„Theater auf dem Flett“ bricht zum 25. Jubilläum mit traditionellen Gewohnheiten

Shakespeare auf Plattdeutsch

Mit seiner Hommage an Meister William Shakespeare gelang dem Ensemble eine bemerkenswerte Inszenierung. - Foto: Stahl

Sottrum - Dass klassische Lyrik und ein existentialistisches Drama auch in niederdeutscher Sprache bravourös umgesetzt werden können, erlebte am Freitagabend das Publikum im Sottrumer Heimathaus. Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens brachte das „Theater auf dem Flett“ des Landschaftverbandes Stade Shakespeare auf die Bühnenbretter – ein gelungener Bruch mit der traditionellen Vorstellung von plattdeutschem Laienspiel.

Eine Uraufführung der Sonette von William Shakespeare „in’t plattdüütsche oewerdragen“ von Renate Wüstenberg bildete den ersten Teil des außergewöhnlichen Theaterabends und führte in die Welt des meistgespielten englischen Dramatikers, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährt. „Shakespeare un de Leevde“ nennt der Spielleiter und Regisseur Thomas Willenberger seine Auswahl aus den 154 Sonetten, die Shakespeare hinterlassen hat.

In historischen Kostümen des 17. Jahrhunderts gaben die Schauspieler Jakob und Gabriele Brandt, Dirk Röver, Horst Schäpe, Isa Steffen und Gisela Wedemeier nicht nur die Lyrik, sondern auch den Zeitgeist dieser Epoche – untermalt von barocker Musik – zum Besten. Das Plattdeutsche verdichtet wie keine andere Sprache die Intensität und Kraft, die in Shakespeares Worten über der Liebe, der Lust und dem Leid liegt. Es ist mutig und einmalig, diesen Lyrik-Zyklus so auf die Bühne zu bringen und durchbrach alle Erwartungen, die die meist älteren Zuhörer wohl gehabt haben dürften.

Von der Liebe in jedem Lebensalter, der himmelhochjauchzenden in der Jugendzeit bis zur abgeklärten leisen Liebe im Alter, erzählt diese Sonette. Ein traditioneller Hofnarr mit einer Marionette in der Hand, die Shakespeare darstellt, knüpfte mit hochdeutsch vorgetragenen lyrischen Zwischentexten einen roten Faden um diesen Teil der Aufführung. Was hier geboten wurde, war Lyrik in ihrer reinsten Form und überraschte mit eindringlicher Intensität.

Wer glaubt, Plattdeutsch kann nur lustig, wurde eines Besseren belehrt, was im zweiten Teil in aller Deutlichkeit fortgesetzt wurde. Das Drama „Le Malentendu“ (Das Missverständnis), das der Literatur-Nobelpreisträger Albert Camus 1943 im besetzten Frankreich geschrieben hat, ist wirklich keine leichte Kost: Ein Sohn kehrt nach Jahrzehnten der Abwesenheit heim zu Mutter und Schwester, die in ärmlichen Verhältnissen lebend, sich ihren Unterhalt damit verdienen, das sie in ihrer Herberge nachts Gäste ermorden und ausrauben. Da sich der Sohn nicht zu erkennen gibt, wird auch er Opfer ihrer mörderischen Gier. Als sie erkennen müssen, wen sie da umgebracht haben, zeigen die beiden Frauen intensive Charakterstudien auf, die unterschiedlicher nicht sein können. Während die Mutter zerrissen und resignativ die Tochter verstößt, rettet sich diese aus diesem Trauma mit der trotzigen Erkenntnis „dat wor een Versehn“.

In der eindringlichen Darstellungskunst der Schauspieler und in der Verdichtung durch die niederdeutsche Sprache (in der Übersetzung von Inske Albers-Willenberger) war das wahrlich starker Tobak, der die Zuschauer beeindruckt zurückließ.

Von Heidi Stahl

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