Blickpunkt Stromversorgung

Sottrumer Umspannwerk: Alles ist verbunden

Sottrumer Umspannwerk
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Das Sottrumer Umspanwerk

Vom Sottrumer Umspannwerk aus wird viel Strom in die Region verteilt. Seit den 1950er-Jahren ist die Anlage aktiv - und prägt seitdem ihre Nachbarn.

Sottrum/Hassendorf – Heiß ist es an diesem Tag, Schatten spenden lediglich die großen, mächtig wirkenden Transformatoren und die unzähligen Masten. Sonst ist nicht viel los auf dem Gelände des Sottrumer Umspannwerks. Einige Meter weiter tauscht eine Fachfirma gerade einzelne Komponenten aus – der Strom ist in dem Bereich dafür abgestellt worden.

An allen anderen Plätzen auf der Anlage ist das laute Surren permanent zu hören. Die elektrische Strahlung scheint sich in der Magengegend bemerkbar zu machen – kein Wunder bei der Menge Strom, die jede Sekunde das Umspannwerk durchfließt. Das macht was mit einem.

Seit vielen Jahrzehnten schon steht das Umspannwerk am Rande Sottrums. Jeder, der von Hassendorf aus auf der Bundesstraße fährt, sieht es; die Vielzahl an Freileitungen in der Region deuten es schon von Weitem an. Umspannwerke dieser Größe gibt es nicht an jeder Ecke, und zuletzt wurde häufig immer wieder darüber gesprochen. Die Zeiten, die Anlage generell zu hinterfragen, sind wohl vorbei, dazu hat es sich seit den 1950er-Jahren zu sehr etabliert in der Region.

Anlagenleiter: „Sottrum ist strategisch wichtig.“

Doch es ist ein Knotenpunkt regionaler und überregionaler Stromtrassen – auch für die aktuell viel diskutierte und sich im Ersatzneubau befindlichen Trasse Stade-Landesbergen. Darüber hinaus leitet es nicht nur viel Strom in die Gegend, es prägt sie auf vielfältige Weise.

Was hier genau passiert, kann aus technischer Sicht Eckhardt Raabe noch am besten erklären. Er ist Anlagen- und Servicegruppenleiter beim Betreiber Tennet und überwacht gemeinsam mit seinem Team von Landesbergen aus alle Unternehmensanlagen dieser Art zwischen Stade und Bielefeld. „Sottrum ist strategisch wichtig für uns“, sagt er, „zumal das Werk immer größer geworden ist.“

In gewisser Weise ist das 1957 in Betrieb genommene Umspannwerk wie Sottrum selbst. Allegorien zu diesem doch recht technischen Ort gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft. Raabe vergleicht hier gerne alles mit einem allzu bekannten Netz aus dem täglichen Leben: mit Straßen.

Da gibt es die großen 380-Kilovolt-Leitungen, die – wie die nahe Autobahn 1 den Verkehr – den Strom überregional verteilen, die nächstkleineren 220-Kilovolt-Leitungen sind in diesem Vergleich die Bundesstraße direkt nebenan vorbeiführende Bundesstraße für die Region und die 110-Kilovolt-Leitungen – von Sottrum aus übrigens von Regionalversorger Avacon und nicht von Tennet betrieben – für den lokalen Anschluss, die Landesstraßen. Wer will, kann die 30-Kilovolt-Leitung als Betriebsweg hinnehmen, denn sie ist nur für die Anlage selbst gedacht. Das Umspannwerk verbindet alle miteinander.

Sottrum als Drehkreuz

Wie der Name schon sagt, werden im Umspannwerk alle Leitungen sozusagen umgespannt, so Raabe. Vereinfacht geht es darum, die stärkeren Leitungen für den Hausgebrauch umzuwandeln. Auf der anderen Seite wird der Strom, beispielsweise aus dem nahen Windpark in Hassendorf, hier in das Netz eingespeist.

Das sei laut der Referentin für Bürgerbeteiligung bei Tennet, Renate Gaus, ganz anders als bei der geplanten Stromautobahn „SuedLink“, die die Offshore-Windparks im Norden mit denen im Süden Deutschlands verbindet. Im Gegensatz zum Wechselstrom leitenden Umspannwerk führe diese nämlich Gleichstrom. Bleibt man im Straßenbild, ist das Umspannwerk ein Autobahn-Anschluss unter mehreren. „SuedLink“ dagegen hat nur eine Auffahrt im Norden und eine Abfahrt im Süden.

Das Sottrumer Umspannwerk

Doch was passiert neben der Straße? Das Umspannwerk ist ein Nachbar mit direktem Einfluss auf die beiden umliegenden Gemeinden Sottrum und Hassendorf – nicht nur, weil es sie mit Strom versorgt. Gerade in den Bereichen südlich der Bundesstraße fallen die Freileitungen direkt über den Wohngebieten auf, aus heutiger Sicht ein wenig befremdlich. Und aus Sicht vieler Menschen birgt das außerdem Gesundheitsrisiken.

Hans-Jürgen Krahn, CDU-Bürgermeister in Sottrum, fragt sich, ob man es heute noch genauso machen würde. Vermutlich nicht, meint er. „Die Zeiten haben sich geändert.“ Keiner würde heute noch ein Wohngebiet unter einer Freileitung ausweisen.

Gehemmte Ortsentwicklung

Das hat Konsequenzen für die Ortsentwicklung. Baugebiete im Osten Sottrums in Richtung Hassendorf sind durch das Umspannwerk kaum möglich. Vielleicht ist ein Gewerbegebiet noch denkbar. „Natürlich kann man unter Freileitungen bauen, aber will man das?“, fragt Krahn. Ortsentwicklung hat die Wieste-Gemeinde zuletzt an anderen Orten betrieben. Sei es am Dannert im Westen oder in wenigen Jahren im Norden Richtung Clüversborstel.

Wo heute im Süden des Dorfes Sottrumer leben, war, als das Umspannwerk kam, noch grüne Wiese. Der neue Nachbar war willkommen und galt damals sogar als Errungenschaft. „Man hat stark dafür gekämpft“, so Bürgermeister Krahn. Und wenn die Meinungen heute anders sind, verurteilen will er es nicht. Schließlich sei es lange Zeit ein wichtiger Arbeitgeber gewesen, und es ist heute noch ein wichtiger Steuerzahler. Durch die Gewerbesteuer fließe viel Geld in die Kasse.

In Hassendorf, auf dessen Gebiet fast die Hälfte des Werksgeländes liegt, ist das Umspannwerk sogar der größte Steuerzahler. Das berichtet der SPD-Bürgermeister dort, Klaus Dreyer. Alle fünf Jahre käme eine halbe Million Euro zusammen.

Für die kleine Gemeinde seien das erhebliche Beträge, weshalb sie ein großes finanzielles Interesse am Umspannwerk habe. Natürlich schränke es wie in Sottrum die Wohnbebauung ein. Aber in Hassendorf sind Wachstumsbestrebungen auch deutlich geringer ausgeprägt. Da denkt Dreyer pragmatisch.

Anlage wächst

Auf dem Werksgelände steht Tennet-Servicegruppenleiter Eckhardt Raabe indes draußen und beobachtet die Wartungsarbeiten. Nun hebt er seine Hand und zeigt in östliche Richtung. Dort kommen die 380-Kilovolt-Leitungen beim Umspannwerk an, im Norden die 220-Kilovolt-Leitungen. „Die Altanlage sozusagen“, sagt Raabe. Über die Jahrzehnte ist das Umspannwerk immer wieder erweitert worden.

Im Süden spannt der Regionalversorger Avacon um, alles ist mit sogenannten Sammelschienen miteinander verbunden, die Umspannung an sich übernehmen die großen Transformatoren. Der große Funkturm neben dem Hauptgebäude ist einer der höchsten Gebäude der Samtgemeinde, seine Funktion, die Kommunikation mit anderen Anlagen, übernimmt heute ein Tennet-eigenes Glasfasernetz – „ohne Gastnutzung“, so Renate Gaus. Es wäre auch zu unsicher.

Das Sottrumer Umspannwerk

Die Stabilität des Stromnetzes wird indes über eine sogenannte N-minus-1-Sicherheit gewährleistet. Im Prinzip gibt es deswegen jede Komponente doppelt – wie auch in allen anderen Bereichen des bundesweiten Stromnetzes, beispielsweise an den Freileitungsmasten.

Zwar sind alle Einzelteile am Betrieb beteiligt, dürfen aber nur eine maximale Auslastung von 50 Prozent haben. Wird der Normalzustand N durch einen Ausfall einer Komponente gestört, kann das Gegenstück den Betrieb aufrecht erhalten – bis Raabes Team anrückt, um sich um den Schaden zu kümmern. Das muss Tennet gesetzlich garantieren, sagt Renate Gaus. „Das gilt für wirklich jede Komponente.“ Deswegen gebe es in Deutschland auch so wenige Stromausfälle.

Überwachung „rund um die Uhr“

Das Team von Anlagenleiter Raabe kommt ansonsten etwa alle vier Wochen vorbei, um den Tennet-Teil des Werks dahingehend zu überprüfen, ob alles richtig läuft. Ansonsten herrscht auf dem Gelände so gut wie keine Betriebsamkeit, gesteuert wird die zuständige Servicegruppe aus Landesbergen. Raabe: „Rund um die Uhr wird überwacht.“ Temperatur, Lastfluss oder auch Überlastung. Ist die Spannung zu hoch? Muss die Bereitschaft sofort raus, oder hat es bis morgen Zeit?

Das seien Fragen, die sich dann stellen. Früher gab es in Sottrum auch eine sogenannte Schaltzentrale, doch jetzt wird alles zentral von Lehrte bei Hannover aus gesteuert. Eine kleine Vor-Ort-Zentrale, vornehmlich bei Wartungsarbeiten im Einsatz, gibt es aber immer noch. Heute gibt es im Hauptgebäude außerdem Schulungsräume für die Tennet-Techniker.

Sottrum sei schon immer ein wichtiger Punkt gewesen, glaubt Raabe. Nicht nur für die Tennet, die die Anlage 2009 übernommen hat. Die 380-Kilovolt-Leitung war schon immer hier, sie verbindet Hamburg und Frankfurt am Main miteinander. Mit dem Ersatzneubau und der Ertüchtigung der Trasse Stade-Landesbergen von 220 auf ebenfalls 380 Kilovolt wird die überregionale Bedeutung wohl weiter zunehmen. Doch bis dahin wird noch so einiger Strom durch die Leitungen des Sottrumer Umspannwerkes fließen.

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