Naturschutz braucht Dialog

Als Sumpfdotterblumenwiese 1992 kartiertes Grünland, von der heute nichts mehr zu sehen ist.
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Als Sumpfdotterblumenwiese 1992 kartiertes Grünland, von der heute nichts mehr zu sehen ist.

Temporäre Gewässer sind ein seltenes Bild geworden. Es ist ein einprägsamer Einstieg, den die Everser Kreisnaturschutzbeauftragte Christiane Looks für ihren Jahresbericht gewählt hat. Und dieser zeigt: Es gibt viel zu tun.

Eversen/Rotenburg – Wassermanagement. Es ist nicht nur ein Thema, dass die Wasserversorger im Landkreis Rotenburg beschäftigt, sondern auch die Kreisnaturschutzbeauftragte Christiane Looks umtreibt. Seit 2015 übernimmt die Everserin dieses Ehrenamt und hat dem Kreisumweltausschuss in seiner jüngsten Sitzung erneut ihren Jahresbericht vorgelegt. Darin hat sie sich außerdem besonders den sogenannten „Paragraf-30“-Biotopen gewidmet, die Fragen aufwerfen, die „dringend diskutiert werden sollten“.

Zum Einstieg wählt Looks gerne das letzte Bild aus dem Vorjahresbericht. Auch in diesem Jahr: Sie präsentiert den Ausschussmitgliedern ein temporäres Gewässer aus der Samtgemeinde Sittensen, ein Bild, das selten geworden sei. „Und es wird noch seltener – wir haben das dritte Jahr mit großer Trockenheit“, erklärt sie. Es ist auch ein Bild, das zeige, wie wichtig ein vernünftiges Wassermanagement sei. „Wir sollten versuchen, das Wasser nach Möglichkeit in der Fläche zu halten.“ Heißt zum Beispiel: Man merke derzeit, dass die Begradigung der Flüsse keine gute Idee war, das Wasser fließt dort schneller ab. Bewegt es sich aber in Kurven, bleibt es länger, verteilt sich besser und davon profitiert die Umgebung.

In diesem Zusammenhang macht Looks einen Exkurs in die Gewässerunterhaltung. So war früher Entwässerung von Niederungen notwendig, um Platz im Rahmen des Bevölkerungszuwachses zu schaffen und Gebiete wirtschaftlich nutzbar zu machen. Heute, in Zeiten des Klimawandels, sei es fraglich, ob das für die Zukunft noch sinnig sei, gibt Looks zu bedenken – und bezweifelt das. Stellen, die früher entwässert worden sind, müssten heute bewässert werden. „Da ist ein Wassermanagement mittelfristig notwendig.“

Auch „Paragraf-30“-Biotope, denen Looks einen Großteil ihrer Ausführungen widmet, verschwinden aus dem Landschaftsbild. „Nicht überall, aber tendenziell hat es sich verändert.“ Nach dem Bundesnaturschutzgesetz werden bestimmte Teile gesetzlich geschützt, wenn sie eine besondere Bedeutung als Biotope haben. Dazu zählen unter anderem Moore, Sümpfe, offene Binnendünen oder Ginster- und Wacholderheiden. Solche „Paragraf-30“-Biotope gibt es auch im Landkreis Rotenburg. Sie sind zwar formal geschützt und Handlungen, die zu einer Zerstörung führen können, sind verboten, aber es gibt kein Gesetz, das Grundstücksbesitzer zwingt, „sie so zu pflegen, dass sie im einstigen Zustand erhalten bleiben“, erklärt Looks – außer, es handelt sich dabei um ein Naturschutzgebiet.

Sie präsentiert anhand von Luftaufnahmen Beispiele, wo einmal ein Biotop war, das in seiner Ursprungsform nicht mehr zu finden ist – oder nur noch Spuren davon. „Das ist ein Riesenproblem“, macht sie deutlich. Finden könne die Naturschutzbeauftragte diese Biotope auch nur, wenn es auf Karten entsprechende Kennzeichnungen oder es alte Luftbilder gibt. Möglich war ihre konkrete Arbeit in diesem Bereich nur, da sie Kartierungsunterlagen für alle gesetzlich geschützten Biotope erhalten hatte.

Looks zeigt während des Vortrags eine Flutmulde, einen Graben, der im Falle eines Hochwassers vor einer Überschwemmung schützt. Durch normales Wirtschaften sei diese verschwunden. Looks erklärt jedoch mehrfach, dass man die Besitzer der Flächen nicht dafür verantwortlich machen könne. „Wenn er nichts tut, ist das völlig in Ordnung. Er darf es nur nicht beseitigen.“ Diese machten ergo nichts falsch. „Gerade Flutmulden haben in den letzten Jahren aber massiven Schaden erlitten“, weiß Gert Engelhardt, Leiter des Amtes für Wasserwirtschaft, ergänzend dazu.

Um diese Biotope, wenn sie naturschutzfachlich wertvoll sind, zu erhalten, müssten sie unter einen anderen Schutz gestellt werden. Darüber sollte man sprechen, fordert die Kreisnaturschutzbeauftragte auf. „Sonst verschwinden bestimmte Biotoptypen.“ Diskussionen braucht es dazu aber nicht nur in der Politik, sondern auch gemeinsam mit den Landwirten und anderen Flächenbesitzern. „Wir müssen uns zusammensetzen und gucken, wie wir mit all diesen Problemen umgehen“, zieht sie ihr Fazit. Finanzielle Unterstützung sei ein Weg, die Flächenbesitzer zu animieren, die Biotope entsprechend zu pflegen und zu erhalten – bisher gab es das nicht. Looks wisse aber von Sonderfällen, in denen mithilfe von Mitarbeitern der Naturschutzbehörde ein Gebiet angemessen gepflegt worden sei. „Das Thema ist wichtig, darüber muss diskutiert werden. Aber das muss im Dialog mit allen geschehen.“

Auch eine angeblich nähr-stoffreiche Nasswiese an der Grenze zum Landkreis Osterholz-Scharmbeck habe sie in der Kartierung von 1992 entdeckt, mit einem großen Bestand an Sumpfdotterblumen. Dreimal habe sie diese abgesucht, außer Disteln, ein wenig Wiesenschaumkraut und lückenhaft Gras nichts gefunden. „Das ist keine nasse Wiese mehr wie früher – das ist erschreckend“, so Looks. „Wenn sich das Umfeld verändert, verändert sich auch das Biotop, das kann man nicht isoliert betrachten – auch, wenn der Landwirt gut gewirtschaftet hat.“ Daraus ergibt sich aber ein Konflikt: Sollen die Biotope erhalten werden, müssten die Flächen umzu entsprechend behandelt werden.

Zum Schluss gibt es aber auch eine gute Nachricht: Auf einer auch kulturhistorisch interessanten Fläche in der Samtgemeinde Tarmstedt wächst englischer Ginster und diese Fläche ist „richtig gut“, merkt Looks an – wenn sie gepflegt wird.

Von Ann-christin Beims

Darüber sollten wir sprechen. Sonst verschwinden bestimmte Biotoptypen.

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