Vortrag in Sottrum

Schlummerndes Potenzial: Karin Steinecke über Biodiversität und ihre Herausforderungen

Blühwiesen sind ein Mosaikstein zum Schutz der Biodiversität.
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Blühwiesen sind ein Mosaikstein zum Schutz der Biodiversität.

Sottrum – Die Vielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt, ihre Bedeutung und was sie bedroht: Zu diesem Thema referiert Diplom-Biologin Dr. Karin Steinecke, Privatdozentin an der Universität Bremen, am Montag in Sottrum. Wir haben im Vorfeld mit ihr über Biodiversität gesprochen.

Warum ist es eigentlich so wichtig, Biodiversität zu erhalten?

Biodiversität ist Grundlage des Überlebens des Menschen auf der Erde. Nur bei einer ausreichend großen Vielfalt an Genen, Arten und Lebensräumen sind Ökosysteme in ihren Funktionen so stabil, dass sie sich von Störungen erholen und regenerieren können. Gehen uns Ökosysteme verloren, verlieren wir gleichzeitig auch wichtige Ökosystemdienstleistungen, die wir nicht ersetzen können oder teuer bezahlen müssen. Zu nennen ist hier beispielsweise die Bestäuberleistung von Insekten bei Kulturpflanzen. Auch viele indigene Völker sind in ihrem Überleben von einer artenreichen Natur abhängig. Ferner schlummert in den vielen Arten unserer Erde ein großes Potenzial an pharmakologischen Wirkstoffen. Und nicht zuletzt ist Biodiversität sicher auch aus ästhetischen Gründen zu erhalten.

2010 tagten Unterhändler der UN-Konvention zum Schutz der Biodiversität. Um den Verlust der biologischen Vielfalt zu verlangsamen, einigten sie sich auf 20 Kernziele, die bis 2020 erreicht werden sollten. Die meisten dieser Ziele wurden klar verfehlt. Woran scheitert der Artenschutz in der Praxis?

Der Schutz der Biodiversität ist ein vielschichtiges Unterfangen, an dem verschiedenste Entscheidungs- und Ausführungsebenen vom Verbraucher, Unternehmen bis hin zu überstaatlichen Gremien beteiligt sein müssen. Da ist ein Zeitrahmen von zehn Jahren für eine vollständige Umsetzung viel zu kurz angesetzt. Zudem verlaufen biologische, ökologische und chemische Prozesse oft mit einer großen zeitlichen Verzögerung ab. Selbst, wenn zum Beispiel sofort drastische Maßnahmen zu einer Schadstoffsenkung in Gewässern umgesetzt würden, so würde es doch Jahrzehnte dauern, bis unsere Gewässer schadstofffrei wären oder sich Tierpopulationen erholt haben. Und schließlich gibt es noch einen wesentlichen Faktor: Schutzmaßnahmen kosten Geld, viel Geld. Und das müssen die einzelnen Länder erst einmal bereitstellen.

Ist der Verlust der Biodiversität für den Menschen sogar schlimmer als der Klimawandel?

Was für den Menschen schlimmer sein wird, ist nicht zu beantworten, zumal der Verlust der Biodiversität unmittelbar an den Klimawandel gekoppelt ist. Durch den Klimawandel verlieren wir beispielsweise schon heute große Waldflächen und damit Biodiversität. Umgekehrt führt der Rückgang von Waldflächen zu einem verstärkten anthropogenen (menschengemachten, Anm. der Redaktion) Klimawandel.

Was muss sich verändern, um Biodiversität wieder zu fördern?

Auch das ist eine vielschichtige Frage, die sich nicht mit wenigen Sätzen beantworten lässt. Ein wichtiger Faktor ist aber dabei sicher, dass mehr Menschen zukünftig den Wert von Biodiversität erkennen müssen und bereit sein sollten, sich für den Schutz von Natur und Umwelt einzusetzen. Die Erkenntnis, dass nur ein nachhaltiger Umgang mit Ressourcen und der Natur unsere Zukunft auf diesem Planeten bewahren kann, ist noch nicht überall so stark verankert.

Sind invasive Arten dabei Fluch oder Segen?

Das bewusste oder unbewusste Einbringen von fremden Arten in eine neue Region ist immer ein Problem, egal, ob die neue Art nun invasiv wird oder nicht. Die biotischen Beziehungen zwischen verschiedenen Arten sind komplex und vorher nie vollständig voraussagbar, wie uns zahlreiche Negativbeispiele von invasiven Arten zeigen, die in guter Intention eingeführt wurden.

Vor welcher Herausforderung steht die regionale Vegetation und ihre Struktur?

Die heimische Flora und Vegetation werden sich vermutlich langfristig unter anderem einem geänderten Klima stellen müssen. Trockene Sommer mit stark abgesenkten Grundwasserständen wie im Jahr 2018 sind nicht nur für die Kulturpflanzen eine Herausforderung. Milde Winter fördern einen erhöhten Schädlingsbefall, der durch zugewanderte Fressfeinde noch verstärkt wird. In den nächsten Jahren werden sicher weitere Schädlinge aus anderen Regionen der Erde auftauchen und unsere heimische Vegetation belasten.

Die St.-Georg-Stiftung hat ein Projekt in Bittstedt initiiert, das die ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen untersucht. Welche Bedeutung haben Projekte dieser Art?

Jedes einzelne solcher Projekte hat eine große Bedeutung, sei es nur um Menschen wachzurütteln und Nachahmer zu finden. Auch wenn dies alles nur kleine Mosaiksteinchen zum Schutze der globalen Biodiversität sind, so kann damit lokal deutlich eine Verbesserung der Vielfalt erzeugt werden.

Was kann jeder einzelne sofort und aktiv tun?

Jeder von uns sollte bewusst und nachhaltig leben und Wohlstand und Luxus abwägen vor dem Hintergrund des Schutzes von Natur und Umwelt für zukünftige Generationen. Verwendung umweltverträglicher und regionaler Produkte, Müllvermeidung, hohe Nutzungsdauern von Kleidung und Geräten, umweltschonende Mobilität kommen indirekt immer auch einer erhöhten Biodiversität zugute. Direkt fördert man Artenvielfalt durch artenreiche Naturgärten mit heimischen insektenfreundlichen Pflanzenarten, mit Nisthilfen für Insekten und Vögel und dem Verzicht der Anwendung von Kunstdünger, Pestiziden, Laubsaugern und Mährobotern.

Der Vortrag

Dr. Karin Steinecke ist mit ihrem Vortrag zur Biodiversität am kommenden Montag, 11. Oktober, auf Einladung der Kirchenstiftung in der St.-Georg-Kirche in Sottrum zu Gast. Beginn ist um 19 Uhr. „Bei der Veranstaltung gelten die üblichen Covid-19-Registrierungs- und Hygienevorschriften“, teilt die St.-Georg-Stiftung als Veranstalter mit. In diesem Zuge erfolgt der Zugang zur Kirche ausschließlich über die Nordseite.

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