INTERVIEW Raumplaner Oliver Hasemann über Leerstand und Zwischennutzung

„Die Falltiefe zum Scheitern ist relativ niedrig“

Der ehemalige Schlecker am Lienworth.
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Klassischer Leerstand: Der ehemalige Schlecker am Lienworth. Die Kette wurde 2012 aufgelöst. Seitdem hat sich zumindest an der Sottrumer Filiale nicht viel verändert.

Sottrum/Bremen – Mit dem Entwicklungskonzept „Sottrum 2030“ soll unter anderem gewerblicher Leerstand in der Wieste-Gemeinde wieder in Nutzung gebracht werden. Ideen dazu gibt es im Maßnahmenkatalog, doch wie funktioniert das in der Praxis? In Bremen etwa vermittelt die „ZwischenZeitZentrale“ (ZZZ) zwischen Eigentümern und Leuten, die gründen, experimentieren oder künstlerisch aktiv sein wollen, für den Anfang aber günstigen Raum brauchen – als Zwischennutzer.

Einer der Köpfe hinter der ZZZ ist Oliver Hasemann. Was Leerstand bedeutet, wie Zwischennutzung auch in einer ländlichen Gemeinde funktionieren kann und welche Fallstricke es dabei gibt – unter anderen über diese Themen sprechen wir mit ihm im Interview.

Herr Hasemann, lassen Sie uns doch bitte als Erstes die Grundlagen klären: Welchen Schaden kann Leerstand im Ort überhaupt anrichten?

Was Leerstand klassischerweise immer auslöst, ist ein emotionales Problem. Man hat dann immer den Eindruck, dass etwas nicht mehr gebraucht wird. Das ist dann eine Leerstelle, ein Verlust im Sinne davon, dass da nichts mehr geht. Dann hat man vielleicht die Befürchtung, dass es ein Anzeichen für etwas ist. Auf der anderen Seite gibt es noch ganz praktische Fragen und Probleme wie Vandalismus, Schäden durch Witterung oder dass das Gebäude anfängt, Schaden zu nehmen und in den Zustand des Verfalls übergeht.

Bei „Sottrum 2030“ spricht man von Zwischennutzungen und Pionierprojekten. Ist aber nicht insbesondere Letzteres im dörflichen Umfeld nicht auch ein Stück weit Träumerei? Gibt es überhaupt einen „Markt“, der groß genug ist?

Das ist immer eine schwierige Frage – etwa im Bremer Kontext gibt es immer Nachfrage. Es gibt Leute, die Ideen haben und dafür einen Raum suchen. Und das wird in einer kleineren Gemeinde nicht viel anders sein. Natürlich sind das Träumereien, aber es sind auch Träumereien von Leuten, denen der Raum fehlt, konkret daran zu arbeiten und es einfach mal auszuprobieren. Und das ist es, was vielleicht als Pioniernutzung gemeint ist – etwas, das wir vielleicht auch als Experimentierraum bezeichnen. Dass da einfach mal ein Raum relativ niedrigschwellig für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung steht, in dem man probieren kann. Das funktioniert dann vielleicht, dann geht man in eine stetige Nutzung. Oder es funktioniert eben nicht. Aber die Falltiefe zum Scheitern ist dann relativ niedrig.

Welche Bedingungen müssen für eine Zwischennutzung erfüllt sein?

Das Grundlegende ist natürlich, dass man den Eigentümer überzeugt, den Raum für eine gewisse Zeit zur Verfügung zu stellen. Dann ist es wichtig, dass man eine Vertrauensbasis zwischen Eigentümer, Nutzer und gegebenenfalls einer vermittelnden dritten Partei wie der Gemeinde herstellt. Der Rahmen muss klar sein: Über was reden wir? Zu welchen Konditionen? Was passiert, wenn es für diesen Raum eine reguläre Anfrage gibt? Und auch, dass das Vertragsverhältnis endlich ist. Die Zwischennutzung endet irgendwann und dann ist der Raum frei für eine weiterführende oder kontinuierliche Nutzung. Wir sind häufig mit der Frage konfrontiert, ob das nicht eine Art Hausbesetzung ist und ob man die Leute dann nicht mehr rausbekommt. Das muss man den Nutzerinnen und Nutzern dann klar mitgeben: Auch wenn sie jetzt anfangen und voller Elan sind, müssen sie an das Ende denken und sich Gedanken machen, wie es weitergehen kann.

Muss man gegenüber den Eigentümern Vorurteile abbauen?

Absolut. Aber natürlich gibt es auch Eigentümer, für die so eine leerstehende Immobilie eine Belastung ist, die darunter leiden und nicht genau wissen, was sie machen können und für die Impulse und Ansprechpartner wichtig sein können. Und hinter Leerständen können auch einfach im Einzelfall schwierige Geschichten stehen.

Welche Rolle spielt Geld?

Geld spielt tatsächlich gar keine so große Rolle. Bei Fachvorträgen und Untersuchen war die Frage, was Eigentümer für Geld generieren können, relativ nachgeordnet. Es geht tatsächlich mehr ums Einsparen von laufenden Kosten, weil jemand anderes jetzt etwa Heizung und Strom bezahlt, sich jemand um kleinere Reparaturen kümmert. Das läppert sich natürlich. Für den Einzelnen, der das bezahlt, ist das schon eine nennenswerte Summe. Die Motivation, den Raum zur Verfügung zu stellen, ist eine andere: Dass das Gebäude wieder in Nutzung kommt, die Hoffnung, dass darüber wieder Geld fließt, ist nachgeordnet. Die Fachleute sagen, dass der Vermarktungsprozess im besten Fall um ein halbes Jahr beschleunigt wird. Und dann kann man mit der Immobilie natürlich eher wieder richtig Geld verdienen.

In Bremen und in anderen Großstädten wird viel über die Weiterentwicklung von Innenstädten gesprochen. Kann man das auf eine 6 500-Einwohner-Gemeinde übertragen? Muss man sich vielleicht vom klassischen Ortskern-Gedanken auch dort verabschieden?

Ich glaube, im ländlichen Raum ist dieser Ortskern-Gedanke noch ein anderer, weil er nicht über diverse Kerne verfügt, wie das in der Stadt sein kann. Das, was wir als klassisch verstehen, ist auch etwas, das sich vielleicht auch erst in den letzten 50 oder 60 Jahren herausgebildet hat – gerade mit der Dominanz des Einzelhandels. Das ist ja nicht unbedingt das Bild, das immer vorherrschend war in unseren Dörfern, Kleinstädten und Innenstädten. Ich denke nicht, dass man sich vom klassischen Ortskern verabschieden muss, aber er wird natürlich anders aussehen. Gerade unter Corona-Bedingungen merkt man ja, dass es wichtig ist, wenn es Räume gibt, die zur Verfügung stehen.

Aber der Einzelhandel in Sottrum ist doch schon in einem schwierigeren Umfeld als der in der Bremer Obernstraße.

Ja, aber man muss die Corona-Zeit und das Auslaufen der verschiedenen Unterstützungsgelder abwarten und schauen, was daraus resultiert. Es wird noch vieles verdeckt, was die Auswirkungen angeht. Auch bei der Frage nach mehr Homeoffice bleibt noch offen, was das nach sich zieht: Bleiben die Leute dann vor Ort und fragen in ihrer Nachbarschaft Angebote und Dienstleistungen nach? Oder geht der Trend ungebrochen mehr Richtung Internet und grüner Wiese? Das ist eine spannende Frage, weil man noch nicht absehen kann, wo es hingeht.

In Sottrum gibt es einen leerstehenden alten Lidl und eine stillgelegte alte Schlecker-Filiale. Beide sind seit Jahren nicht mehr in Benutzung. Warum bleibt sowas ewig lange geschlossen?

Wir erleben es total häufig bei Einzelhandelsflächen, die wir für eine Zwischennutzung anfragen, dass man uns vertröstet, weil Gespräche im Hintergrund stattfinden würden, und dann dauert es trotzdem zwei Jahre, bis dort etwas passiert. Es gibt natürlich keinen Zwang, Immobilien zu verwerten. Die Kosten sind überschaubar, gesetzlich gibt es wenig Handhabe, Privateigentümer zur Nutzung zu motivieren. Und dann hängt es davon ab, dass man Eigentümer von bestimmten Mietvorstellungen überzeugen muss. Oder Gemeinden müssen eine aktivere Immobilienpolitik betreiben.

Wie kann eine aktivere Immobilienpolitik der Gemeinde aussehen?

Indem sie im Zweifelsfall zumindest die Gebäude in zentraler Lage kauft oder mietet und anderer Nutzung zuführt. Zwang ist kaum möglich, die meisten Sachen greifen erst in dem Moment, wenn die Sicherheit durch die Gebäude gefährdet wird. Und zu den Methoden und Möglichkeiten, zu Maßnahmen um Leerstand wieder zu beleben könnte auch gehören, dass nicht noch mehr Flächen ausgewiesen werden oder nur in Verbindung zu den bisherigen Angeboten. Wenn es zum Beispiel einen neuen Lidl gibt, warum gibt es keine Verpflichtung für den alten Lidl, eine Nachnutzung aufzuzeigen oder einen direkten Abriss zu veranlassen? Das ist ökologisch natürlich Wahnsinn, das leer rum stehen zu lassen aber auch.

„Sottrum 2030“ sieht auch vor, dass die Gemeinde Konzepte für leerstehende gewerbliche Gebäude erarbeitet. Kann das funktionieren, wenn die öffentliche Hand Konzepte einfach überstülpt?

Überstülpen funktioniert sicherlich nicht. Aber ich denke, dass man Wünsche sammeln kann, indem man die Bevölkerung fragt, was wirklich ein Bedarf sein könnte. In dem Zusammenhang müsste man auch fragen, wer Akteur sein könnte. Wer hätte Interesse, das auch umzusetzen? Ideen sind immer gut, aber es braucht immer jemanden, der sie praktisch umsetzt, der dafür brennt, der ansprechbar ist und sich diese Arbeit macht, die notwendig ist, Leerstand zu beleben, ein Geschäft oder einen Treffpunkt einzurichten. Das können ganz unterschiedliche Sachen sein: In meiner alten Nachbarschaft hat zum Beispiel eine Gruppe in einem Laden einen Raum eingerichtet, in dem sie jetzt regelmäßig Bridge-Turniere spielt – ich weiß aber nicht, zu welchen Konditionen. Im Bremer Viertel gibt es einen Laden, in dem in der einen Hälfte des Jahres Kunsthandwerk ist und in der anderen Hälfte ist dort ein Erdbeer- und Spargelladen.

Wenn jemand eine gute Idee hat, dann lässt sich das kommunalpolitisch oft nur schwer durchsetzen. Ähnlich läuft es vermutlich auch in den Ortsbeiräten in Bremen. Haben Sie da einen Rat, wie gute Ideen trotzdem gelingen können?

Es ist immer sehr vom Stadtteil abhängig, so wird es auch in den Gemeinden laufen. Man muss sich mit den Ideen auseinandersetzen, da das, was es an Möglichkeiten gibt, nicht immer das ist, was einem gefällt. Es ist aber wichtig, das etwas passiert. Wir haben im Hemelinger Hafen beispielsweise mit der „Kompletten Palette“ einen Openair-Space, mit dem können viele im Beirat nichts anfangen. Die haben aber gemerkt, dass es trotzdem wichtig ist, dass so etwas im Ortsteil stattfindet, weil es eben für andere Menschen interessant ist und Leben in den Stadtteil bringt. Es gibt aber auch andere Stadtteile, in denen man immer noch ein bisschen darauf hofft, dass es wieder so wird wie früher – dass alle wieder auf der Werft arbeiten oder dass da eine große Industrie hinkommt, wo Tausende Menschen jeden Tag zur Arbeit hingehen. Aber das kommt nicht wieder. Und so wird es auch mit den Ladengeschäften sein. Es gibt Ideen, aber die entsprechen nicht dem, was da vorher drin war. Und wenn das dennoch Einzelhandel ist, ist er anders gestrickt als früher.

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