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An der Belastungsgrenze: Schülerbeförderung im Kreis sorgt weiter für Probleme

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Von: Ann-Christin Beims

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Kinder steigen in Schulbus
Nicht immer kommt gerade ein Bus, um Schüler zu transportieren – und wenn, sind sie oft überfüllt. © Albers/zz

Frustriert sind eigentlich alle: Schüler, Eltern, Lehrer, der Landkreis, die Busunternehmen. Aber Lösungen gibt es nicht gegen die vielen ausfallenden Schulbusse. Daran ändert auch eine Sitzung des Kreiselternrats nicht. Ein Dilemma.

Sottrum – Die Stimmung ist angespannt und emotional am Dienstagabend im Forum des Gymnasiums Sottrum. Mehr als 60 Eltern, aber auch Busunternehmer und Schulvertreter sowie die Kreisverwaltung sind der Einladung des Kreiselternrates (KER) zu einer außerordentlichen Sitzung gefolgt. Es geht um die unzuverlässige Schülerbeförderung – bereits zum zweiten Mal. Erst Mitte Oktober hatte es dazu eine Sitzung in Bothel gegeben. Dabei wurden die Probleme deutlich, vor denen viele Eltern stehen – und die Fragen, die sich daraus ergeben. Getan hat sich seither nichts. Im Gegenteil: „Zu den Herbstferien spitzte es sich erst richtig zu“, sagt KER-Vorsitzende Wiebke Scheidl.

Ausgefallene Buslinien; kurzfristige Bekanntgaben; überfüllte und unpünktliche Busse; Schüler, die einfach stehen gelassen werden; fehlende Informationen und mangelnde Kommunikation der Konzessionäre – im Nordkreis ist das der Omnibusbetrieb von Ahrentschildt GmbH (OvA), im Südkreis die Bahn-Tochter Weser-Ems-Bus (WEB). Bei Letzterer läuft es deutlich schlechter als rund um Bremervörde. „Der Ärger über Monate ist kaum ertragbar“, sagt ein zweifacher Vater aus Horstedt. Eltern müssen immer wieder ihren Arbeitsplatz verlassen, um ihre Kinder abzuholen. Das kostet Zeit, Geld und Nerven. Die Kinder ihrerseits haben Ängste – die Älteren zum Beispiel um ihren Schulabschluss durch die Ausfälle. Die Jüngeren, dass sie alleine irgendwo stehengelassen werden.

Eltern reden sich Frust von der Seele

Die Eltern stehen nacheinander auf, reden sich ihren Frust von der Seele. Diesmal ist die Kreisverwaltung dabei, will „so gut es geht nach Lösungen suchen“, meint Landrat Marco Prietz (CDU). Neben ihm haben Erster Kreisrat Torsten Lühring und Schulamtsleiter Marcus Oberstedt Platz genommen. „Es war klar, was uns erwartet, wir sind trotzdem gekommen – weil es uns ernst ist“, wird Prietz später anführen.

Das sehen manche Eltern scheinbar anders. „Haben wir überhaupt das gleiche Verständnis von Problem?“, fragt Andreas Zack aus Sottrum nach. Die Standardantwort der Kreisverwaltung, dass sie rechtlich gesehen nicht viel Handlungsfähigkeit habe, stellt die Anwesenden nicht zufrieden.

Die Kreisverwaltung ist von voller Mannschaft angetreten: Landrat Marco Prietz (2.v.r.), Erster Kreisrat Torsten Lühring (2.v.l.) und Amtsleiter Marcus Oberstedt stellen sich den Sorgen, der Kritik und den Fragen der Eltern. Kreiselternrat-Vorsitzende Wiebke Scheidl moderiert.
Die Kreisverwaltung ist in voller Mannschaft angetreten: Landrat Marco Prietz (2.v.r.), Erster Kreisrat Torsten Lühring (2.v.l.) und Amtsleiter Marcus Oberstedt stellen sich den Sorgen, der Kritik und den Fragen der Eltern. Kreiselternrat-Vorsitzende Wiebke Scheidl moderiert. © Beims

Es ist nicht nur ein Rotenburger Problem. Landrat Prietz steht im Austausch mit anderen Kreisen. Zum einen ist es der Fachkräftemangel. Zum anderen laufen der Bahn-Tochter die Subunternehmer weg. „Bis zum Fahrplanwechsel im Dezember werden noch Fahrten gestrichen, dann soll es besser werden“, so Lühring – der das aber bezweifelt. Auf Nachfrage spricht eine Bahnsprecherin am Tag danach von „geringer Personaldecke“, verstärkt durch kurzfristige Erkrankungen. „Wir können den Ärger und die Beschwerden nachvollziehen. Es wird alles unternommen, um schnellstmöglich den regulären Fahrplan wieder anbieten zu können.“

Wenig Spielraum für Landkreis?

Der Landkreis hat dabei wenig Handlungsspielraum: Die Landesnahverkehrsgesellschaft ist die zuständige Aufsichtsbehörde für WEB. Sie ist eingeschaltet, doch muss der Druck weiter erhöht werden, sagt Lühring. Sie kann Ordnungsmaßnahmen verhängen. Das ist bisher nicht geschehen. „Wir wollen nichts on top, nur, dass sie ihren Verpflichtungen nachkommen.“ Dafür würde der Landkreis mehr Geld in die Hand nehmen – doch würde das die Situation nicht verbessern, weil es nicht dort ankommt, wo es müsste. Nämlich bei den Fahrern.

Eigene Unternehmen kann der Landkreis nicht beauftragen. Daher erübrigen sich Ideen, kurzfristig Taxiunternehmen oder den Bürgerbus zu akquirieren. WEB beschäftigt zwar Subunternehmer vor Ort wie Wilhelm Kaiser, scheint sich aber seiner Verantwortung nicht bewusst zu sein. Auf Nachfrage heißt es: „Alle Möglichkeiten von alternativen Busunternehmen, die wir im Kreis zur Verfügung haben, wurden ausgeschöpft. Auch unsere Subunternehmer kämpfen mit der immer schwieriger werdenden Personalsituation.“

Der Landkreis ist rechtlich gut vorbereitet. Aber hier geht es um Kinder. Wir müssen sie psychisch aufbauen. Ich sehe keine Handlung.

Eine Mutter aus Sottrum

Die Beauftragten ihrerseits tun ihr Möglichstes, eine reibungslose Beförderung sicherzustellen, wendet sich Kaiser am Ende an alle. „Wir kämpfen selber um Fahrer, der Markt ist leer.“ Er würde sofort Fahrer einstellen. Auch Nachwuchs sei ein Problem: Selbst, wenn er jemanden findet, fehlen Fahrlehrer zur Ausbildung.

Ein Gedanke, der noch einmal aufgegriffen werden könnte: die Schulanfangszeiten zu verändern. Gerade morgens zur ersten Stunde wird es schwierig, wenn der Großteil der gut 10.000 Schüler auf großer Fläche gleichzeitig in die Schule will. Eventuell sei eine Entzerrung nicht verkehrt, so Werner Oerding aus Basdahl. Ist man in ein paar Jahren wieder gut sortiert, könnte es rückgängig gemacht werden. Dass Schüler in den überfüllten Bussen teils stehen müssen, die jüngsten sich nicht festhalten können, sorgt für zusätzliche Sicherheitsbedenken. „Das ist rechtlich zulässig“, meint Lühring – und dass der Fahrer angehalten ist, außerorts langsamer zu fahren. Aus dem Publikum ist an der Stelle ironisches Lachen zu hören.

Wir sind bemüht, dass der Schülerverkehr rund läuft. Wir kämpfen um Fahrer, der Markt ist leer. Es ist schwer, damit klarzukommen.

Busunternehmer Wilhelm Kaiser

Dennoch wird die Diskussion sachlich geführt. Die Eltern wollen die Verwaltung nicht angreifen, drängen aber auf Lösungen. Das ist ihr gutes Recht, so der Landrat. „Die Situation ist absolut inakzeptabel.“ Für Kinder, Eltern und Schulen. Die bekommen ebenfalls nur kurzfristige Ansagen der Konzessionäre. Der Unterricht wird gestört durch die, die zu spät kommen. Gleichzeitig „müssen die Lehrkräfte deutlich länger Aufsicht führen“, wird Tarmstedts Grundschulleiter Tim Weidenfeld deutlich.

Gespräch mit Weser-Ems-Bus am Freitag

Für Freitag steht ein Gespräch an zwischen dem Landkreis und WEB. Davon erhofft sich Prietz mehr Klarheit – auch der Notfallfahrplan wird Thema sein. „Hätte ich Angebote, würde ich damit sofort zu WEB gehen.“ Die folgen: Eventuell könnten Busse und Fahrer der Rotenburger Werke einspringen. Das will Prietz erfragen.

Eine Lösung gibt es am Ende nicht – dazu wäre es von Vorteil gewesen, wenn ein Vertreter von WEB dabei gewesen wäre. Die Kreisverwaltung verspricht, weiter Druck aufzubauen. Prietz: „Ich würde gerne sagen, zum Fahrplanwechsel ist alles in Ordnung – aber das wäre nicht aufrichtig.“

Ein Kommentar von Ann-Christin Beims

Frust auf allen Seiten

Frustrierte Eltern, frustrierte Schüler, frustrierte Lehrer und Schulleiter – aber auch eine frustrierte Kreisverwaltung. Die kommt gleich in dreifacher Besetzung zur Sitzung des Kreiselternrates. Die Eltern sind emotional, aber fair angesichts der aktuellen Lage. Die Antwort ist aber immer dieselbe: Wir können nicht viel machen, betonen Landrat Marco Prietz und Erster Kreisrat Torsten Lühring. Das ist den Eltern, verständlicherweise, zu wenig. Wer sich eine Lösung erhofft hatte, geht am Ende leer aus. Die Eltern wissen seit Wochen nicht mehr, ob ihre Kinder verlässlich zur Schule und nach Hause kommen. Wenn eine Schülerin, die an Krücken geht, in Winkeldorf aus dem Bus geworfen wird und nach Horstedt laufen muss, Eltern nach Kindern suchen, die sie mitnehmen sollen, die aber nicht an der Haltestelle stehen, Kinder in strömendem Regen auf offener Straße aussteigen müssen, weil der Fahrer nicht mehr weiterfährt – dann läuft etwas gewaltig schief im System. Und das sind nur wenige Beispiele. Die Kreisverwaltung mag wenig Optionen haben, aber sie kann einwirken. Sie hat eine Verantwortung. Und es ist ihre Pflicht, nun noch stärker zu handeln. Denn so geht es nicht weiter.

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