Über die Zukunft des Ehrenamts bei den Freiwilligen Feuerwehren

Interview mit dem Sottrumer Gemeindebrandmeister Björn Becker

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Da Gemeindebrandmeister Björn Becker seine komplette Ausrüstung im Auto hat, kann er von jedem Ort zum Einsatz starten.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Ohne Ehrenamt gibt es keine Freiwillige Feuerwehr. Allerdings sind bereits seit Jahren immer weniger Menschen dazu bereit, den Brandschützern beizutreten. Das ist auch in Sottrum der Fall. Akut ist die Lage noch nicht, so Gemeindebrandmeister Björn Becker, der aber trotzdem vor den Konsequenzen warnt. Im Interview spricht er über die Gründe des Mitgliederschwunds und über mögliche Wege, diesen wieder aufzuhalten.

Herr Becker, in der Feuerwehrplanung 2025 betonen Sie und die dahinterstehende Arbeitsgruppe oft, dass es ohne Ehrenamtliche keine Feuerwehr mehr gebe. Tatsächlich sind die Mitgliederzahlen in der Regel rückläufig. Aber ist das auch alarmierend?

Björn Becker: Das ist es teilweise. Aktuell bestehen bei uns noch keine akuten Probleme. Auf die Zeit gesehen gilt es hier aber, ein Augenmerk drauf zu haben und das Ehrenamt Feuerwehr attraktiver zu gestalten. Letztlich muss sich auch jeder Bürger fragen, was er bereit ist zu tun, damit das System der Freiwilligen Feuerwehr erhalten werden kann. Früher, wenn man das so sagen will, war es einfach üblich, dass aus jedem Haus mindestens einer in der Feuerwehr ist. Es kann ja schließlich auch mal um die eigene Existenz gehen. Die Zeiten sind leider inzwischen vorbei.

In der Planung heißt es außerdem, dass Werbemaßnahmen erfolglos geblieben sind. Welche Lehren zieht die Feuerwehr jetzt daraus?

Becker: Dass es scheinbar unmodern geworden ist, anderen zu helfen, ohne dafür etwas zu bekommen. Wenngleich jeder heutzutage seinen Anspruch auf Hilfe kennt, sind es prozentual sehr wenige, die bereit sind, diese Hilfe zu leisten. Wenn es zu einem Einsatz kommt, sind viele Menschen sehr schnell vor Ort – zum Gucken. Wäre ein Teil davon in der Feuerwehr, hätten wir weniger Probleme, denn zu Hause sind diese Menschen ja anscheinend. Auch beispielsweise Schichtarbeiter und Hausfrauen sind gern gesehen bei uns. Wir brauchen jeden, um jedem helfen zu können, wenn er in Not ist.

Welche Ausreden gibt es?

Becker: Oft hört man: „Ich habe dafür keine Zeit.“ Wenn ich aber Überblicke, wer alles Mitglied ist, sag ich mir immer: Andere kriegen das auch unter einen Hut. Man sollte sich wenigstens die Zeit nehmen, mal bei seiner örtlichen Feuerwehr vorbeizuschauen, Probedienste machen und es einfach mal ausprobieren. Was man nicht ausprobiert hat, kann man auch nicht beurteilen. Es gibt so viele Aufgaben, da ist eigentlich für jeden etwas dabei. Und glauben Sie mir, es ist ein gutes Gefühl, jemandem in Not helfen zu können. Ich selbst bin auch erst mit 22 Jahren zur Feuerwehr gekommen. Erst mal schnuppern, mal gucken . Aber dann hat mich das Fieber gepackt und es macht auch nach 19 Jahren immer noch Spaß.

Warum bleiben nur wenige Jugendliche als Erwachsene bei der Feuerwehr?

Becker: Das hat viele Gründe: Einstieg in die Ausbildung, Studium an anderem Ort und ein reichhaltiges Freizeitangebot, das sich – zugegeben – sehr viel besser planen lässt als Feuerwehreinsätze. Wobei diese ja nur einen eher geringeren Anteil der Zeit ausmachen als die Übungsdienste. Übrigens ist die Feuerwehr auch für Neubürger ein guter Ort, wenn man Anschluss sucht. Aus der Feuerwehr sind schon etliche Freundschaften hervorgegangen. Ich rede da auch aus eigener Erfahrung.

Es fällt schwer zu glauben, dass sie alle als junge Erwachsene wegziehen ...

Becker: Nicht alle, aber einige. Es kommen aber auch welche zurück, die einmal in der Feuerwehr waren. Beispielsweise, wenn sie ihr Studium oder ihre Ausbildung abgeschlossen haben.

Müssen Arbeitgeber mehr in die Pflicht genommen werden, dass sie eine Mitgliedschaft in der Feuerwehr offener befürworten?

Becker: Das wäre schön, aber aus freien Stücken. Die Gesetzeslage dazu ist eindeutig. Der Spagat gerade in kleineren Unternehmen ist doch teilweise recht groß, gerade wenn Großeinsätze laufen. Da stehen Interessen des Arbeitgebers denen der Kommune gegenüber. Der einzige Punkt, bei dem ein Arbeitgeber eventuell Einbußen hat, ist der, das, im Einsatzfall die Arbeitskraft nicht zur Verfügung steht. Die Lohnkosten werden ersetzt. Jedoch hat man mit einem Feuerwehrmitglied im Betrieb auch Vorteile, beispielsweise einen Brandschutzhelfer. Überhaupt bietet die Einstellung eines Feuerwehrmitgliedes oftmals Vorteile. Soziale Kompetenz, Teamfähigkeit und die Fähigkeit, sich unterzuordnen sind nur einige Punkte die Feuerwehrfrauen und -männer kennen und mitbringen.

Wie sieht die Vereinbarkeit von Beruf und Feuerwehr eigentlich in der Realität aus?

Becker: Wir sind in Sottrum, was die Arbeitgeber betrifft, gut aufgestellt. Die lassen ihre Leute ziehen, und das weniger aus dem Grund der Rechtslage, sondern vielmehr aus dem Verständnis heraus, dass es notwendig ist. Und unsere Leute verfügen über das nötige Fingerspitzengefühl abzuwägen, wann es vielleicht auch einfach mal nicht geht. Aber wenn es um Menschenleben geht, ist das Verständnis sehr groß.

Sie bringen die Idee einer Tagesfeuerwehr ins Spiel: Würden Sie das Konzept bitte erläutern?

Becker: In der Tagesfeuerwehr können Einsatzkräfte dort, wo sie arbeiten, die örtliche Wehr tagsüber unterstützen, wenn der Arbeitsort nicht gleich Wohnort ist. Das bringt für das Feuerwehrmitglied jedoch auch Pflichten mit sich, beispielsweise an den Übungsdiensten der Tagesfeuerwehr teilzunehmen, um die Abläufe zu kennen und sich mit dem Gerät vertraut zu machen. Sie ist bereits eingeführt und auch im niedersächsischen Brandschutzgesetz geregelt. Nur, wie eben gesagt, bringt sie zusätzliche Stunden in der Freizeit mit sich. In der Samtgemeinde praktizieren wir das Verfahren schon seit Jahren erfolgreich. Auch dank der Arbeitgeber, die ihre Mitarbeiter dann gehen lassen.

Nun hat ja nicht nur die Samtgemeinde Sottrum das Problem mit dem Ehrenamt. Wie lösen anderen Kommunen das Problem?

Becker: Wenn es dazu eine Patentlösung gäbe, hätten diese bereits alle übernommen. Auch die Größe der Orte hat hier sicherlich Einfluss, ob es anonymer zugeht oder nicht. Im Prinzip hofft man manchmal auch, dass eine Aktion Früchte trägt, auch wenn andere damit schon mal gescheitert sind.

Muss man vielleicht regionaler zusammenarbeiten? Bis zu einem bestimmten Punkt könnten Kommunen ja auch gemeinsam eine Berufsfeuerwehr gründen.

Becker: Die regionale Zusammenarbeit wird bereits praktiziert. Das Thema Berufsfeuerwehr hat viele Seiten, ist aber im ländlichen Bereich aufgrund der Weitläufigkeit weder praktikabel noch finanzierbar.

Hat das Ehrenamt überhaupt noch eine Zukunft im Feuerwehrwesen?

Becker: Ein klares Ja. Auch mit Berufsfeuerwehren lässt sich nicht alles abdecken. Wenn wir beispielsweise nach Bremen blicken, dort gibt es zusätzlich zur Berufsfeuerwehr noch 19 Freiwillige Feuerwehren. Auch Berufsfeuerwehren können größere Einsätze kaum alleine bewältigen. Ohne die Freiwilligen geht es nicht. Wir müssen uns nicht nach Alternativen umsehen. Für unsere Bereiche ist die Freiwillige Feuerwehr alternativlos. Vielmehr sollten sich die Bewohner eines jeden Ortes einfach mal auf den Weg zu ihrer örtlichen Feuerwehr machen. Mal gucken, reden, mitmachen. Das sind alles Menschen wie du und ich, die sich über jeden Interessierten freuen. Ich will einfach nicht glauben, dass das nicht möglich ist. Früher wurden die Pflichtfeuerwehren abgeschafft, weil man mit deren Arbeit unzufrieden war, und es wurden Freiwillige Feuerwehren gegründet. Um professionelle Hilfe leisten zu können bei seinen Nachbarn, Freunden, Bekannten und bei den Mitmenschen im Ort oder im Nachbarort. Ich frage mich, wo dieser Grundgedanke geblieben ist. Sind wir wirklich in einer Gesellschaft angekommen, in der es immer weniger Menschen interessiert?

Weitere Informationen zu den Sottrumer Feuerwehren sowie Kontaktdaten der Ortsbrandmeister online unter www.sottrum.de.

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