Post-pandemische Power

Heavy-Metal-Formation „Wildes Blech“ nimmt Probenbetrieb auf

Viel Platz und ein stimmiges Ambiente: Das MGH als Austragungsort der ersten Probe des „Wilden Blechs“ nach dem ersten Lockdown trug zum Erfolg bei.
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Viel Platz und ein stimmiges Ambiente: Das MGH als Austragungsort der ersten Probe des „Wilden Blechs“ nach dem ersten Lockdown trug zum Erfolg bei.

Sottrum/Waffensen – Samstagnachmittag – aus dem Innenhof des Mehrgenerationenhauses (MGH) auf dem Worthmannshof ertönt Geknatter. Doch was sich anhört wie ein altersschwaches Mofa, das durch die Gänge gequält wird, mündet in Staccato-Akkorden „Born to be Wild“ – das „Wilde Blech“ ist zurück. Mehr als drei Dutzend Musiker haben sich zusammengefunden, um nach eineinhalb Jahren erstmals wieder „tutti“ zu proben.

Bevor die Blech- und Holzbläser, vom Schüler bis zum gestandenen Mittsechziger, ihre Plätze auf den mit Kreide auf den Hof gemalten Kreuzen mit ihrem Namen einnehmen und sich mit Wasser, Notenpult und Campingstühlen für mehrere Stunden Probe einrichten, haben die Organisatorinen Ellen Cordes und Marina Carstens sowie Dirigent Ben Faber eine Stunde lang Abstände ausgemessen, für Strom für die Band gesorgt und Headset und Lautsprecher verkabelt.

So kann Faber im gleißenden Licht der Nachmittagssonne ein kleines Meer aus Käppis und Sonnenhüten begrüßen. Nach dem ersten Song nickt er zufrieden: Es läuft. „Ein tolles Ambiente, zwischen den Wänden mischt sich der Klang richtig gut, und wir haben Strom und Pflasterung fürs Schlagzeug“, lobt er den von MGH-Chefin Ilka Holsten-Poppe zur Verfügung gestellten Probenort. Zunächst habe er nicht gewusst, ob der Klang eine ernsthafte Probe hergeben würde oder „nur eine Gaudi“ – Ersteres scheint der Fall zu sein. Und auch die Stoßgebete für gutes Wetter des Kirchenmusikers haben augenscheinlich gefruchtet.

Die Probe an der frischen Luft markiert für die Metal-Bläser aus dem Sottrumer Raum einen Neustart. Schlecht sei es ihm nicht gegangen, verrät Faber später seinem Orchester, „aber es hat was gefehlt“. Das geht Vielen hier so. „Freude pur“, meint Hermann Gerken in einer der kurzen Pausen mit einer Kopfbewegung auf die Musikerrunde. Ob er das Musizieren meint oder die Gemeinschaft? Wohl beides. „Nur wenn sich‘s hinten raus zieht, ist der Ansatz weg – aber wir sind ja zu viert“, grinst der Tenorsaxofonist. Auch einige neue Gesichter sind dabei.

Dirigent Ben Faber freut sich auf Auftritte.

Finn Grodd besucht nach Abschluss der Bläserklasse am Gymnasium Sottrum die Bläser AG Wildes Blech; er schätzt es, mit anderen gemeinsam Musik zu machen. Auch, wenn es seine erste Probe bei den „Großen“ ist, kann er beim neuen Stück gut mithalten. Einige andere sind ihm beim ersten Mal noch zu schnell, „aber der Klang insgesamt ist schon ziemlich gut“, merkt der fast 13-jährige Saxofonist fachmännisch an. Die drei Stunden werden stramm durchgezogen, schließlich gilt es, den nächsten Auftritt am. 28. August in Hartböhn beim Metronom-Sommertheater vorzubereiten.

Dafür hat Faber extra einen neuen Song komponiert, inspiriert von der hölzernen Kogge bei der Besichtigung des Piratenplatzes. „Da fiel uns sofort der Fluch der Karibik ein“, erzählt der Waffenser, „allein ist der aber arg überstrapaziert.“ Nun üben die Musiker das Medley mit „The Islander“ von Nightwish ein. Der Titel „World’s End“ lässt das Motivationsloch des Profimusikers der vergangenen Monate erahnen; nun gibt die aktuelle Entwicklung der Pandemie Rückenwind – die Motivation und die Lust zu planen sind zurückgekehrt. Den Gesangspart übernimmt der Chef höchstpersönlich.

Zufrieden mit der Leistung

Sein Kinnbart, der dem von Nightwish-Sänger Marco Hietala ähnelt, habe damit aber nichts zu tun, „den habe ich mir schon während des ersten Lockdowns stehen lassen“, sagt der Orchesterchef, „oder sollte das Intuition gewesen sein?“ Mit dem Refrain ist er bald zufrieden, den Schluss wiederholt der wieder und wieder in Dauerschleife. Sein finales, diplomatisches „Naja“ lässt vermuten: Das Stück wird bei der nächsten Probe, der zweiten und letzten vor dem Gig, nochmal auf dem Notenpult landen.

Insgesamt zeigt sich Faber jedoch zufrieden mit der Leistung seiner Musiker: „Eigentlich war es so, wie ich erwartet hatte – die Stücke, die wir oft gespielt haben, sitzen noch, nur Power und Konstitution sind bei Manchem nach der Pandemie noch ausbaufähig.“ Kein Wunder, gab es außer Registerproben und einigen Einzelsessions im Studio, die im September wieder aufgenommen werden, doch kaum Betätigungsmöglichkeiten für die Hobbymusiker jenseits des Übens im stillen Kämmerlein.

Bei der ersten Open-Air-Probe des „Wilden Blechs“ in Waffensen ging es in mehr als einer Hinsicht heiß zu.

Etwas ist während dieser Zeit aber doch passiert, wie Faber verrät: Die mit dem Niedersächsischen Ehrenamtspreis ausgezeichnete Formation wurde auch auf Bundesebene für ihr bürgerschaftliches Engagement nominiert. Die Entscheidung fällt allerdings erst im Herbst. Bis dahin, so hofft Faber, wird der Probenbetrieb längst wieder angelaufen sein. Wie und wo, steht noch in den Sternen – die Entscheidung der Rotenburger Stadtkirchengemeinde über die Zukunft des Gemeindesaals soll in den kommenden Tagen gefällt werden.

Das Jahreskonzert „Rock den Georg“ in der Sottrumer Kirche ist jedenfalls zum zweiten Mal abgesagt: „Etwas Halbgares abzuliefern, kommt nicht infrage.“ Vorerst freut sich Faber über die traumhaften Bedingungen im Innenhof des MGH. Dort haben sich inzwischen einige Anwohner auf den Bänken versammelt. Ein älterer Herr klatscht, nachdem van Halens „Jump“ verklungen ist. Der schönste Ton soll allerdings erst ganz am Ende erklingen: Es ist das Läuten des eigens bestellten Eiswagens, der die Musiker nach strammen drei Stunden für viel Disziplin belohnt.  

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