„SpielArt“ zeigt „Trüch na‘t Happy End“

Am Anfang das Happy End

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Schwiegermutter Marianne glättet auf dem Standesamt die Wogen. 

Sottrum - Von Heidi Stahl. „Beim Happy End wird jewöhnlich abjeblendt“, wusste schon Kurt Tucholsky in berlinerisch gefärbtem Dialekt. So sah es zunächst auch in dieser Komödie von Autor Frank Pinkus, die von Inske Albers-Willenberger ins Niederdeutsche übertragen wurde, aus. Die Theatergruppe „SpielArt“ zeigte am Freitagabend im Heimathaus Sottrum „Trüch na‘t Happy End“, eine Komödie der besonderen Art.

Nach einem heißen Kuss in der Anfangsszene, dem Happy End auf dem Standesamt, wollten die beiden Hauptdarsteller, Gabriele Brandt (Tina) und Rainer Oetjen (Manfred), das Publikum eigentlich schon nach Hause schicken. Doch dann erzählen sie in acht Erinnerungsszenen, wie es zu diesem glücklichen Ende gekommen ist. Dabei stellt sich heraus, dass Tina viele Dinge ganz anders in Erinnerung hat als Manfred.

Während Manfred sich als strahlender Held und vollkommenen Mann sieht, begreift Tina ihn im Rückblick eher als liebenswerten Trottel und Muttersöhnchen. Anklänge an Loriots „Ödipussi“ sind durchaus gewollt und werden durch den Auftritt der Schwiegermutter Marianne (Inske Albers-Willenberger) nur zu deutlich untermalt. Dargestellt werden diese einzelnen Erlebnisse jeweils einmal aus der Sicht von Tina und einmal so, wie Manfred sie in Erinnerung hat. Dabei bedient sich die Regie des dramaturgischen Werkzeugs der unterschiedlichen, farbigen Ausleuchtung der einzelnen Szenen und eines dauernden Kostümwechsels, was den Schauspielern einiges an Flexibilität abverlangt.

Mutter muss das Happy End retten

Dass das Paar letztendlich zu der Auffassung kommt, dass es gar nicht zusammen passt und das Standesamt eigentlich verlassen sollte, ist nicht verwunderlich. Da muss dann Marianne, Manfreds rigorose und doch so lebenskluge Mutter, eingreifen, um das Happy End, das die Anfangsszene zeigte, doch noch herbei zu führen.

Das Drei-Personen-Stück kommt mit einem mitreißenden Tempo daher und gibt tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Sichtweisen von Männern und Frauen, die eindrucksvoll mit leiser Ironie und ausdrucksstarker Darstellungskunst von den Schauspielern dargeboten wurden.

Dennoch kam es an diesem Premierenabend in einem fast voll besetzten Heimathaus in der zweiten Szene, die das zufällige Zusammentreffen von Tina und Manfred bei einem leichten Autounfall zeigte, zu einem Schreckensmoment für Schauspieler und Zuschauer. Rainer Oetjen, der den Manfred spielte, erlitt einen Schwächeanfall, der zuerst von den Zuschauern gar nicht als solcher wahrgenommen wurde, und die Aufführung musste für 30 Minuten unterbrochen werden. 

Aber „the show must go on“, wie der Regisseur Thomas Willenberger betonte, und nach einer Pause an frischer Luft hatte Oetjen seine Kreislaufprobleme überwunden und setzte seine Darstellung so fort, als wäre gar nichts gewesen. Das ist bezeichnend für diese Schauspielgruppe, die sich mit ungebrochener Leidenschaft ihrer Theaterliebe widmet.

Das zeichnet auch die Vorgeschichte der Truppe aus, der im vergangenen Jahr nach 25-jähriger Spielzeit als „Theater auf dem Flett“ die Mittel vom Landesverband Stade gestrichen worden sind und die damit eigentlich vor dem Aus stand. Sie ließ sich aber nicht unterkriegen und gründete den gemeinnützigen Verein „Theater SpielArt“, suchte sich Sponsoren, schaffte sich eigenes Equipment an und startete bewusst mit einer Komödie, die ihren Optimismus unterstreicht, in die neue Spielzeit.

„Wir wollen innovatives niederdeutsches Theater auf hohem künstlerischen Niveau anbieten, zeigen, dass plattdeutsches Theater nicht zwangsläufig mit Schenkelklopfer-Stücken gleichzusetzen ist und mehr sein kann als Volkstheater, das durchaus auch seine Berechtigung hat. Uns geht es um die ursprüngliche Kraft der niederdeutschen Sprache, die vieles besser und einsichtsvoller ausdrücken kann und einfach nicht verloren gehen darf,“ sagt Regisseur Willenberger. Dass ihnen das mit ihrem ersten Stück als „SpielArt“-Gruppe gelungen ist, zeigte der lang anhaltende Beifall der Zuschauer im Sottrumer Heimathaus.

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