der brennende Wunsch danach.

Die Mischung der Köpfe hat ein New Yorker Label auf jeden Fall sofort davon überzeugt, eine Platte zu machen. Für Deutsche etwas, das selten vorkommt, so Beckerhoff.

Der Bremer überzeugt in Hellwege nicht nur durch seine unschlagbare eigene Virtuosität. Charmant moderiert er den Abend und erzählt zu den einzelnen Werken die Geschichten, die dahinter stecken. Wie bei „Capo d'Orlando“. In diesem Fall würdigt der Profi-Musiker seinen Urlaubsort auf Sizilien mit einem Lied. „Da gibt es traumhafte Sonnenuntergänge. Die sind so kitschig, dass ich mir eine Sonnenbrille aufsetze, einen Beutel mit Eiswürfeln in den Nacken lege und mir jedes Mal schwöre, das ich nicht anfange zu heulen“, sagt Beckerhoff.

Der 67-Jährige wirkt authentisch, gelassen, publikumsnah. Letzteres liebt er: „Hier sind wir so nah dran am Publikum, kommen ins Gespräch. Das ist toll. In der Stadt ist das oft nicht mehr so. Da hat sich viel verändert. Das Angebot ist zu groß geworden“, sagt Beckerhoff.

Vor der Zugabe ertönt „Don‘t throw you heart away“, ebenfalls auf „Heroes“ zu finden. Wegwerfen sollte man sein Herz vielleicht nicht, aber verlieren: An ein großartiges Quartett, an neuen, junge, ehrlichen .

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