Theologisches Neuland

Pastor Theodor Adam verlässt Sottrum und sagt „Tschüss“

Drei Jahre lang war Theodor Adam Pastor in der St.-Georg-Kirche. Ende Januar verabschiedet er sich. - Foto: Röhrs
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Drei Jahre lang war Theodor Adam Pastor in der St.-Georg-Kirche. Ende Januar verabschiedet er sich.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Nach drei Jahren ist Schluss. Pastor Theodor Adam verlässt Ende Januar die St.-Georg-Kirchengemeinde und wird sich die kommenden Jahre an den Universitäten Kiel und Nürnberg-Erlangen der theologischen Wissenschaft widmen und eine Doktorarbeit schreiben. Mit Sottrum verlässt er einen Ort, der den jungen Pastor geprägt hat. Nun betritt er theologisches Neuland.

Mit seiner Zeit in Sottrum beendet der 33-Jährige seinen sogenannten Probedienst als Pastor. Der Wieste-Ort war ihm bis dahin völlig unbekannt, er wurde ihm von der Landeskirche in Hannover zugeteilt. Der andere Sottrumer Pastor, Dietmar Meyer, habe ihn erst mal auf einer Radtour die Gemeinde gezeigt, erinnert sich Adam an seine Anfänge. Schnell lernte er die gute Anbindung und die Nähe zum Meer lernen. „Sottrum hat ein maritimes Moment“, sagt er. Und manch einer wird sich wohl darüber wundern. Er meint es ernst: Erkennbar sei es an der Luft und am Wind.

Der Weg an die Wieste war weit für den gebürtigen Celler. Nach dem Abitur im Jahr 2004 führte ihn sein Weg nach Münster an die Universität. Danach ging es nach Südafrika. Es folgen die Universitäten in Erlangen, Berlin und schließlich Göttingen, wo er sein Examen machte. Für das Vikariat zog er nach Steinwedel in der Region Hannover.

Nun geht es zurück auf die Uni, aber nicht als Student, sondern als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Doktorand. In Kiel wird er der Professorin und Doktorin Uta Pohl-Patalong am Institut für Praktische Theologie unter die Arme greifen. Parallel schreibt er in Erlangen eine Dissertation und wird damit Neuland betreten. In den kommenden Jahren möchte er Kasualien – kirchliche Rituale wie Taufe, Konfirmationen Hochzeiten und Beerdigungen – entwerfen, die transidenten Menschen angepasst sind. 

„Das Thema stand praktisch bei mir vor der Tür“, erzählt Adam. Eine Transfrau war sich unsicher, ob nach ihrer Geschlechtsangleichung ihre Taufe noch gelte und kam deshalb zu ihm. Er konnte sie beruhigen: Schon grundsätzlich sieht die evangelische Kirche keine zweite Taufe vor, sie ist sozusagen unnötig. 

„Das Ja Gottes steht, und es liegt auf einer tieferen Ebene“, sagt Adam. Das zähle unabhängig davon, wie sich der Mensch im Laufe seines Lebens verändert. Adam hielt aber eine Tauferinnerung ab. Die Nachricht, dass es in Sottrum einen Pastor gibt, der sich transidenten Menschen annimmt, verbreitete sich. Anschließend vermählte er auf dem Kirchentag in Berlin ein Ehepaar, in dem sich die Frau zum Mann angleichen ließ, neu und leitete eine Namensgebungsfeier.

Wie viele den Glauben praktizierende, transidente Menschen es gibt, ist nicht bekannt. „Es ist eine Nische“, weiß Adam. Die Kirche macht ihnen noch keine speziellen Angebote. „Das hat mich zunächst traurig gemacht, aber dann motiviert.“ Dann mache er das eben. Adam versteht das als seine Berufung.

Eine Geschlechtsangleichung bringe große Freude, Aufbruchstimmung aber auch Unsicherheit mit sich. „Man kommt anfangs nicht mit sich selbst zurecht“, sagt Adam. „Es gibt ein Bedürfnis, auch im Glauben die Sicherheit wieder herzustellen.“ Die angepassten Riten unterscheiden sich ihm zufolge nicht in ihrer Form von der Norm, aber in ihrem Inhalt. 

Denn nicht nur die transidenten Menschen müssten sich umgewöhnen, sondern auch Verwandte und andere Angehörige. Das Umfeld sei ganz anders gefordert. „Wie kann man die mit einbinden?“, fragt sich Adam, der mit „QuiKT“ (Queer in Kirche und Theologie) bereits einen Arbeitskreis zum Thema mitbegründet hat. „Wie kann man so eine Feier gestalten, dass sie theologisch und seelsorgerisch angemessen ist?“

Das Pfarramt II in Sottrum ist Adams erster Job als „richtiger Pastor mit allen Verpflichtungen gewesen“. Im Februar übernahm er zusätzlich noch Aufgaben als Vertretungspastor in der Ahauser Marien-Kirchengemeinde. Man habe es ihm und seinem Partner leicht gemacht, sich einzuleben. „Der Anfang war offen und herzlich“, erinnert er sich. Schnell habe sich ein enger Draht zu den Gemeindemitgliedern entwickelt. Bei Fehlern zu Anfang seien sie nachsichtig gewesen.

Die folgenden jetzt fast drei Jahre „haben eine Menge mit mir gemacht“, sagt Adam. Plötzlich hatte er Verantwortung, die er auch gerne übernommen habe und daran gewachsen sei. Einschneidend sei es auch gewesen, als er Beerdigungen junger Menschen abhalten musste oder in der Notfallseelsorge tätig war. 

„Das lässt einen hinterfragen, wie man sein Leben lebt und ob das gut ist“. Er sei dankbarer und demütiger geworden. Sein Führungsstil habe sich entwickelt; Adam habe gelernt, welche Aufgaben er abgeben kann und welche nicht. Wobei er, wenn man ein bisschen zwischen den Worten lauscht, er schon einen Hinweis an seinen noch nicht benannten Nachfolger parat hat: Sottrum kann man viel zutrauen.

Auch privat konnte er sich eigenen Worten nach weiterentwickeln. Das Sottrumer Pfarrhaus in unmittelbarer Nähe zur Kirche war die erste gemeinsame Wohnung für ihn und seinen Partner. „Wir haben gemerkt, dass es funktioniert.“ Auch wenn sich Adams Partner öffentlich zurückhielt, habe er großen Einfluss auf den Pastoren gehabt. „Er ist eine große Unterstützung für mich und hält mir den Rücken frei.“

Am Sonntag, 20. Januar (10 Uhr), hält Theodor Adam seinen letzten Gottesdienst als Pastor in der St.-Georg-Kirche ab. Im Anschluss gibt es bis in den Nachmittag eine Feier im Gemeindehaus mit Grußworten, Imbiss, möglichst imposantem Puddingbüfett – Adam ist großer Puddingliebhaber –, Kaffeestübchen, Stockbrot, Kinderspielen und Flohmarkt.

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