Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Katzen?

„Das ist ein richtiges Elend“

+
Katzen in der Samtgemeinde sollen in Zukunft kastriert und gekennzeichnet werden. Die Sottrumer Verwaltung hofft, der steigenden Zahl wild lebender Katzen Herr zu werden. Tierschützer begrüßen die Pläne, andere Kommunen sind dagegen skeptisch.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Um die Zahl der verwilderten Hauskatzen zu verringern, plant die Samtgemeinde, eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht einzuführen. Sie wäre im Südkreis Rotenburg erst die zweite Kommune, die diesen Schritt macht. Doch während Tierschützer die Pläne aus Sottrum begrüßen, gibt es anderorts Zweifel an der Wirksamkeit und der Notwendigkeit einer entsprechenden Verordnung.

Diese soll für alle Katzen gelten, die sich unkontrolliert draußen aufhalten. Ausnahmen soll es auf nur Antrag für Zucht- und Rassekatzen geben. Ursprünglich sollte die Verordnung am Donnerstagabend (19 Uhr, Rathaus) im Rat verabschiedet werden. Allerdings sieht alles nach einer Vertagung aus, denn der vorgelagerte Samtgemeindeausschuss hat bereits vergangene Woche weiteren Informationsbedarf angemeldet. Er will mehr Details von verschiedenen Tierärzten einholen, und sie bei der Gelegenheit über die Sottrumer Pläne informieren, wie Jürgen Schlusnus, der allgemeine Vertreter des Samtgemeindebürgermeisters, auf Nachfrage mitteilt.

Die Samtgemeinde Fintel ist bislang die einzige Kommune im Südkreis Rotenburg, die erst Ende April eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht eingeführt hat. Im Lauenbrücker Rathaus nimmt man sich ein Beispiel an der Stadt Verden, wo es diese Verordnung bereits seit sieben Jahren gibt. Aber nachgefragt in Rotenburg, Scheeßel, Visselhövede und Bothel, scheint man dort nicht gerade überzeugt zu sein. Man sehe keine Notwendigkeit für eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht, der Erfolg sei überschaubar, man könne nicht überprüfen, ob sich die Halter tatsächlich an die Vorgabe halten, heißt es aus den jeweiligen Ordnungsämtern.

Das sieht Silke Wingen allerdings ganz anders. Erst vor Kurzem ist sie als neue Vorsitzende des Tierschutzvereins Rotenburg angetreten und ist Befürworterin der Pläne aus Sottrum. Die Population gerade wild lebender Katzen wird immer größer, sagt sie, und „das ist ein richtiges Elend“. Bis zu 13.000 Tiere können ihr zufolge nach fünf Jahren von einem einzigen wild lebenden Katzenpaar abstammen. Das Leben in den Wäldern, auf den Feldern und Straßen ist hart: Die Katzen verhungern, leiden unter schweren Krankheiten, werden von Jägern erschossen oder von Autos überfahren.

Wilde Katzen nur schwer vermittelbar

Die Wege vom Stubentiger zur wild lebenden Katze sind unterschiedlich. Manche werden von ihren Haltern ausgesetzt, manche entlaufen, manche werden von diesen Tieren wild geboren.

Kommen diese ins Tierheim, erklärt Wingen, sind sie schwer vermittelbar. Manche Katzen leben schon seit mehreren Generationen nicht mehr auf Höfen oder in Häusern und Gärten. Anders als zum Beispiel entlaufene Tiere sind sie Menschen nicht gewöhnt und daher scheu.

Katzen streunen mehr, so die Tierschützerin, wenn sie nicht kastriert sind. Die Folge sind Revierkämpfe untereinander. Neben Begattungen ist das der häufigste Übertragungsweg von schweren Krankheiten wie dem Feline-Immundefizienz-Virus – kurz FIV, auch „Katzenaids“ genannt – oder der Katzenleukose – ähnlich einer Leukämie.

Im Tierheim werden sie daher nicht nur standardmäßig kastriert, gekennzeichnet und geimpft, sondern zudem auf diese Krankheiten getestet. Sind sie positiv, erwartet sie „eine lebenslange Gefangenschaft im Tierheim oder in einer geschlossenen Wohnung“, so Wingen. Der Kontakt zu anderen Katzen jedenfalls wird abgebrochen. Zu groß ist die Ansteckungsgefahr. Dass viele Kommunen keine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht haben, kritisiert Wingen scharf. „Die Tiere leiden“, sagt sie. Auch das Argument, dass die Umsetzung nicht überprüfbar sei, lässt sie nicht gelten. Schließlich sei die Kennzeichnungspflicht bei Hunden genauso wenig überprüfbar und werde trotzdem umgesetzt.

„Die Umsetzung kann man nicht überprüfen“

Der Vorschlag der Kastrations- und Kennzeichnungspflicht ist aus der Politik gekommen, so Schlusnus. Auch vor dem Hintergrund, dass die Samtgemeinde seit einigen Monaten ihre Fundtiere bei der Posthausener Tierklinik unterbringt, ehe sie von dort ins Tierheim in Brinkum bei Bremen verlegt werden. Da eben auch häufig verwilderte Katzen darunter seien, will die Samtgemeinde auf diesem Wege versuchen, der unkontrollierten Vermehrung herrenloser Katzen vorzubeugen.

Aber auch Schlusnus räumt ein: „Die Umsetzung kann man nicht überprüfen.“ Und das, obwohl ein Zuwiderhandeln als Ordnungswidrigkeit gilt und mit einer Geldbuße von bis zu 5000 Euro geahndet werden kann. Es ist also nicht zu erwarten, dass mit einem Beschluss auf einmal alle Sottrumer Katzenhalter mit ihren Stubentigern zum Tierarzt gehen – zumal die meisten ihre Hauskatze wohl bereits kastriert und gekennzeichnet haben. Viel wichtiger scheint der Samtgemeinde ohnehin das Kennzeichnen, das „Chippen“ zu sein. Sollte dann nämlich eine entlaufene Katze im Rathaus abgegeben werden, könnte sie schnell ihrem Besitzer zugeordnet werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Schnelle Rennen auf Salz und Sand

Schnelle Rennen auf Salz und Sand

Flucht vor Brexit-Chaos: May auf Rettungsmission in Europa

Flucht vor Brexit-Chaos: May auf Rettungsmission in Europa

Dramatische Lage im Jemen: Alle zehn Minuten stirbt ein Kind

Dramatische Lage im Jemen: Alle zehn Minuten stirbt ein Kind

Deutschland und Frankreich vermitteln im Ukraine-Konflikt

Deutschland und Frankreich vermitteln im Ukraine-Konflikt

Meistgelesene Artikel

Großbrand bei Fahrzeug- und Maschinenhersteller Alga richtet Millionenschaden an

Großbrand bei Fahrzeug- und Maschinenhersteller Alga richtet Millionenschaden an

Brigitte und Johann Wolf aus Bötersen feiern die Eiserne Hochzeit

Brigitte und Johann Wolf aus Bötersen feiern die Eiserne Hochzeit

Landkreis verleiht die Grüne Hausnummer an 35 Hausbesitzer

Landkreis verleiht die Grüne Hausnummer an 35 Hausbesitzer

Herbert Wünsch schließt Ende dieser Woche ab – für immer

Herbert Wünsch schließt Ende dieser Woche ab – für immer

Kommentare