Nach Schließung im Sommer

Ein neuer Tafel-Standort in Sottrum ist nicht in Sicht

Drei Personen stehen um grüne Kisten, in denen sich Obst befindet.
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Ein Bild aus besseren Zeiten: Nach zwölf Jahren muss die Sottrumer Ausgabestelle der Tafel schließen. Es ist offen, ob und wie eine Neue aufgebaut werden kann.

Seit dem vergangenen Sommer muss Sottrum ohne Tafel-Ausgabestelle auskommen. Eigentlich wollte man schnell einen neuen Standort finden, doch das ist nicht einfach. Es gibt kaum bezahlbare Flächen für eine deratige Einrichtung – und zu wenig Ehrenamtler.

Sottrum – Seit dem vergangenen Sommer ist das alte Panorama-Hotel neben der Tankstelle verwaist. Über viele Jahre hinweg war dort an der Bremer Straße die Heimat der Sottrumer Tafel. Ein Anziehungspunkt für diejenigen aus der Samtgemeinde, die genau auf ihre Ausgaben schauen müssen, weil sie wenig haben. Doch die Sottrumer Tafel gibt es nicht mehr. Zu wenig Ehrenamtliche haben sich engagiert, und auch der Standort selbst entsprach nicht mehr den Anforderungen.

Zum Ende hin musste die nun ehemalige Chefin dieser Außenstelle der Rotenburger Tafel, Brigitte Mintenbeck, mehr oder weniger alles alleine wuppen. Eigentlich wollte man schnell einen neuen Standort in Sottrum eröffnen, hatte der Vorsitzende Hero Feenders noch im Sommer kurz nach der Schließung erklärt. Aber man wird noch ein wenig warten müssen. „Im Augenblick ist nichts in Bewegung“, so Feenders auf Nachfrage.

Tafel-Kunden weichen nach Rotenburg aus - teilweise

Wer die Tafel braucht, muss sich in Geduld üben oder nach Rotenburg ausweichen. Immerhin ist das Fehlen der Sottrumer Außenstelle mittlerweile in der Politik aufgefallen. Der Samtgemeinde-Sozialausschuss hat auf Betreiben von Peter Ströhschän (SPD) und Sünje Loës (Die Linke) 2 500 Euro Unterstützung im Haushalt 2022 verankert, sollte die Tafel irgendwann mal nach Sottrum zurückkehren. „Damit was da ist, wenn sich die Situation ergibt“, hieß es während der Sitzung.

Für Feenders ein Signal, dass die politisch Verantwortlichen die Notwendigkeit der Tafel erkannt haben. Doch diese 2 500 Euro sind ohne den noch ausstehenden Haushaltsbeschluss des Rates nicht in trockenen Tüchern. Und das eigentliche Problem bleibt. Damit ist immer noch kein Personal da – und auch kein geeigneter Raum.

Brigitte Mintenbeck hat sich aus diesem Ehrenamt, für das sie 2020 noch die niedersächsische Medaille für Verdienste um den Nächsten erhalten hatte, zurückgezogen. In Sottrum ist niemand mehr übrig, der sich kümmern möchte – oder zumindest in ausreichender Zahl. Schon Mintenbeck hat immer wieder auch öffentlich um Hilfe gerufen. Und auch Feenders muss nach einem halben Jahr nach der Schließung feststellen: „In Sottrum hat sich niemand dazu geäußert.“ Man sei nach wie vor auf der Suche nach einem Team, mit dem eine Zusammenarbeit möglich ist.

Einzelne haben keine Chance, nach Rotenburg zu kommen.

Hero Feenders

Die Sottrumer Kundinnen und Kunden der Tafel weichen teilweise nun auf den Standort Rotenburg aus. Wie viele es sind, kann Feenders nicht beziffern. Er bestätigt aber, dass einige aus Sottrum nun abgehängt sind von diesem Angebot, günstig an Lebensmittel zu kommen. Wer schon auf die Tafel angewiesen ist, kann sich die Fahrt in die Kreisstadt vielleicht nicht leisten. „Einzelne haben keine Chance, nach Rotenburg zu kommen.“

Sottrums Erste Samtgemeinderätin Kerstin Wendt räumt ein: Das Thema ist durch die Wahlen und Corona in den Hintergrund gerückt. Seit kurz nach der Schließung habe es keine Gespräche mehr gegeben. Sie habe aber ausgemacht, dass die Politik „das Thema nochmal bewegen wolle“. Auch die Samtgemeinde-Verwaltung sichert Unterstützung zu, sollte es wieder Pläne für eine Wiedereröffnung des Standortes geben. Zudem wolle man im neuen Jahr nochmal das Gespräch mit den Vertretern der Rotenburger Tafel suchen.

Mieten sind zu hoch

Der Tafel-Vorstand bekennt sich seinerseits zum Standort Sottrum. „Wenn wir was Interessantes finden, dann machen wir das“, so Feenders. Aus Rotenburg gebe es dann Hilfe und Unterstützung beim Aufbau einer neuen Außenstelle. Doch da tut sich das nächste große Problem auf: Wo soll sie hin? Der alte Platz im alten Panorama-Hotel ist weg, der Mietvertrag ist gekündigt und zuletzt war es auch aus hygienischen Gründen problematisch gewesen. In Sottrum gibt es laut Feenders kaum geeignete Immobilien für die Tafel. Und wenn doch, sind die Mieten „exorbitant hoch“. Ein ehrenamtlicher Verein wie die Tafel könne das nicht finanzieren.

Anfang 2009 hatte die Sottrumer Ausgabestelle der Rotenburger Tafel ihre Türen im „Venezia Markt“ geöffnet, zwei Stationen, erst im ehemaligen Lidl-Markt, dann im ehemaligen Panorama-Hotel an der Bremer Straße. Nach zwölf Jahren gingen die Lichter aus. Schon in den vergangenen Jahren hatte sich die Raumfrage als Problem entpuppt. Feenders spricht von „extremen Schwierigkeiten“. Es bedarf an ausreichend Lagerflächen, die Räume müssen barrierefrei und leicht zugänglich sein.

Und wie geht es weiter? Feenders sieht den Ball auf der Sottrumer Seite. Man könne nicht hinfahren, sich umgucken und Leute suchen. „Das muss aus der Kommune kommen.“

Kommentar: Es geht um mehr als Lebensmittel

Soziale Einrichtungen wie die Tafeln leisten einen großen Dienst. Wer sich als alleinerziehendes Elternteil schon die Schulutensilien für seine Kinder eigentlich nicht leisten kann oder eine sehr geringe Rente bezieht, ist froh über jedes günstige Lebensmittel. Aber wie günstig kann ein Lebensmittel noch sein, wenn man dafür ganz nach Rotenburg fahren muss, weil die Tafel vor Ort geschlossen ist? Benzin kostet schließlich, und es ist in dieser Zeit zudem auch noch besonders teuer – sofern man denn überhaupt einen Führerschein hat. Mehrere Dutzend Kundinnen und Kunden hat die Sottrumer Tafel zum Zeitpunkt ihrer Schließung gehabt. Wie viele seit dem vom Angebot abgehängt wurden, lässt sich nicht beziffern. Aber es sind grundsätzlich zu viele.

Die mehreren Dutzend Kundinnen und Kunden erscheinen wenig, wenn man bedenkt, dass 24 Prozent der deutschen Bevölkerung laut dem Statistischen Bundesamt von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind. Das ist eigentlich nur schwer vorzustellen. Armut findet allerdings häufig im Verborgenen statt, weil sie von den anderen 76 Prozent größtenteils nicht wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden möchte. Armut wird schnell marginalisiert.

Deswegen ist eine Tafel in der Mitte der Ortsbevölkerung so wichtig. Nicht nur als Dienst an jene, die sie tatsächlich brauchen, sondern auch als Erinnerung: Armut ist auch in diesem Land ein großes Problem.

Man darf die Betroffenen nicht vergessen, man muss stattdessen verhindern, dass sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Hier geht es nicht mehr nur um das Wegbrechen einer wichtigen sozialen Einrichtung in Sottrum, hier geht es auch um Sichtbarkeit von Menschen. Matthias Röhrs

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