Niklas Lohmann ist im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes für ein Jahr in Südafrika

„Lebe mich immer besser ein“

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Der Ausflug auf den Klipriviersberg war nicht nur für die Kinder ein Höhepunkt, auch Niklas genießt den Blick über Johannesburg.

Aus Südafrika Berichtet - Niklas Lohmann. Wenn ich auf meinen Kalender schaue, sehe ich, dass ich schon fast drei Monate in Südafrika bin. Doch es fühlt sich manchmal an wie eine Woche und manchmal wie ein halbes Jahr. Es ist einfach so viel passiert.Ich lebe zusammen mit Fiona und Kira, meinen Mitfreiwilligen im Kinderheim „Kids Haven“ in Benoni nahe Johannesburg.

Das Heim ist aufgeteilt in zwei Teile, zum einen das „Village“ und zum anderen das „Center“. Das „Village“ liegt etwas außerhalb von Benoni. Dort leben die Kinder in kleinen Häusern, in denen auch wir wohnen. Im „Center“, das sich in Benonitown befindet, wohnen die Kinder, die erst seit kurzem im „Kids Haven“ sind. Sie sind zwischen vier und 19 Jahren alt. Der Begriff Kinder wirkt deshalb etwas unpassend, wenn sie teilweise älter sind als ich.

Ein Teil meines Arbeitsplatzes – die Bridging School, der Kindergarten und die Büros der Angestellten – befinden sich auch im „Center“.

In der Bridging School sollen die Kinder auf öffentliche Schulen vorbereitet werden. Es gibt in der Schule zwei Klassen, Class 1 für die ganz neuen Kinder und Class 2 für die, die schon etwas länger hier sind. Offiziell beginnt der Unterricht um 8.30 Uhr, aber meistens wird es etwas später – „African Time“ halt.

Ich hole pro Stunde zwei Schüler aus Class 1. Diese sind zwischen acht und 17 Jahren alt, wobei das Alter nichts über ihre Fähigkeiten oder ihren Bildungsstand aussagt. Ich versuche, ihnen in der Zeit beim Lesen, Rechnen, Schreiben oder auch einfach beim Lesen der Uhr zu helfen.

Die Schule endet um 13.30 Uhr und dann gibt es Mittagessen. Meistens essen wir Reis oder Pap (Getreidebrei aus Maismehl) mit einer Soße. Die Küche ist also sehr einfach, aber es macht satt und das ist ja das Wichtigste. Bis 15 Uhr habe ich Pause. Danach bringe ich die Kinder in einen anderen Stadtteil von Benoni zur Nachhilfe. Bis ich sie wieder abgeholt habe, ist es meistens schon 17.30 Uhr.

Das Autofahren war am Anfang ein Abenteuer. Auf der linken Seite zu fahren, war schon etwas seltsam. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und passe mich immer mehr dem südafrikanischen Fahrstil an.

Den Abend verbringe ich dann meistens mit den älteren Jungs. An den Wochenenden waren wir bisher häufiger in Johannesburg. Mir gefällt die Stadt sehr gut, da „Joburg“ durch die verschiedenen Viertel sehr vielfältig ist.

Es gibt aber Orte, die vor allem bei Dunkelheit sehr gefährlich werden können. Die Kriminalität in Südafrika ist allgegenwärtig. Ab 19 Uhr dürfen wir das Grundstück deshalb nur mit dem Auto verlassen. Zu Fuß kann man dann fast nirgendwo mehr laufen. Wir Freiwilligen sind an die Freiheiten in Deutschland gewöhnt und haben noch große Probleme mit diesen Einschränkungen. Es wird mit der Zeit allerdings immer besser.

Vom 2. bis 11. Oktober waren Frühlingsferien. Da haben wir ein kleines Programm für die Kinder gemacht. Einen Tag waren wir zum Beispiel im Naturreservat Klipriviersberg wandern. Das Reservat ist in der Nähe von Johannesburg und so hatten wir eine sehr tolle Aussicht auf die Stadt. Am Ende der Wanderung haben wir an einem Fluss eine große Wasserschlacht gestartet. Die Kinder sind sofort eingestiegen und wollten gar nicht mehr aufhören. Es war sehr schön zu sehen, wie viel Spaß sie dabei hatten.

Ein anderes Mal waren wir mit ein paar Kindern in der Mall. Dort haben zwei Mädchen versucht zu klauen. Sie wurden allerdings erwischt. Die Strafe von „Kids Haven“ bei solchen Vergehen, ist häufig das „Center“. Die beiden Mädchen haben schon seit ein paar Jahren im „Village“ gelebt und mussten nun wieder ins „Center“ zurückziehen. Das Leben dort ist im Vergleich zum „Village“ ganz anders. Man teilt sich ein Zimmer mit 25 bis 30 anderen Kindern, statt mit zwei bis vieren. Die Strafe ist also schon sehr hart und deshalb kommt so etwas wie Diebstahl selten vor.

An einem anderen Wochenende war ich mit Prince, einem Ex–„Kids Haven“-Kind in Soweto (South -West-Township). Das Township ist bekannt geworden durch Nelson Mandela, der dort einige Zeit gelebt hat. Wir sind mit dem Zug dahin gefahren, was schon ein Abenteuer ist. Die Türen sind die gesamte Fahrt geöffnet, auch bei 120 Stundenkilometern.

Man kann durch eine Vielzahl von Händlern, die durch den Zug laufen, seinen Wocheneinkauf im Sitzen tätigen.

Manchmal bleiben die Züge für eine halbe Stunde ohne ersichtlichen Grund stehen und fahren dann erst weiter. Eine Fahrt ist dafür allerdings ganz billig. Für umgerechnet 75 Cent sind wir nach Johannesburg gefahren.

Prince hat mich mit zum Haus seiner Großmutter genommen, wo ich sehr herzlich begrüßt wurde. Der Gast hat in Südafrika eine sehr große Bedeutung. Prince hat es so ausgedrückt: „Der Gast sollte niemals das Gefühl Hunger spüren“. Das wird auch konsequent umgesetzt, egal wie wenig Geld die Gastgeber haben, dem Gast soll es gut gehen. Ich halte das für sehr schlau, denn jeder ist mal Gast und mal Gastgeber.

Später waren wir mit ein paar Freunden von ihm unterwegs. In Townships leben fast keine Menschen mit weißer Hautfarbe und deshalb war es für viele etwas Besonderes, mich dort zu sehen. Fast jeder, den wir getroffen haben, wollte mit mir reden, wissen wo ich herkomme, was ich in Soweto mache und wann ich das nächste Mal da bin. Das war für mich sehr interessant zu sehen, aber auf Dauer auch wirklich anstrengend.

An solchen Erlebnissen kann man immer noch gut beobachten, was für eine Vergangenheit das Land und was für Auswirkungen diese bis heute hat. Am nächsten Tag waren wir Kota essen, das ist sozusagen südafrikanischer Döner. Ausgeschnittenes Weißbrot gefüllt mit Pommes, Käse, Ei, Wurst und Soße. Klingt jetzt vielleicht nicht so lecker, hat mir aber sehr gut geschmeckt!

Das waren ein paar meiner Erlebnisse und Eindrücke der ersten Monate. Ich fühle mich in Benoni schon sehr wohl und lebe mich immer besser ein. Trotzdem werden die Tage nie so, wie ich es morgens erwarte und das genieße ich sehr.

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