Tierheim ist fast leer

Neue Haustiere im Lockdown: Warum das nicht immer gut ist

Viele legen sich im Lockdown einen Hund zu. Dabei wird der Aufwand häufig unterschätzt.
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Viele legen sich im Lockdown einen Hund zu. Dabei wird der Aufwand häufig unterschätzt.

Im Corona-Lockdown adoptieren die Deutschen deutlich mehr Haustiere als sonst. Das Tierheim in Mulmshorn ist fast leer, Hundezüchter können sich vor Anfragen kaum retten. Doch gerade Letztere sehen diese Entwicklung eher skeptisch.

  • Hohe Nachfrage nach Haustieren bei Tierheimen und Züchtern nach Hunden und Katzen.
  • Tierheim in Mulmshorn ist so gut wie leer.
  • Experten warnen vor einer unüberlegten Anschaffung eines Hundes.

Hellwege/Rotenburg – Der Wunsch nach einem tierischen Begleiter ist aktuell besonders hoch. Tierheime und Züchter stellen aufgrund der Corona-Pandemie eine unüblich hohe Nachfrage nach Hunden, Katzen und Co. fest. Lockdown, Homeoffice und viel Zeit in den eigenen vier Wänden: Der Zeitpunkt scheint für viele geradezu ideal zu sein. Doch ist das aus Sicht von Experten gerade der falsche Ansatz. Insbesondere bei Hunden droht die Gefahr, den Aufwand zu unterschätzen.

Berit Jack, Hundetrainerin und -züchterin in Hellwege, macht schnell deutlich, was sie davon hält, dass viele sich ausgerechnet jetzt einen Hund respektive Welpen ins Haus holen. Das gehe nicht, weil es oft egoistisch motiviert sei. Natürlich, wer schon seit Jahren plant, einen Hund anzuschaffen und sich seitdem entsprechend darauf vorbereitet, für den könnte jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sein, wenn man ohnehin viel zu Hause ist.

Was passiert mit dem Hund, wenn Corona vorbei ist?

Die hätten aber auch schon eine Frage für sich beantwortet, die die meisten, die bei ihr Broholmer-Welpen nachfragen, nicht einmal auf dem Zettel haben: Was ist, wenn Corona vorbei und alles wieder im Normalzustand ist?

Der Verband für das Deutsche Hundewesen (VDH) und der Tierschutzverein Tasso, der eigenen Angaben nach Europas größtes Hunderegister betreibt, haben schon im Juni 2020 deutschlandweit einen Anstieg der Registrierungen von 25 Prozent im Vergleich zum Juni 2019 festgestellt. Das Register wachse stetig, so Tasso-Sprecherin Sonja Slezacek, üblich sei aber ein Wachstum von etwa fünf Prozent im Jahresschnitt.

Von September bis Dezember gab es jeweils ein Wachstum von neun bis 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Slezacek: „Es scheint sich schon die Tendenz zu verfestigen, dass die Corona-Krise deutschlandweit die Nachfrage nach Hunden gesteigert hat.“

Im Südkreis Rotenburg schwanken die Zahlen der Neuanmeldungen

Im Südkreis Rotenburg seien die Zahlen hingegen sehr schwankend, 2020 wurden in mehreren Monaten weniger Hunde neu bei Tasso registriert als 2019. „Eine fehlende Steigerung bei den Registrierungen von Hunden heißt jedoch nicht unbedingt, dass keine höhere Nachfrage nach Hunden besteht. Aber viele Tierschutzhunde und auch die Hunde vieler Züchter sind oft bereits registriert, wenn sie ihren Halter wechseln“, erläutert die Tasso-Sprecherin.

Zeitweise habe man aber durchaus auch eine höhere Steigerung bei den Neuregistrierungen feststellen können. Wurden im Juni 2019 im Südkreis 30 Hunde neu bei Tasso registriert, waren es im Juni 2020 45 Hunde. Das ist ein Zuwachs von rund 50 Prozent, was aber auch den generell niedrigen Zahlenwerten geschuldet ist. 36 Prozent Zuwachs gab es im Südkreis auch im Dezember.

In der Samtgemeinde Sottrum sind laut Auskunft des Ordnungsamtes seit Mai nur geringfügig mehr Hunde angemeldet worden. Waren es 2019 von Mai bis Dezember 76 Neuanmeldungen, gab es 2020 im selben Zeitraum 81 Anmeldungen.

Katzen: Tierheim kann sich vor Nachfragen kaum retten

Den Trend zum Haustier kann man auch im Mulmshorner Tierheim nachvollziehen. Es ist fast leer, so die Vorsitzende des Tierschutzvereins Rotenburg, es sei ganz ungewohnt. Im Tierheim werden insbesondere Katzen stark nachgefragt. „Unmengen“ würde man davon derzeit vermitteln. „Wir können gar nicht so viele Katzen organisieren, wie wir Anfragen haben“, sagt Silke Wingen. Das gehe schon den ganzen Herbst so, trotz Vermittlungsstopp zu Weihnachten.

Aktuelle Anfragen werden auf Ende Januar vertröstet. „Für die Tiere ist das schön, ich freue mich sehr“, sagt Wingen. Platz sei für 50 Katzen, im Normalfall seien 30 bis 40 da, im Moment aber kaum eine. Ebenso gibt es keine Kaninchen oder Meerscheinchen mehr in der Mulmshorner Einrichtung. Das sei wohl in vielen Tierheimen so, haben Anfragende Wingen berichtet. Manche riefen sogar aus Bremen an, weil sie in der Hansestadt keine Katzen mehr finden.

Bei Hunden floriert der Schwarzmarkt - zum Leidwesen der Tiere

Bei Hunden ist die neu entdeckte Tierliebe nicht unproblematisch. Die hohe Nachfrage sorgt dafür, dass der Schwarzmarkt floriert. Jack spricht von „Ostblock-Welpen“, die in Osteuropa oftmals unwürdig gezüchtet werden. Sie seien nicht geimpft, oft krank und würden häufig schon nach einigen Wochen sterben. Der Import ist illegal, doch Schlupflöcher würden immer wieder gefunden.

„Schwarzzüchter haben zurzeit eine riesige Plattform“, sagt Jack. Dabei gehe es um eine Menge Geld, mittlerweile könnten die Schwarzzüchter ähnliche Preise verlangen wie die vom VDH zertifizierten Züchter. Ein Beispiel: Ein Broholmer-Welpe, der bei Jack im Haus geboren wird und dort die ersten Wochen lebt und betreut wird, kostet etwa 2 000 bis 2 500 Euro.

Im Gegensatz zu Hunden ist die Adoption von Katzen unproblematischer, sagt Wingen, da sie eben pflegeleichter sind. „Man muss nicht mit ihnen Gassi gehen und sie nehmen es einem nicht übel, wenn man sie sechs oder acht Stunden alleine lässt.“ Zudem äußere sich fehlende Erziehung bei Hunden drastischer. „Es ist was anderes, wenn eine Katze kratzt oder zubeißt“, so die Tierheim-Chefin.

Manchen ist schon der Hunde-Führerschein zu aufwendig

Erziehung ist daher bei Hunden besonders wichtig. In Niedersachsen muss man dafür sozusagen einen Führerschein machen und sowohl eine theoretische als auch eine praktische Prüfung ablegen – um nachzuweisen, dass man mit dem Tier umgehen kann.

Der Vierbeiner ist bei diesen Prüfungen nicht einmal besonders wichtig, „es geht um den Menschen“, sagt Berit Jack. Oftmals sei diese Prüfung Interessenten zu aufwendig. Aber: „Wenn man die Tiere nicht versorgen kann, dann ist das einfach nicht in Ordnung. Das kann auch tierschutzrelevant werden.“ Jack ist daher Fan des Führerscheins. „Die Menschen wissen oft nicht einmal die Grundlagen.“

Es könne bis zu drei Jahre dauern, bis ein Hund fertig erzogen ist. Viele würden schon scheitern, wenn der Hund mit einem Jahr sozusagen in die Pubertät kommt und eine Phase der Aufmüpfigkeit hat. Das würden die Halter dann unnötigerweise persönlich nehmen. „In dem Alter geben viele ihren Hund wieder ab, weil sie überfordert sind.“

Bis zu 20 Wochen Eingewöhnungszeit fordert Berit Jack

Ein weiteres Problem sei, dass der Hund oft nach der Optik und nach der Handhabbarkeit ausgesucht werde, und sich nur wenige damit beschäftigten, welche Rasse überhaupt zu einem passe. Zehn bis 20 Wochen Eingewöhnungszeit fordert Jack, wenn sie einen Zuchtwelpen abgibt.

Das bedeutet, zehn bis 20 Wochen muss man auch zu Hause sein und das Tier betreuen. Sie prüfe ganz genau, wenn sich jemand auf einen ihrer Hunde sozusagen bewirbt, wie die Tiere erzogen werden sollen. „Es gibt zwei Arten, warum Hunde einem folgen: aus Freundschaft oder aus Angst vor Strafe.“ Letzteres möchte sie selbstredend nicht.

Zudem stelle sie genaue Nachfragen nach der Intention. Dass man gerade eh viel Zuhause ist oder gar Langeweile hat, das sind für sie keine guten Gründe. „Das ist Leichtsinn. Und es ist nicht verantwortungsvoll dem Tier gegenüber, wenn man aus egoistischen Gründen einen Hund anschafft, nur weil ich gerade Zeit habe oder ich mich alleine fühle.“

Die kotzende Katze für manche ein „No-go“

Auch im Tierheim gibt man Katzen nicht einfach so heraus. Zunächst gibt es ein mehr als einstündiges Vermittlungsgespräch, um den Interessierten klar zu machen, was es bedeutet, eine Katze im Haus zu haben. „Manche finden es schon schlimm, wenn eine Katze kotzt“, sagt Wingen. Solche bekämen dann natürlich keine.

Der Tierschutzverein fragt ebenfalls nach, was mit der Katze passiert, wenn man in den Urlaub fährt oder das Tier das Kind beißt. Zudem gibt es Hausbesuche und Nachkontrollen. Wingen: „Keine Katze verlässt das Tierheim, ohne dass wir nicht ihr neues Zuhause gesehen haben.“

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