Ehepaar reagiert rechtzeitig

Reeßumer geraten an dubioses Wintergarten-Unternehmen

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Dies sollte ein Standort für einen Präsentations-Wintergarten einer Firma aus Schleswig-Holstein werden, vor der zahlreiche Verbraucherzentralen waren.

Reeßum - Von Antje Holsten-Körner. Das Angebot klingt vielversprechend: Ein neuer Wintergarten, der sich Dank eines Werbevertrags fast von allein finanziert. Einige Tage lag der Werbeflyer, mit dem Standorte für Präsentations-Wintergärten gesucht werden, auf der Küchentheke von Ulrike und Albert Mertens, bevor sich das Reeßumer Ehepaar zum Anruf bei der Firma in Schleswig-Holstein entschied.

Schon kurze Zeit später erfolgte der Rückruf mit einer Terminvereinbarung. „Nachdem sich der Mitarbeiter unser Haus angesehen, bei Dunkelheit Fotos gemacht und uns ordentlich Honig um den Bart geschmiert hatte, was wir denn für ein tolles Haus hätten, schritt er die Terrasse ab“, erinnert sich Ulrike Mertens. Die Maße für den Wintergarten schätzte er auf vier mal sechs Meter. Als Preis dafür standen 55 .000 Euro im Raum – zuzüglich der Aufwendungen für Fundament und Fliesen, um die sich die Hauseigentümer selbst kümmern müssen. Sollte der Wintergarten den Zuschlag der Herstellerfirma für einen Standort als Schauobjekt erhalten, wäre nur ein Eigenanteil von 10 .000 Euro zu leisten. Der Restbetrag käme aus Einnahmen aus dem Stützpunkt-Partner-Vertrag, der über zehn Jahre monatlich 416,70 Euro einbringen sollte. Dafür sollte der Wintergarten viermal im Jahr, so hieß es zuerst, Besuchern zugänglich gemacht werden. „‚Sie bekommen bestimmt den Zuschlag‘ sagte uns Herr M.“, so Ulrike Mertens.

Mappe mit schlechten Fotografien

Trotz des hohen Preises konnte der Verkäufer keine Unterlagen über Material und Ausführung vorlegen. „Er hatte nur eine Mappe mit, in der schlecht fotografierte Wintergärten abgebildet waren“, sagt die 57-Jährige. Mit den Fotos konnten sich die Reeßumer aber kein objektives Urteil über die Qualität der Wintergärten bilden. Das erste Mal stutzten sie, als der Verkäufer erklärte, dass das Dach aus Plexiglas sei. „Das ist bei hochwertigen Wintergärten nicht der Fall“, wissen der Tierarzt und die Physiotherapeutin. Dann legte der Mitarbeiter einen Vertrag zur Bewerbung als Stütz-Punkt-Partner vor. Die Fotos des Wohnhauses waren inzwischen per Mail an den Hersteller gegangen. Erst dann kam ins Gespräch, dass über die Besichtigungsmöglichkeit des Wintergartens hinaus weitere Bedingungen erfüllt werden müssten. „Entweder sollte Werbung an unserem Auto angebracht oder 50 Werbepostkarten im Jahr versendet werden, außerdem ein Schild vor dem Haus angebracht und vier Flyer-Aufsteller in Geschäften nachgewiesen werden“, erinnert sich Ulrike Mertens. Später fiel auf, dass sogar noch weitere Voraussetzungen gefordert waren, denn im Vertrag, von dem die Reeßumerin die erste Seite abfotografiert hatte, gelten die Punkte a.) bis e.) – also fünf Bedingungen - als vereinbart.

„Da wurde er immer zurückhaltender“

Zu diesem Zeitpunkt kam die Antwort der Firma per SMS. „Bingo, Sie haben den Zuschlag, meinte Herr M., dieser Standort wäre jetzt blockiert“, berichtet die Reeßumerin. In diesem Zug legte er den Vertrag vor, denn dann wäre der Standort fix, und erkundigte sich nach der Kontonummer. „Wieso Kontonummer?“, fragte Mertens, denn an dem Abend wollte das Ehepaar noch keine Unterschrift leisten.

Richtig dubios wurde es, als sie sich erkundigten, wo sie selbst Wintergärten der Firma anschauen könnten. „Da wurde er immer zurückhaltender und nannte uns keinen Standort“, so Ulrike Mertens. Stattdessen versuchte der Wintergarten-Verkäufer sie zur Unterschrift zu drängen. „Herr M. sagte uns, dass er den Vertrag heute Abend unterschrieben haben müsste, sonst könnte er nicht den Standort blockieren“, erzählt sie. Unter diesen Voraussetzungen waren sie aber nicht zur Unterschrift bereit und baten darum, dass sie die Unterlagen zur Prüfung zu Haus behalten. Darauf ließ sich der Verkäufer nicht ein, sondern nahm alles mit – angeblich wegen der Konkurrenz. Nachdem der Verkäufer das Haus verlassen hatten, recherchierten die Reeßumer im Internet und mussten feststellen, dass sie mit einer Unterschrift in die „Wintergarten-Falle“ getappt wären. 

Verbraucherzentrale warnte bereits 2006

„Wir haben dort gespiegelt gesehen, was uns angeboten wurde“, erzählen sie. In zahlreichen TV-Beiträgen, bei denen nicht nur Betroffene, sondern auch Anwälte und die Verbraucherzentrale zu Wort kommen, wird vor einem Unternehmen aus Schleswig-Holstein gewarnt, das seit einem Vierteljahrhundert unter verschiedenen Firmennamen in ganz Deutschland Wintergärten über solche Aktionen verkauft. Immer wieder ist dort von utopischen Preisen für einfache Qualität die Rede. Dabei wird eine vollständige oder teilweise Refinanzierung über Werbeeinnahmen versprochen. Aber: Keiner der betroffenen Wintergartenbesitzer erhielt dieses Geld. Auch bei einem Widerruf wurde es in den Fällen teuer: Da mit einer Unterschrift auf das gesetzlich zustehende Widerrufsrecht verzichtet wird, was bei Sonderanfertigungen gesetzlich möglich ist, war eine Stornierung – selbst am Folgetag – nur möglich, wenn 30 Prozent des Auftragswertes an die Firma gezahlt werden. Das wären bei Familie Mertens 16 .500 Euro gewesen.

Bereits im Jahr 2006 warnte die Verbraucherzentrale Oldenburg vor Abschluss solcher Verträge beim Kauf eines Wintergartens. Schon damals wurde über eine Firma, wie bei Familie Mertens mit Geschäftssitz in Bredenbek in Schleswig-Holstein, berichtet. Dagegen ist bei der Bremer Verbraucherzentrale noch kein Fall bekannt.

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