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Mit Tischtennis und dem TV Sottrum gegen Parkinson

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Von: Andreas Schultz

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Michael Itzen und Klaus Lüßen stehen mit Tischtennisschlägern vor grünem Hintergrund
Mit Schlägern zu Tisch: Michael Itzen (l.) und Klaus Lüßen laden Parkinson-Erkrankte zum Tischtennis ein. © Schultz

Tischtennis hilft bei den Beschwerden, die die Krankheit Parkinson mit sich bringt. Deshalb öffnen Michael Itzen und Klaus Lüßen die offene Tischtennisgruppe des TV Sottrum für Erkrankte. Auch eine eigene Gruppe ist je nach Nachfrage im Gespräch.

Sottrum – Es war auf dem Weg zu den Landesmeisterschaften in Gifhorn, als Michael Itzen aus seiner Tischtennisabteilung die Idee erreichte: eine Gruppe zu etablieren, die Parkinson-Erkrankten die Möglichkeit gibt, im Verein an dem Sport teilzunehmen. Und bei der Meisterschaft selbst trifft Itzen auf einen alten Kollegen aus dem zurückliegenden Polizeidienst, in dessen Verein das Konzept läuft und funktioniert.

„Das war der Anfang, dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe, das auch in Sottrum anzubieten.“ Mit positivem Ausgang: Start des Versuchsballons ist im September. Denn: „Wir wollen Menschen helfen, denen es nicht so gut geht“, sagt Itzen.

„Ping-Pong als eine Form des Tischtennis fördert die Motorik, die Beweglichkeit und das Reaktionsvermögen. Es verbessert die Gedächtnisleistung, den Gleichgewichtssinn und das Konzentrationsvermögen“, heißt es in einer Broschüre des Vereins „PingPongParkinson Deutschland“, kurz: PPP. Er ist Anlaufstelle für Menschen wie den Abteilungsleiter Itzen und den Übungsleiter Klaus Lüßen, die Parkinson-Erkrankten die Möglichkeit geben wollen, mithilfe der Sportart einerseits aus der Isolation zu kommen, andererseits effektiv etwas gegen die Symptome zu unternehmen. Dass das wirklich funktioniert und kein Hokus-Pokus ist, darin sind sich PPP-Vertreter sicher. Sie stützen sich unter anderem auf eine Studie der Fukuoka University in Japan, „die bestätigt, dass Ping-Pong tatsächlich eine vielversprechende Form der Physiotherapie für Parkinson-Patienten darstellt“. Die fortschreitende Verschlechterung der Symptome könne durch das Spielen von Tischtennis nachweislich verlangsamt werden.

In Deutschland ist das Konzept von PPP-Gruppen bereits vielfach erprobt, unter anderem beim SV Warsingsfehn. Dort gibt es eine der deutschlandweit 71 PPP-Gruppen, die Itzen sich auch schon persönlich angesehen hat. Das Sottrumer Prinzip sieht zunächst vor, die offene Spielgemeinschaft, die sich jeden Dienstag um 19 Uhr zum zweistündigen Zusammenspiel trifft, für Parkinson-Erkrankte zu öffnen. Derzeit gehen dort 25 Menschen im Alter von 30 bis 70 Jahren dem Sport zusammen nach – „und ich gehe jetzt zum Start auch nicht davon aus, dass das zu viele neue Mitspieler werden. Wir nehmen sie erst mal auf und sehen, wie sich das von dort aus entwickelt“, sagt Klaus Lüßen. Wenn genügend Betroffene zusammenkommen, könnte eine eigenständige PPP-Gruppe zustande kommen. Die Belegung der Halle an der Sottrumer Oberschule lässt derzeit noch zu, dass fünf bis sechs „Neue“ dazukommen können, ohne dass eine selbstständige Gruppe notwendig wird. Aber irgendwann wird es eng mit zusätzlichen Tischen.

Hier ist es möglich, etwas mit Gleichgesinnten zu machen, mit Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen.

Klaus Lüßen

Dass das Duo fest hinter seiner Idee steht, lässt sich unter anderem daran erkennen, dass Sottrum inzwischen auch auf der Internetseite des PPP Deutschland auf der interaktiven Karte eingetragen ist – als PPP-Stützpunkt. „Es gibt ja auch mit Sicherheit Parkinson-Erkrankte in Sottrum. Jetzt geht es erst einmal darum, die hinterm Ofen hervorzulocken“, sagt Itzen. Er weiß: Nicht zuletzt können die Auswirkungen der Krankheit dazu führen, dass Menschen in vereinsamen. Was hilft da besser, als einer Gruppenaktivität nachzugehen? „Hier ist es möglich, etwas mit Gleichgesinnten zu machen, mit Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen – und das hilft dabei, sich auch etwas zu öffnen“, macht Lüßen Mut.

Wer glaubt, ohne Vorerfahrung in der Sportart in der Gruppe abgehängt zu werden, irrt: „Da gibt es keinen großen Leistungsgedanken. Jemand, der gerade anfängt oder wieder einsteigt, muss nicht denken, das wären alles Profis“, gibt Itzen zu Protokoll. Tischtennis könne jeder spielen, nahezu überall stünden Tische und die Sportart sei auch im Vergleich nicht sonderlich verletzungsauffällig.

Nicht eingeschüchtert sein, lieber ausprobieren: Das ist das Motto. Gerade Parkinson-Erkrankte müssten aber auch etwas Geduld mitbringen, denn ungeübt ist es am Anfang schon eine Leistung, den Ball zu treffen und übers Netz zu bekommen. „Das steigert sich über die Zeit“, schildert Itzen. Und Lüßen fügt hinzu: „Allein schon dadurch, dass man den Schläger in die Hand nimmt, geht das Zittern weg.“

Dass keiner der beiden selbst betroffen ist oder in irgendeiner Form Expertise in Zusammenhang mit der Krankheit hat, macht weder Itzen noch Lüßen große Sorgen. In Gesprächen mit PPP-Gruppen und der Zentralen Informationsstelle Selbsthilfe Selbsthilfekontaktstelle (ZISS) im Landkreis Rotenburg sei nicht vermittelt worden, dass das wichtig wäre. „Wir bringen Lebenserfahrung mit“, formuliert der 68-jährige Lüßen überzeugt. Für die sportliche Expertise sorge die regelmäßige Erneuerung der Übungsleiter-Lizenz.

Wer aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr in der Lage ist, die Strecke zur Turnhalle zurückzulegen, könne auch in Fahrgemeinschaft mit Freunden oder Angehörigen kommen – und auch die seien dann zum Mitspielen eingeladen. Und wer weiß: Vielleicht wächst die Gruppe auf diese Weise doch sehr viel schneller, als es die beiden Tischtennisspieler jetzt einschätzen.

Die Gruppe

Das Sottrumer PPP-Projekt trifft sich ab September dienstags, 19 bis 21 Uhr, in der kleinen Turnhalle der Oberschule Sottrum, erreichbar über die Zufahrt am Kindergarten. Klaus Lüßen ist für Fragen zu erreichen unter 04264/1548 sowie 0176/8491526, Michael Itzen unter 04264/3322 und 01522/1953362. Mehr Infos gibt es auf der Internetseite des PPP unter pingpongparkinson.de.

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