Ein Interview

Pastorin Sonja Domröse über Reformation und Emanzipation

Sonja Domröse erzählt am 24. Oktober in Sottrum von der weiblichen Seite der Reformation.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Was häufig in Vergessenheit gerät: Die Reformation war vor 500 Jahren ein Rahmen für die Emanzipation von Frauen. Pastorin Sonja Domröse aus Stade hat genau zu diesem Thema geforscht und wird auf Einladung der Sottrumer St.-Georg-Stiftung während eines Vortrages am Dienstag, 24. Oktober, ab 19.30 Uhr in der St.-Georg-Kirche die weibliche Seite der Reformation vorstellen. Im Interview erzählt sie bereits vorab, wie Frauen zu Luthers Zeiten für ihre Sache gekämpft haben.

Die evangelische Kirche feiert 500 Jahre Reformation. Könnte sie das auch ohne den Einfluss von Frauen damals?
Sonja Domröse: Frauen haben an vielen verschiedenen Orten für die Reformation geworben und sich eingesetzt. Das fing zu Hause bei der Erziehung der Kinder an, das setzte sich fort in der Öffentlichkeit beim lauten Singen von Reformationsliedern und beim Besuch evangelischer Gottesdienste. Mutige Zeugnisse gibt es von Frauen, die lesen und schreiben konnten: Sie verfassten Flugschriften, dichteten Lieder oder legten die Bibel aus. Zwei Frauen hatten sogar als Fürstinnen die politische Macht, in ihrem Territorium die Reformation einzuführen.

War Martin Luther Feminist?
Domröse: Nein, das war er sicherlich nicht. Aber er hat zu bahnbrechenden neuen Erkenntnisse gefunden: Durch die Taufe sind alle Christinnen und Christen gleichgestellt. „Was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht zu sein“ – so hat er es plastisch ausgedrückt. Das Priestertum aller Getauften bot schon vor 500 Jahren die Grundlage zur Ordination von Frauen in geistliche Ämter, auch wenn sie damals von ihm nicht umgesetzt wurde.

Welche Frauen sollte man im Zusammenhang mit der Reformation in diesem Jahr zusätzlich feiern?
Domröse: Die bekannteste ist sicherlich Katharina von Bora als Ehefrau Luthers. Aber da gibt es Argula von Grumbach, die als erste Frau selbstbewusst öffentlich für die Reformation eintrat und eine ganze Universität zur Diskussion herausforderte. Oder auch Katharina Zell, die schon vor 500 Jahren predigte und die Bibel auslegte. Aber auch Elisabeth von Calenberg-Göttingen, die einen der Grundsteine für unsere heutige hannoversche Landeskirche legte, zu der ja auch der Kirchenkreis Rotenburg gehört.

Wie haben Frauen denn die „Gelegenheit“ der Reformation genutzt, um in Sachen Gleichberechtigung etwas zu bewegen?
Domröse: Diese Gelegenheit haben viele Frauen beim Schopfe gepackt, in dem sie sich öffentlich zu Wort meldeten und in die Diskussionen ihrer Zeit beherzt eingriffen. Ganz reformatorisch orientierten sie sich dabei an der Bibel, denn beim Propheten Joel sagt Gott zu, dass er seinen Heiligen Geist über Frauen und Männer ausgießt. Das war für viele Frauen eine sehr befreiende Botschaft, die sie versuchten, direkt in ihrem Leben umzusetzen. Auch wenn dann im Laufe der Reformationsgeschichte durch die einsetzende Neuordnung der Kirche diese emanzipatorischen Impulse immer mehr verblassten.

Auf welchen Wegen haben Frauen damals noch für Gleichberechtigung gekämpft?
Domröse: Die Frauen, zu denen ich geforscht habe, versuchten, durch ihre Worte zu überzeugen. Das ist gute evangelische Tradition: Nicht durch Gewalt, sondern allein durch das Wort sollen Menschen überzeugt und gewonnen werden. Durch die Auslegung der Bibel, durch schlüssige Argumentation, durch verständliche Sprache. Einige wenige haben auch durch ihre politischen Befugnisse die Möglichkeit gehabt Einfluss zu nehmen. Da denke ich an Elisabeth von Rochlitz, der 2014 eine ganze Ausstellung in Sachsen gewidmet war. Aber auch durch ihre Netzwerke, also durch Briefe und persönliche Besuche, haben die Frauen versucht, für ihre Vorstellungen zu werben und zu kämpfen.

Kann man Feminismus zu Zeiten Martin Luthers überhaupt mit dem Feminismus, den wir heute kennen, vergleichen?
Domröse: Nein, denn uns trennt natürlich ein großer geschichtlicher Graben von den Menschen vor 500 Jahren. Die Menschen damals lebten in Angst vor der ewigen Verdammnis in der Hölle, ihr Leben war ständig bedroht von Kriegen, von Krankheiten wie der Pest und der Stand, in den man hineingeboren wurde, bestimmte das Leben. Das ist mit dem Alltag heute nicht vergleichbar. Und doch haben die Frauen damals gemerkt, dass sich durch die Reformation an manchen Stellen neue Wege und Möglichkeiten für sie eröffneten. Und diese neue Freiheit haben sie genutzt.

Wie kam das Thema Emanzipation vor 500 Jahren bei der Kirche an?
Domröse: Sehr unterschiedlich. Die Reformation ist ja auch keine einheitliche Bewegung, sondern ist sehr verschiedene Wege gegangen. In den Gemeinden der Täufer, die vor allem von Laien geprägt waren und in denen es die radikalsten Veränderungen gab, haben Frauen selbstverständlich gepredigt und Gemeinden geleitet. Das war in den lutherischen und reformierten Gemeinden anders. Dort gab es zu Anfang, in den Jahren 1521 bis 1525, viele Frauen, die sich durch Flugschriften und öffentliche Aktionen einmischten. Nach dem Bauernkrieg 1525 setzte dann langsam eine Verfestigung der Strukturen ein, die Angst vor unkontrollierten Neuerungen wuchs und damit wurden auch wieder Frauen eher in den Hintergrund gedrängt.

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