INTERVIEW Stadtplaner Ulrich Berding über „Sottrum 2030“

„Sottrum muss sich positionieren“

Blick auf die Große Straße in Sottrum. Ideen für die Zukunft des Ortskernbereichs und darüber hinaus entstehen derzeit in Hannover. Fotos: Röhrs/plan zwei

Sottrum/Hannover - Von Matthias Röhrs. Gewissermaßen auf der Suche nach sich selbst ist Sottrum. Ortsentwicklung und modernes Leben sind Stichworte, die auch den Wieste-Ort umtreiben. Hilfe kommt aus Hannover, wo Dr. Ulrich Berding und sein Team vom Büro „plan zwei“ derzeit ausarbeiten, wie Sottrum im Jahre 2030 aussehen könnte. Im Interview spricht er über diese Aufgabe, den Ist-Zustand der Gemeinde, Visionen und natürlich über die Zukunft.

Herr Berding, zunächst mal generell: Was machen Sie eigentlich gerade für die Gemeinde Sottrum?

Unser Auftrag ist, ein Entwicklungskonzept „Sottrum 2030“ zu erarbeiten. Dabei geht es darum, Perspektiven für die Zukunft der Gemeinde zu formulieren. Im Augenblick sind wir dabei, mit allen wichtigen Akteuren vor Ort Interviews zu führen, um unterschiedliche Einschätzungen, Meinungen und Gedanken zur aktuellen Situation in Sottrum zu erfahren und zu hören, wie Sottrum sich in Zukunft weiterentwickeln sollte.

Welche Akteure sind das?

Wir haben da ein ganz breites Spektrum – beispielsweise Vereine, Kirche oder der Seniorenbeirat. Es hat zwar seine Vorteile „von außen“ zu kommen und unvoreingenommen zu sein. Aber wir brauchen natürlich auch die Insiderperspektiven. Vom Sozialen bis zum Naturschutz ist es uns wichtig, Sottrum wirklich gut zu verstehen.

Ist Sottrum lebenswert?

Auf jeden Fall. Das haben wir auch in den Gesprächen gehört, dass Sottrum als lebenswert empfunden wird. Das soll aber nicht heißen, dass alles perfekt ist. Aber es ist generell eine Gemeinde, in der man gut und gerne lebt.

Wozu braucht man Sie dann noch? Was fehlt in Sottrum?

Es ist ja die Frage, wie sich zum Beispiel die Siedlungsentwicklung weiter gestalten soll. Wie und wo ist Gewerbe sinnvoll? Und wie kann man Sottrum in der sich wandelnden Gesamtsituation in Deutschland und letztendlich in der ganzen Welt zukunftsfähig machen? Da muss man darüber nachdenken, wie Wohnen, Leben und Arbeiten in der Zukunft aussehen. Sind zum Beispiel die Wohnmodelle, die es jetzt mehrheitlich in Sottrum gibt, weiterhin gut und auch gefragt? Da muss sich Sottrum jetzt positionieren.

Gibt es eine Blaupause für Gemeinden dieser Größe?

Es gibt typische Probleme und typische Qualitäten in bestimmten Gemeindekategorien. Aber allgemeine Konzepte und Blaupausen gibt es nicht. Man muss nicht überall das Rad neu erfinden, aber man kann auch keine Patentrezepte einfach auf jede Gemeinde und auch auf Sottrum anwenden.

Würden Sie sich selbst als visionär bezeichnen?

Also visionär sollte man nicht sein – sondern zukunftsorientiert und kreativ. Wenn das Ergebnis dann visionär ist, dann bitte mit beiden Beinen auf dem Boden. Visionäre Konzepte, die den Kontakt zur Realität verloren haben, sind am Ende doch eher die bunten Papiertiger und nicht das, was eine Gemeinde wie Sottrum am Ende für die Zukunft tatsächlich anwenden kann.

Was sind typische Probleme und Qualitäten für Gemeinden wie Sottrum?

Fangen wir mal mit den Qualitäten an: Viele Gemeinden wie auch Sottrum sind prosperierend und befinden sich im Wachstum, sind aber gleichzeitig eben nicht hochurban. Es gibt die Qualitäten von sozialer Integration, von Zusammenhalt und von Gemeinschaftlichkeit, gepaart mit Qualitäten, die sich zum Beispiel durch die Landschaft oder die kurzen Wege, die man im Alltag hat, ergeben. Da ist ebenfalls das Thema der Identifikation mit seiner Heimat oder seinem Lebensort ganz wichtig. Das ergibt sich alles durch eine Lage abseits der urbanen Hochverdichtung.

Und was sind typische Probleme?

Siedlungsentwicklung ist in wachsenden Gemeinden ein typisches Problem – gerade in den Fragen „Wohin?“ und „In welcher Form?“. Will man nach innen wachsen? Kann man überhaupt noch nach innen wachsen? Soll man weiter nach außen wachsen, was Verkehr erzeugt und Ortsteile immer weiter abhängen kann? Umtreiben tut auch das Thema der Anbindung, gerade mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder die gewerbliche Entwicklung. Und ganz wichtig ist wieder die Frage der Identität und wie man diese in die Zukunft bringt: Also Sottrum bleibt Sottrum, aber Sottrum ist nicht gleich Sottrum von früher.

Wie kann man die Identifikation mit dem Lebensort begünstigen – beispielsweise gegenüber Zuziehende aus einer Großstadt wie Bremen? Man will ja nicht zu einem Pendlervorort verkommen.

Das ist sicherlich auch eine Herausforderung für Sottrum. Da sind wir wieder bei der Frage nach Patentrezepten: Es ist für Sottrum eine wichtige Aufgabe, den Ort und die Angebote im Ort zeitgemäß zu gestalten. Vielleicht hat man früher durch ein starkes Vereinsleben Gemeinschaft herstellen können. Aber jüngere Generationen identifizieren sich heute nicht mehr über die Mitgliedschaft beispielsweise in einem Schützenverein. Die brauchen und suchen gemeinsame Anlässe, aktiv zu werden und sich zu treffen. Ob es eher Feste oder die Gestaltung eines gemeinschaftlichen Ortes ist, muss man sehen. Es müssen aber Anlässe zum gemeinsamen Tun und gemeinsamen Austausch geschaffen werden.

Darf sich eine Gemeinde in Sottrum noch auf ihre ländlichen Wurzeln besinnen oder hemmt das nur die Entwicklung? Ist jetzt ein eher städtisches Denken angesagt?

Das klingt immer so schwarz-weiß – entweder oder. Eine reine Rückbesinnung auf die ländlichen Qualitäten, etwa auf die Tradition der landwirtschaftlichen Entwicklung, ist sicher falsch. Aber natürlich gehört das zur Identität Sottrums und es wäre doch fatal, das zu vergessen. Hinter diesem Schwarz-weiß wird es wohl so sein, dass Sottrum sich entwickelt, wie man es von Stadtteilen kennt. Zum Beispiel in Sachen Wohnvielfalt, dass man nicht nur Einfamilienhäuser, sondern diversifizierte Angebote für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen hat. Das hat dann schon etwas sehr Städtisches, ist aber für eine Gemeinde wie Sottrum nicht falsch – im Gegenteil.

Bis zu welchem Grad kann man das alles unter einen Hut bringen? Ab wann wird es kompliziert?

Es ist kompliziert! Wer sozusagen eine einfache Wahrheit hat und sagt, so geht es und so nicht, der verkürzt auf falsche Weise. Es sind immer komplexe Abwägungen und Überlegungen, was unter welchen Umständen passiert. Nur weil wir diese oder jene Baustruktur einzeichnen, weil wir sie für sinnvoll erachten, heißt das noch lange nicht, dass sie dann auch so entstehen wird. Es sind Prozesse, die auch die privaten Akteure maßgeblich mitgestalten müssen. Die Gemeinde formuliert letztendlich das Baurecht und gibt die Planungsrichtung vor, aber damit sich ein Gewerbegebiet ansiedelt oder ein Wohngebiet entsteht, braucht man eben die Privaten, die dort investieren oder leben wollen.

Welche Rolle spielt Ihr Büro dabei?

Die Rolle unseres Büros definiert sich dadurch, welches Produkt am Ende entsteht. Und das ist kein verbindlicher, rechtskräftiger Plan, sondern wir befinden uns auf der informellen Planungsebene. Alles, was wir als Konzept und an Leitbildern formulieren, hat empfehlenden Charakter. Wir machen eher den Kompass für die Entwicklung und geben eine gute Karte mit, mit der man navigieren kann. Aber wo das Schiff dann wirklich hinfährt, bestimmen die entscheidenden Akteure in Politik, Verwaltung und Dorfgesellschaft.

Der Lokalpolitik in Sottrum wirft man vor, in Sachen Ortsplanung nicht schnell genug zu arbeiten. Man hat den Eindruck, dass sie abwartet. Ist dieses Abwarten ein Fehler?

Einfach nur abwarten, dass es irgendwie besser wird, ist sicher keine aktive Gemeindeentwicklung. Dass ein Investor abgesprungen ist, hatte, wie ich es verstanden habe, Gründe, die nicht ausschließlich die Schuld der Gemeinde waren. Nichtsdestotrotz ist es gut, dass man erst ein Konzept hat – also „Sottrum 2030“ –, wo viele Richtungsmöglichkeiten schonmal vorformuliert sind, um dann Entscheidungen leichter treffen zu können. Dann ist man vorbereitet und kann schnell reagieren. Jetzt in einem Jahr muss man wohl nicht mehr überlegen, was richtig ist, weil das aus dem Konzept schon hervorgeht.

Wie wird Sottrum im Jahr 2030 aussehen?

Das ist eine gute Frage (lacht). Ich glaube, Sottrum hat gute Aussichten, sich zu einer lebendigen und vielfältigen Gemeinde zu entwickeln. Sottrum wird 2030 sozial stärker differenziert sein als jetzt. Sottrum wird im Laufe der nächsten zehn bis 15 Jahre gewachsen sein. Und meine Hoffnung ist, dass man in Sottrum anders mobil ist und anders mobil sein kann. Ein Anliegen ist, weniger das eigene Auto, sondern mehr alternativ andere Verkehrsmittel, die genauso gut funktionieren, zu nutzen.

Wann werden Sie das Konzept vorlegen?

Wir werden das fertige Konzept im Frühjahr nächsten Jahres vorlegen und werden auf dem Weg dorthin noch einige Bausteine haben, die in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Wir werden jetzt nicht im April plötzlich das Konzept vorlegen, sondern werden einen Prozess gestalten, der auch die Gemeindeöffentlichkeit einbinden soll.

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