Susanne Leipnitz aus Hellwege ist Buchbinderin

Leidenschaft seit der Kindheit

Susanne Leipnitz lebt nicht nur in ihrem Haus in Hellwege, sie hat dort auch ihre Werkstatt. - Fotos: Diercks

Hellwege - Von Bettina Diercks. Sie liebt, was sie tut. Und das seit ihrer Jugend. Was in einer Arbeitsgemeinschaft in ihrer Schule und auf dem Mittelaltermarkt in Rotenburg begann, entfachte eine Leidenschaft, die bis heute ungebrochen ist: Susanne Leipnitz aus Hellwege ist Buchbinderin. Im Ortsteil Auf der Meente betreibt sie den „Hof 25“.

Wer jetzt glaubt, sie in einem alten muffigen Nebengebäude eines halb verfallenen landwirtschaftliche Betriebes zu finden, der täuscht sich. Ein kleines Holzhaus in blau beherbergt Familie und Werkstatt. Unschwer zu erkennen an der hölzernen Buchpresse, die zumindest meistens vor der Tür steht. Genauso wie das große Schild „Buchbinderei“.

Tochter der früher praktizierenden Ärzte Leipnitz

„Nur wenn ich auf die Mittelalter-Märkte fahre, nehme ich beides mit“, sagt Susanne Leipnitz. Die Buchpresse ist in 20 Minuten ab- und wieder aufgebaut. Wem der Name Leipnitz bekannt vorkommt: Susanne ist die Tochter der früher in Sottrum praktizierenden Ärzte Leipnitz.

Bei den Buchdeckeln kann Susanne Leipnitz ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Ihre Grundschulzeit absolvierte Susanne Leipnitz, Jahrgang 1978, geboren und aufgewachsen in Hellwege, auf der Meente in Ahausen. Später ging es zum Rotenburger Ratsgymnasium. „Ich muss so 15 oder 16 gewesen sein, da habe ich an der AG Buchbinden teilgenommen“, erinnert sich Leipnitz. Danach ließ sie das Thema nicht wieder los. „Ich machte mich immer wieder daran und wollte auch Buchbinderin lernen“, sagt die 38-Jährige. „Doch: Mitte der 90er-Jahre, eine Frau, die einen Handwerksberuf lernen will? Völlig undenkbar. Ich bekam keine Lehrstelle.“ Was heute für Betriebe eher selbstverständlich und Vorschrift ist, war damals unbequem und mit hohen Investitionen verbunden: Wer eine Frau im Handwerk einstellen wollte, brauchte auch damals schon entsprechende sanitäre Einrichtungen.

Leipnitz lernte Rettungsassistentin. „Um zum Ziel zu kommen, habe ich nebenbei immer irgendwie in Buchbindereien gejobbt. Ich habe immer mehr Stunden gerissen, als nötig. Dafür durfte ich abends mit dem Meister etwas machen. Irgendwie war das ein tolle Zeit“, sagt Susanne Leipnitz. Dann verschlug es sie familiär in die USA. „Da habe ich dann Kunstbuchbinderei gelernt. Und mit allem zu brechen, was die traditionelle Buchbinderei lehrt“, berichtet Leipnitz.

Flechtmuster halten Bücher zusammen

Aus Amerika brachte sie daher auch einen Stich zum Buchbinden mit, den die koptischen Christen erfunden hatten. Sie lebten im dritten Jahrhundert in Ägypten. Die koptischen Mönche verbanden Papierlagen und Buchdeckel, indem sie den Heftfaden verschlangen und zu einem besonderen Flechtmuster verbanden. Zu sehen ist diese Arbeit bei Susanne Leipnitz im Atelier. Denn auch sie fertigt noch oder wieder einen Teil ihrer Papierkunstwerke mit diesem Stich. Oder wandelt ihn nach eigener Vorstellung ab.

„In den USA habe ich gelernt, über den Tellerrand zu schauen“, so die Buchbinderin, die Perfektion bei ihrer Arbeit anstrebt. Die umfasst nicht nur das Herstellen von allerlei Zusammenfassen von Papier zwischen zwei Buchdeckeln. Ebenfalls dazu gehört das Restaurieren von – vor allem zum Teil uralter – Bücher, deren Einbände früher mit Gold verziert waren.

Ein Holzschild weist den Weg zur Buchbinderei.

Seit dem 1. Januar 2015 ist Susanne Leipnitz selbstständig. Zu dieser Zeit war sie schon schwanger, im Juni kam Tochter Charlotte zur Welt. „Mit Schonen war nichts“, erinnert sich Leipnitz. Bis zuletzt ist sie zu Mittelaltermärkten gefahren, um ihr kostbares Gut anzubieten. „Das geht, weil dort alle mit anfassen.“ Nach wie vor lautet das Motto der alleinerziehenden Mutter dreier Kinder: „Das geht alles.“ Wenn die Kleine schläft, werkelt Leipnitz in der Werkstatt. Die beiden älteren Söhne sind Vollzeit im Kindergarten und der Schule untergebracht. Wenn es eng wird, springt eine Freundin ein. Dennoch sind Nacht- und Wochenendschichten selbstverständlich für die 38-Jährige. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Jeder ihrer Werke ist ein Unikat

Inspiration holt sie sich nach wie vor oft aus Amerika. „Irgendwann schwappt das alles rüber“, sagt Leipnitz, die oft selbst schöne Ideen für neue Stichsetzungen hat. „Trotzdem bleibe ich mir selbst treu. Auch, wenn ich jedes Jahr versuche eine neue Kollektion herauszubringen.“ Damit meint die Buchbinderin vor allem das Äußere, die Buchdeckel. „Auf denen kann ich mich so richtig austoben.“ Jedes ihrer Werke ist ein Unikat. Keines der Bücher gibt es ein zweites Mal.

Zwar schöpft sie Papier auch selbst, erschwinglicher aber sind Papiere aus Holz- und Baumwolle vom Händler. „Das hängt ja auch vom Budget des einzelnen Kunden ab“, so Leipnitz.

Ein Buch in acht bis zwölf Stunden

Gefragt sind ihre Arbeiten bis nach Südafrika. Egal ob Notiz-, Gäste- oder Hochzeitsbuch. Hinzu kommen Schatullen, Klemmbretter und Ordner. „Ein Buch ist mehr als nur ein Haufen zusammengenähter Seiten. Es ist eine Herausforderung, ein Stück Freiheit und ein Medium zur Entfaltung der eigenen Kreativität“, schwärmt die Handwerkerin. An einem Buch sitzt sie locker acht bis zwölf Stunden, plus Trockenzeit des Leimes. In ihrer Werkstatt, die gleichzeitig Atelier ist, sind Zuschauer willkommen, wenn die Tür offen steht. Für Künstler und Therapeuten bietet sie außerdem Kurse im Buchbinden an.

Und auf einmal erinnert sich Susanne Leipnitz an die persönliche Geburtsstunde ihres Traumberufes: „Die Leidenschaft für Bücher hatte ich von klein auf. Ich konnte gerade lesen Gustav Schwabs Griechische Sagen war Papas gutes Buch. Das war kaputt. Da habe ich es mit Pflaster und Sekundenkleber wieder zusammengeklebt. Das war der Grundstein.“

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